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Was Deniz Yücel in der ARD über seine Haftzeit verriet

Der deutsch-türkische Journalist Deniz Yücel.

Der deutsch-türkische Journalist Deniz Yücel.

Foto: Soeren Stache / dpa

In der ARD sprach der Journalist Deniz Yücel erstmals im Fernsehen über die Zeit im türkischen Gefängnis – und watschte die AfD ab.

Berlin.  Der türkische Staatspräsident tobte. Ein Spion, ein deutscher Agent sei er, urteilte Recep Tayyip Erdogan über Deniz Yücel. Ein Jahr lang saß der Türkei-Korrespondent der Tageszeitung „Die Welt“ im Hochsicherheitsgefängnis Silivri Nr. 9 in Istanbul, zehn Monate davon in Isolationshaft – ohne Anklageschrift.

„Ich bin mit meiner Arbeit den richtigen Leuten auf den Zeiger gegangen“, sagte Deniz Yücel in seinem ersten TV-Interview nach der Haftentlassung bei „ttt - titel thesen temperamente“ am Montagabend in der ARD. „Und so soll es auch sein“. Er bereue es jedenfalls nicht, Journalist geworden und in die Türkei gegangen zu sein.

Yücel, dunkles Sakko über dem weißen T-Shirt, wirkte in dem Interview erholt von den Strapazen der Haft. Bis sich aber wieder Normalität eingestellt habe, werde es aber noch eine ganze Weile dauern. Deniz Yücels wichtigste Aussagen:

Die Freilassung

„Meine Freiheit sollte nicht zum Gegenstand von politischen oder wirtschaftlichen Geschäften werden“, so Yücel. Er wollte nicht freigekauft werden. Allerdings konnte er nicht mehr tun, als diesen Willen zu bekunden. Denn: Am Ende sei es eine Entscheidung der türkischen Gerichte gewesen. „Ich hätte nicht sagen können, dass ich im Gefängnis bleiben will, weil es vielleicht doch einen Deal gegeben hat.“

Der erste Text aus der Haft

Kontakt nach außen, Schreiben, Stift, Papier waren im Gefängnis verboten. Und so kritzelte Yücel seinen ersten Text in die türkische Ausgabe des „Kleinen Prinzen“, den er von seiner Frau bekommen hatte – mit einem Stift, den er beim Arzt heimlich eingesteckt hat. „Man hört ab und zu die Straßenbahn, sonst keine Geräusche und kein Tageslicht“, notierte Yücel auf freie weiße Flächen.

Die Zeit in der Zelle

Er habe viel gelesen und sich später auch einen Fernseher gekauft. „Im drei mal vier Meter großen Innenhof habe ich Sport getrieben, bin gelaufen, immer im Kreis“, sagte Yücel. Vom Hof aus habe er sich unterhalten können, seinen Zellennachbar, einen Richter, habe er aber nie sehen können. Erst nach zehn Monaten wurde die Isolationshaft gelockert.

Die Bedeutung einer freien Presse

Mit Sorge sprach Yücel von der Situation in Polen und Ungarn. „Wir haben dort auch eine Situation, die vor zehn Jahren unwahrscheinlich war“. Es sei ein schöner Nebeneffekt, wenn seine Verhaftung dazu geführt habe, dass vielen Menschen bewusst geworden sei, wie wichtig es ist, eine freie Presse zu haben.

Über die AfD

Die AfD nannte Yücel wegen früherer Polemiken gegen Thilo Sarrazin in der „taz“ einen Hassprediger. „Das ist grotesk“, konterte der Journalist. Auch wenn Abgeordnete anderer Parteien – von der Linken bis zur CSU – mit dem Text nicht einverstanden gewesen seien, ehre es sie, „dass sie dieser Provokation nicht auf den Leim gegangen sind“.

Seinen Prozess im Juni

Ob Yücel vielleicht selbst darüber berichten werde, ließ er offen. „Ich will wieder in meinem Beruf arbeiten, aber das kann etwas dauern.“ Dass er sich freiwillig auf die Gerichtsbank setzen wird, ist unwahrscheinlich. Ihm drohen 15 Jahre Haft.

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