Rassismus

Wie rassistisch und eurozentrisch ist deutsches Fernsehen?

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Ist deutsches Fernsehen rassistisch? Medienwissenschaftler kritisieren eine „eurozentrische Sichtweise“ und klischeehafte Besetzungen.

Berlin. Das Fernsehen galt lange als Fenster zur Welt, und für die meisten Zuschauer stimmt das immer noch: Ihr Wissen über andere Kontinente verdanken sie in erster Linie den TV-Nachrichten. Kai Hafez (Universität Erfurt) stellt „Tagesschau“, „heute“ oder „RTL aktuell“ jedoch ein miserables Zeugnis aus. Der Politik- und Kommunikationswissenschaftler erforscht unter anderem die politischen Beziehungen zwischen dem Westen und der islamischen Welt und beschäftigt sich intensiv mit der Auslandsberichterstattung. Afrika zum Beispiel, kritisiert er, tauche stets nur in negativen Kontexten auf.

Das habe Folgen für unser Bild jener Menschen, die als Migranten zu uns kämen: „Unser Blick auf die Welt ist nach wie vor sehr eurozentrisch. Die Nachrichtenwelt ist immer noch aufgeteilt in eine demokratische westliche Sphäre und eine eher feindliche, unmoderne und repressive asiatisch-afrikanische Sphäre.“ Solche „angstbehafteten Kontexte“ führten letztlich zu einem latenten oder manifesten Rassismus.

Rassismus im Fernsehen: „Wir gegen die anderen“

Hafez sieht „einen starken Trend zur einfachen Polarisierung: ‚Wir gegen die anderen‘“. Über die Hälfte der Deutschen halte den Islam für gewaltsamer als alle andere Religionen; die meisten dieser Menschen seien islamophob. Unser Bild von Afrika sei nach wie vor stark kolonial behaftet, weil große Teile der Fernsehberichterstattung zu Ethnologie und Traditionalismus neigten: „Viele afrikanische Staaten sind bei der Digitalisierung viel weiter als wir, doch in unserem Afrikabild ist der gesamte Kontinent pauschal rückständig. Europa wird ein immer kleinerer Teil der Welt, aber wir klammern uns an die Hegemonialität der letzten 500 Jahre.“

Das gilt offenbar auch für Fernsehfilme und Serien, selbst wenn die Sender ausnahmslos beteuern, sie seien in dieser Hinsicht äußerst sensibel. Der gewaltsame Tod des Afroamerikaners George Floyd hat weltweit zu Protesten gegen Rassismus geführt. Lesen Sie hier: Tötung von George Floyd – Dieses Video löste die Proteste in USA aus

TV-Sender und Streamingdienste haben vorsorglich ihre Programme untersucht; Christine Strobl zum Beispiel, als Geschäftsführerin der ARD-Tochter Degeto für mehrere Hundert Filme pro Jahr verantwortlich, beteuert: „Wir empfinden es als unseren Auftrag, uns immer wieder mit dem Thema Integration zu beschäftigen und die Angst vor Fremden zu hinterfragen.“

Schauspieler mit ausländischen Wurzeln werden oft für entsprechende Rollen gecastet

Schauspieler mit ausländischen Wurzeln beklagen jedoch das Phänomen des „migrantischen Castings“: Wer eine dunkle Hautfarbe hat, wird nur dann eingeladen, wenn eine entsprechende Rolle besetzt werden soll. Für Nataly Kudiabor zeigt das, „wie eurozentrisch unsere Branche nach wie vor geprägt ist“. Als Tochter eines Ghanaers und einer Deutschen weiß die UFA-Produzentin, wovon sie redet, wenn sie von „strukturellem Rassismus“ spricht: Man sei immer „der oder die Andere“.

Diese Haltung sei auch im Fernsehen nach wie vor präsent: „Wenn eine Figur auftaucht, die im landläufigen Sinn nicht ‚deutsch‘ wirkt, wird stets erklärt, wo sie herkommt. Anscheinend glaubt man bei den Sendern, die Zuschauer seien überzeugt: Wer irgendwie anders aussieht, kann auch kein Deutscher sein.“ Auch interessant: Symbolpolitik reicht im Kampf gegen Rassismus nicht aus

Entsprechend klischeehaft seien viele Rollen: „Afrikaner sind Flüchtlinge. Sie können zwar gut tanzen, sind aber kriminell. Türken sind Gemüsehändler, Asiaten haben einen China-Imbiss.“ Nur selten werde erzählt, „dass viele dieser Menschen, die pauschal als ‚Ausländer‘ gelten, hier geboren sind, einen deutschen Pass haben und sich als Deutsche fühlen“.

„Vielfalt geht uns alle an“

Natürlich gibt es positive Gegenbeispiele. Kudiabor reicht das jedoch nicht. UFA-Chef Nico Hofmann hat die Devise vorgegeben: „Vielfalt im Fernsehen geht uns alle an.“ Sie will daher Serien produzieren, in denen es normal ist, „dass ein Afrodeutscher die Hauptrolle spielt, ohne zu erklären, warum er ‚so gut deutsch‘ spricht. Es muss ohnehin viel mehr Formate geben, die nicht nur aus eurozentrischer Sicht geschrieben werden.“ Lesen Sie auch: „Black Lives Matter“ – Die Welt steht auf gegen Rassismus

Was sie meint, veranschaulicht ein Vergleich: „Geschichten über Menschen mit Migrationshintergrund werden zu selten von Autoren erzählt, die auch wissen, wovon sie sprechen. Ein Drehbuch über die Geburt eines Kindes aus Sicht der Mutter zum Beispiel würde man vermutlich nicht von einem kinderlosen Mann schreiben lassen.“