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„Hart aber fair“: Wie BKA-Chef Münch die Sendung rettete

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Paul Ritter
BKA-Chef Holger Münch war bei „Hart aber fair“ zu Gast.

BKA-Chef Holger Münch war bei „Hart aber fair“ zu Gast.

Foto: Emmanuele Contini / imago/Emmanuele Contini

Bei „Hart aber fair“ ging es um kriminelle Flüchtlinge. Die Anmoderation folgte rechten Klischees, doch die Sendung verlief ausgewogen.

Berlin.  Die NS-Zeit als „Vogelschiss“ in der deutschen Geschichte? Alexander Gaulands jüngste Äußerungen sind ein weiterer Beleg dafür, wie weit die Grenzen des Sagbaren zuletzt nach rechts gerückt worden sind. In den Strudel der durch den AfD-Chef wieder entflammten Debatte ist auch „Hart aber fair“ geraten.

So hat die Redaktion angekündigt, Alexander Gauland künftig nicht mehr in die Sendung einzuladen (auch bei „Anne Will“ wird er in den kommenden eineinhalb Jahren nicht mehr auftreten, wie die Sendeleitung angekündigt hat). Ein Grund für die Entscheidung von Plasberg war sicher auch die harte Kritik, die das „Hart aber fair“-Team im Vorfeld der Sendung vom Montagabend einstecken musste, in der es (mal wieder) um Flüchtlinge und Kriminalität ging.

Auslöser für die Kritik war die Bewerbung der Ausgabe im Vorfeld, die tatsächlich gleich das nächste Exempel für die beschriebene Verschiebung der Debatte war: „Junge Männer, geflohen aus Krieg und archaischen Gesellschaften – für viele hierzulande Grund zu Sorge und Angst“, stellte die Redaktion da fest, um zu fragen: „Können solche Flüchtlinge überhaupt integriert werden? Wie unsicher wird Deutschland dadurch?“

„Hart aber fair“ fragte: Sind Flüchtlinge krimineller als der Durchschnitt?

Die Debatte selbst fiel trotz dieser reißerischen Anmoderation dann aber ausgewogen aus. Das lag beispielsweise an Holger Münch, dem Chef des Bundeskriminalamtes, der die Lage anhand von Statistiken differenziert darstellte. Einerseits sei die Kriminalität unter Zuwanderern im vergangenen Jahr zurückgegangen, berichtete Münch. Andererseits sei sie zugleich aber noch immer höher als in der Durchschnittsbevölkerung.

Für diesen Zustand lieferte Münch auch gleich eine Erklärung. „Männer und insbesondere junge Männer begehen häufiger Straftaten“, sagte der BKA-Präsident. Auch spielten Sprache, Bildung, Arbeit und die Bleibeperspektive eine Rolle. Auffällig sei aber, dass es nationale Schwerpunkte gebe: Menschen etwa aus Afghanistan oder Syrien würden weniger auffallen als solche aus den Maghrebstaaten.

Erst Amnesty, jetzt Abschiebung

Auf dieser soliden empirischen Grundlage wies Isabel Schayani auf die Irrationalität der Diskussion über Flüchtlinge hin. „2015 waren wir alle Amnesty, jetzt ist es komplett umgeschlagen“, sagte die WDR-Journalistin. Natürlich sei man damals auch naiv gewesen, räumte sie ein. Die da kamen, seien schließlich keine „Surferjungs aus Kalifornien“ gewesen. Doch habe die Gesellschaft damals gemeinsam ein Zeichen gesetzt.

Zwischen Annalena Baerbock und Markus Blume entspann sich derweil der übliche parteipolitische Streit. Während die Grünen-Chefin für schnelle Integration warb und sich gegen Ausgrenzung stellte, forderte der CSU-Generalsekretär schnellere Abschiebungen und weniger Zuwanderung.

Der volle Rechtsstaat nur für Deutsche?

Die Rolle des Hardliners übernahm allerdings Ruud Koopmans. Immer wieder stellte der Soziologe die Verbindung zum Islam her. „Afghanistan ist ein Land, wo Frauen nur halbwertige Wesen sind. Das ist staatliche Politik dort – und auch in anderen islamischen Ländern“, argumentierte Koopmans.

Von dieser Entwicklung seien letztlich auch die jungen Männer geprägt, die hierher kommen. „Vielen gelingt es, sich in die neue Gesellschaft einzuklinken. Aber es gelingt nicht jedem, weil es ein riesiger Kulturschock ist.“

Über das Ziel hinaus schoss Koopmans, als er eine Art Rechtsstaat Light für abgelehnte Asylbewerber forderte. Weil häufig gegen negative Bescheide geklagt wird, solle über die Rechtsmittel nachgedacht werden, forderte er. „Es ist nicht selbstverständlich, dass andere dieselben Rechte haben wie die deutschen Bürger.“

Doch, Herr Koopmans, genau das macht den Rechtsstaat aus!

Der Praktiker

Einblicke in die Praxis lieferte Asmen Ilhan, der von einem Projekt berichtete, das Flüchtlingen bei der Integration helfen soll. „Es kommt häufiger zu einer Täter-Opfer-Umkehr: Zum Beispiel, dass Mädchen selbst schuld sind, wenn sie sexuell belästigt werden“, berichtete Ilhan von seiner Arbeit mit jungen Geflüchteten. Allerdings seien viele bereit sich zu ändern – und würden auch die Chance sehen, die sich ihnen bietet.

Zugleich warnte Ilhan davor, die Menschen als fremdartig auszugrenzen. „ Wir schauen immer defizit-orientiert auf Flüchtlinge, nicht wertschätzend“, kritisierte er. Das sei problematisch, stattdessen sollten sie lieber eingebunden werden.

Fazit

Die Lage ist kompliziert, einfache Antworten gibt es nicht: Diese alte Weisheit gilt für das Thema Flüchtlinge ganz besonders. Erstaunlich, dass dies ausgerechnet bei einer – und dann auch noch dieser – Ausgabe des vielgescholtenen „Hart aber fair“ deutlich wurde. Einen großen Anteil daran hatte die ausgewogene Auswahl der Gäste, aber auch der zuletzt immer wieder kritisierte Gastgeber Frank Plasberg.

Am Ende wurde deutlich, dass eine Versachlichung der Debatte guttun würde. Und dass die Einstellung dringend wieder positiver werden sollte. „Die Grundannahme müsste sein: Wir wollen, dass es klappt. Und nicht: Wie kriegen wir die wieder raus“, fasste es die Journalistin Schayani zusammen.

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