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Warum der Arte-Film „Das kalte Herz“ märchenhaft gut ist

Frederick Lau berührt als Köhler Peter Munk in „Das kalte Herz“ die Geisterwelt.

Frederick Lau berührt als Köhler Peter Munk in „Das kalte Herz“ die Geisterwelt.

Foto: SWR/Schmidtz / © SWR/Schmidtz Katze Filmkollekt

Arte zeigt Johannes Nabers Version von Wilhelm Hauffs „Das kalte Herz“. Sie ist nicht nur wegen der namhaften Besetzung großes Kino.

Berlin.  Als der Schwabe Wilhelm Hauff vor knapp 200 Jahren sein Märchen „Das kalte Herz“ veröffentlichte, war die industrielle Revolution bereits in vollem Gange. Obwohl der Schwarzwald damals wie heute fernab von den großen Wirtschaftszentren lag, bekamen die Menschen auch dort zu spüren, dass sich etwas änderte.

Der Beruf des Köhlers etwa war nicht mehr zeitgemäß; Kohle wurde in großem Stil in Bergwerken abgebaut. Es ist also kein Zufall, dass Hauff einen Kohlebrenner zum Helden seiner düsteren Erzählung machte.

„Das kalte Herz“: Frederick Lau spielt den Köhlersohn Peter

Weil Köhlersohn Peter (Frederick Lau) unzufrieden ist, sucht er eines Tages das Glasmännlein (Milan Peschel) auf, einen Waldgeist, der Sonntagskindern drei Wünsche erfüllt. Der junge Mann wählt seine Wünsche allerdings nicht besonders klug, und er steht wieder mit leeren Händen da.

Nun wendet er sich an den sogenannten Holländer-Michel (Moritz Bleibtreu), einem finsteren Unhold, der auf einer Gegenleistung besteht: Man muss sein Herz gegen einen Stein eintauschen. Stolz präsentiert er seine Sammlung: Jeder, der es im Schwarzwald zu Macht und Reichtum gebracht hat, zählt zu seinen Kunden.

„Das kalte Herz“ erzählt kein kein typisches Kindermärchen

Peter, der das alles in kauf nimmt, um der schönen Glasmachertochter Lisbeth (Henriette Confurius) ein angemessenes Leben bieten zu können, wird von einem Tag auf den anderen hartherzig; und Lisbeths Liebe verliert er auch.

Im Unterschied zu den ungleich bekannteren Geschichten der Gebrüder Grimm ist „Das kalte Herz“ kein typisches Kindermärchen; und deshalb ist auch die jüngste Verfilmung kein Kinderfilm.

Arte-Neuverfilmung orientiert sich an einem Defa-Klassiker

Interessanterweise orientiert sich Johannes Nabers Adaption allerdings weniger an Hauffs Vorlage, sondern an Paul Verhoevens Defa-Werk aus dem Jahr 1950, das damals den Start der äußerst erfolgreichen ostdeutschen Kinderfilmtradition markierte.

Gleiches hatte schon für Marc-Andreas Bocherts 2014 ausgestrahlte Märchenverfilmung fürs ZDF gegolten; beide Filme wirken daher wie ein Remake des DDR-Klassikers, zumal sie wie dieser auf die religiösen Elemente der Vorlage verzichten und dafür als Parabel über die Gier unverhohlene Kapitalismuskritik betreiben.

Nachtaufnahmen erinnern an Gemälde Caspar David Friedrichs

Während sich der an Weihnachten ausgestrahlte ZDF-Film jedoch an die ganze Familie richtete, hatte Naber offenkundig ein mindestens jugendliches Publikum vor Augen, selbst wenn es seiner etwas konventionellen Inszenierung aus Sicht Hollywood-verwöhnter Zuschauer an Tempo und Raffinesse mangeln dürfte.

Dafür überzeugt eine starke Bildgestaltung: Kameramann Pascal Schmit hat offenbar konsequent auf künstliches Licht verzichtet, so dass viele Szenen im Zwielicht spielen; die Nachtaufnahmen erinnern an die Gemälde des Romantikers Caspar David Friedrich, eines Zeitgenossen von Wilhelm Hauff.

Authentizität und Fantasie – die Neuerfindung des Schwarzwaldes

Die fast noch größere Faszination des Films liegt jedoch in der Welt, die Naber geschaffen hat. Dank einer mutigen Mischung aus historischer Authentizität und eigener Fantasie haben Ausstattung und Kostüm den Schwarzwald gewissermaßen neu erfunden.

Dazu ungewöhnliche Musik (Oliver Biehler) vom Filmorchester Babelsberg. Auch die gezielt eingesetzten Effekte erfüllen höchste Ansprüche. Endgültig großes Kino wird „Das kalte Herz“ durch die namhafte Besetzung selbst kleiner Nebenrollen.

  • „Das kalte Herz“, Mittwoch, 22. Januar, 20.15 Uhr, Arte