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„Hart aber fair“: Tschentscher kritisiert Corona-Strategie

Coronatests für Reisende aus Risikoländern sind nun Pflicht

Wer aus Corona-Risikogebieten nach Deutschland kommt, muss sich jetzt bei der Einreise auf das neuartige Virus testen lassen. Eine entsprechende Verordnung stellte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn kürzlich in Berlin vor.

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Bei „Hart aber fair“ ärgerte sich Hamburgs Bürgermeister über den Umgang mit Reiserückkehrern. Tests fänden zu früh statt.

Berlin. „Es ist entsetzlich“, sagte Florian Schroeder. Eine ganze Branche gehe kaputt – von Kino bis Theater. „Und die Politik schaut zu. Das ist ein Skandal“, schimpfte der Moderator. Wer Schroeder am Montagabend bei „Hart aber fair“ zuhörte, fühlte sich kurz zurückversetzt in die Monate März und April, als das ganze Land praktisch stillstand – und über die Folgen des Lockdowns diskutierte.

Danach wurde viel gelockert. Die Wirtschaft nahm wieder Fahrt auf. Doch Corona ist immer noch da. Und es gibt Branchen, die weiter leiden. Die Kultur gehört dazu. Kabarettist Schroeder sagte zwar, dass er wieder auftreten könne, wenn es ein Hygienekonzept gebe. Viele Veranstalter stünden aber kurz vor dem Aus.

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Und die Nachrichten der vergangenen Tage und Wochen zeigen, dass die Pandemie eben nicht vorbei ist – im Gegenteil. Bundesweit steigen die Corona-Zahlen. Eine beunruhigende Entwicklung. Lesen Sie hier: RKI meldet neue Fallzahlen

„Hart aber fair“: Urlaubs-Rückkehrer sorgen für Corona-Anstieg

ARD-Talker Frank Plasberg meldete sich daher mit einem Thema aus der Sommerpause zurück, das auch vorher die Sendungen bestimmt hatte: das Virus und seine Verbreitung. „Der ungeliebte Urlaubs-Rückkehrer: Wer hat Corona wieder reingelassen?“, fragte die Redaktion. Auf den ersten Blick ist die Antwort eindeutig. Etwa ein Drittel der Infektionszahlen geht auf Reiserückkehrer aus dem Ausland zurück.

Wer in Länder reise, in denen die Viruslast höher sei, dozierte Hamburgs Erster Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) – übrigens selbst Arzt – im Fachjargon, habe auch eine höhere Wahrscheinlichkeit, sich anzustecken. Eigentlich klar.

Dabei ist nicht das Ziel der Reise das Problem. Sondern das Verhalten. „Wer Party in Kroatien macht, muss sich nicht wundern“, sagte der Ökonom Michael Hüther. Der Direktor des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln zählte auf, was unverändert wichtig sei – und was einige anscheinend vergessen haben: Abstand halten, Hygieneregeln beachten, ein Schutz für Mund und Nase. „Was hier richtig ist, ist auch im Ausland richtig“, sagte Hüther.

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Corona-Krise: Peter Tschentscher schimpft über Disziplinlosigkeit

Doch nicht nur wer regelmäßig Zug fährt, kann zu der Überzeugung gelangen, dass der Umgang mit Corona sorgloser wird, auch in Deutschland. Hamburgs SPD-Bürgermeister Tschentscher, eigentlich kein Politiker der lauten Töne, wurde in Plasbergs TV-Studio deutlich: „Die Regeln werden nicht ernst genommen. Das ist Disziplinlosigkeit“, ärgerte er sich.

Ungewöhnlich scharfe Worte fand der SPD-Mann auch für die Teststrategie der Bundesregierung. Um eine Corona-Infektion bei Reiserückkehrern auszuschließen, sollte erst einige Tage nach der Rückkehr getestet werden – denn das Virus benötigt Zeit, ehe es ausbricht.

Kommentar: Corona: Eine Testpflicht muss her – für alle Reiserückkehrer

Aktuell können sich Reisende am Flughafen testen lassen. Der Zeitpunkt aber sei entscheidend, so Tschentscher. Direkt nach Ankunft könne es noch zu früh sein. „Wir haben da eine schlechte Regelung“, urteilte der Politiker.

Ökonom: Wirtschaft verkraftet keinen zweiten Lockdown

Deutschland galt lange Zeit als vorbildlich im Kampf gegen die Pandemie. Bei den Reiserückkehrern aber reagierte die Politik spät. Erst seit dem 8. August gilt eine Testpflicht für Urlauber aus Risikogebieten, wie Plasbergs Redaktion bemängelte.

Und auch sonst wird wieder gefeiert, sich umarmt und getanzt. Eine gewisse Corona-Müdigkeit macht sich breit – mit fatalen Folgen? IW-Ökonom Hüther ist überzeugt, dass die Wirtschaft keinen zweiten Lockdown verkraften würde. Dazu dürfe es nicht kommen.

Auch die Frage möglicher Schulschließungen wird inzwischen anders bewertet. Dass Kinder und Jugendliche im Falle einer zweiten Corona-Welle wieder wochenlang zu Hause bleiben müssen, solle sich nicht wiederholen.

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Journalistin: Schulschließungen führen zu „Angststörungen“

Von „depressiven Symptomen“, „Traurigkeit“ und „Angststörungen“ als Folge, berichtete die Wissenschaftsjournalistin der „Süddeutschen Zeitung“, Christina Berndt. Im Notfall müssten Klassen oder Jahrgänge geschlossen werden – nicht aber die gesamte Schule.

Hamburgs Bürgermeister Tschentscher wollte durch Corona zwar einen „Digitalisierungsschub“ ausgemacht haben. In den Schulen sei davon aber wenig zu spüren, spottete IW-Ökonom Hüther. Präsenzpflicht könne dadurch ohnehin nicht ersetzt werden, sagte die Pädagogin Nele Flüchter, selbst Mutter zweier Kinder. Gerade lernschwache Schüler und Kinder aus sozial schwachen Familien seien auf Betreuung angewiesen.

Am Thema Schule lassen sich erneut die Eigenheiten des deutschen Föderalismus aufzeigen. Während in NRW auch im Unterricht Maskenpflicht gilt, sieht Hamburg darin keinen Nutzen. „Beim Einkaufen ist die Maske okay. Da ist es eine vertretbare Belastung“, sagte Landeschef Tschentscher.

Einigkeit besteht bei allen Ländern zumindest darin, den Unterricht wieder regulär aufzunehmen. Soweit es eben möglich ist. In Zeiten der Pandemie ist das ein gutes Zeichen. Oder wie SZ-Journalistin Christina Berndt es ausdrückte: „Kinder first!“

Sehen Sie hier die „Hart aber fair“-Ausgabe in der Mediathek.

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