Kritik

Schwarzwald-„Tatort“: Deswegen war der ARD-Krimi so gut

Die Ermittler Franziska Tobler (Eva Löbau) und Friedemann Berg (Hans-Jochen Wagner).

Die Ermittler Franziska Tobler (Eva Löbau) und Friedemann Berg (Hans-Jochen Wagner).

Foto: Benoît LINDER / dpa

Eher Rausch als klassischer Sonntagabendkrimi: Was den Schwarzwald-„Tatort“ von Regisseur Jan Bonny so bemerkenswert gemacht hat.

Berlin. Taumelnde Körper, jähe Gewalt, viel Alkohol und jede Menge Sex: Die Episode „Ich hab im Traum geweinet“ von Regisseur Jan Bonny, der zusammen mit Jan Eichberg auch das Buch schrieb, stürzt sich kopfüber in den Taumel der alemannischen Fasnacht.

Die Kommissare Franziska Tobler (Eva Löbau) und Friedemann Berg (Hans-Jochen Wagner) steigen nach durchzechter Nacht erst einmal miteinander ins Bett. Später wird Philipp Kiehl (Andreas Döhler), der seine Frau Elena (Bibiana Beglau) zu einer Schönheits-OP in den Schwarzwald begleitete, tot in seinem Hotelzimmer aufgefunden – erschlagen mit einem Aschenbecher.

Drei Fakten, die diesen „Tatort“ über die übliche Durchschnittskost herausheben.

1. Dieser „Tatort“ ist ein erstaunlich schmutziger, authentischer Film

Regisseur Jan Bonny kümmert sich nicht um das gängige Strickmuster, wonach der Mord ganz am Anfang steht, dann eine Parade möglicher Täter vorgeführt und schließlich eine möglichst überraschende Lösung präsentiert wird.

„Ich hab im Traum geweinet“ (eine Gedichtzeile übrigens aus Heinrich Heines „Buch der Lieder“, 1823 von Franz Schubert vertont) kreist um Kontrollverlust, Exzess und die Folgen, die sich daraus ergeben. Gedreht wurde unter anderem in Elzach im baden-württembergischen Landkreis Emmendingen, wo die Fasnacht Jahr für Jahr begangen wird.

Das sind die beliebtesten Tatort-Kommissare
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Die Maskerade der Narren spiegelt sich in der Schönheitsoperation, der sich Elena unterzieht – und natürlich auch in dem neuen Leben, das die Verdächtige Romy (Darja Mahotkin) nach ihrer Vergangenheit als Prostituierte angenommen hat.

2. Die „Tatort“-Geschichte basiert auf realen Begebenheiten

Regisseur Jan Bonny erzählt im ARD-Interview, er habe die Geschichte zusammen mit Co-Autor Jan Eichberg aus einer Begebenheit entwickelt, die „wir mal in der Zeitung gefunden haben“.

„Über eine junge Frau, die aus dem Milieu raus ist und sich in die Provinz abgesetzt hatte, in einen kleinen Ort, und die dann zufällig von einem ehemaligen Freier wiedergefunden wurde. Durch dessen bloße Präsenz in diesem kleinen Ort wurde sie bloßgestellt und in dieser Kleinstadt wurden Fragen ausgelöst. Und plötzlich musste sich diese kleine Gesellschaft dazu positionieren und sie selbst auch. Beziehungsweise hatte sie Angst, dass die Gesellschaft sich gegen sie stellen würde, und es ist ja eine interessante Frage, ob diese Angst überhaupt berechtigt war.“

Die Darstellerin der Romy darf man als Entdeckung dieses „Tatorts“ feiern. Darja Mahotkin war zuletzt bei der „Soko Hamburg“ und in der Serie „Dogs of Berlin“ zusehen.

3. Die Kamera ist integraler Teil des „Tatort“-Geschehens

Die Handkamera von Stefan Sommer ist ein Element, das diesen „Tatort“ besonders stark vom Rest der Reihe abhebt. Sie ist beständiger Teil des Geschehens, der Zuschauer glaubt, selbst dabei zu sein und auch schon ein bisschen was getrunken zu haben.

„Ich glaube, dass das Stefan Sommer Spaß gemacht hat. Es war ziemlich anstrengend, weil wir mehr gedreht haben als sonst so üblich“, erzählt Regisseur Jan Bonny im Interview, verweist aber auch auf die große Rolle, die Ausstattung und Kostümbild gespielt haben.

Entscheidend war aber sicherlich seine eigene Mitarbeit, die all dies und mehr zusammenführte. Jan Bonny, Jahrgang 1979, hat 2017 bereits bei einem Borowski-„Tatort“ Regie geführt und 2018 einen „Polizeiruf 110“ mit Matthias Brandt in der Rolle des Hanns von Meuffels. Beide Filme wurden von der Kritik überwiegend euphorisch gefeiert.

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