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Sexismus-Diskussion bei Anne Will scheitert an eigener Regie

Trotz einer angeregten Diskussion scheiterte Anne Will bei ihrem Sexismus-Talk.

Trotz einer angeregten Diskussion scheiterte Anne Will bei ihrem Sexismus-Talk.

Foto: Wolfgang Borrs / NDR

Anne Will debattiert mit ihren Gästen niveauvoll über Sexismus. Allerdings hat sie ein Problem: die Schnittbilder des eigenen Teams.

Berlin.  Für den perfekten Talkshowabend war eigentlich alles angerichtet. Eine Moderatorin in Top-Form, die die richtigen Fragen stellte. Gäste, die klug und niveauvoll argumentierten. Und dazu ein Thema, das Menschen weltweit bewegt: Sexismus.

Dass das eben mitunter doch nicht reicht, um eine Sendung zu produzieren, die im besten Fall eine politische Debatte mit prägt, musste Anne Will am Sonntagabend erfahren – und es war nicht ihre Schuld. Bedanken darf sich die Moderatorin bei ihrer Regie. Ausgerechnet beim sensiblen Thema Sexismus zielte die Kamera mehrmals auf die nackten Beine von Verona Poth, fuhr sie genüsslich von unten nach oben ab – und führte das Thema der Sendung („Die Sexismus-Debatte – Ändert sich jetzt etwas?) so ad absurdum.

Der einzige Mann argumentiert leidenschaftlich

Ein Eigentor, das besonders schmerzt: Sieht man von den peinlichen Schnittbildern ab, schaffte es Anne Will nämlich, das Thema angemessen zu behandeln. Dass unter den fünf Gästen mit Ex-Bundesinnenminister Gerhart Baum (FDP) nur ein Mann saß, wirkte zwar etwas befremdlich. Schließlich drängt sich so der Eindruck auf, dass Sexismus und übergriffiges Verhalten nur ein Problem von Frauen ist – und keines, das die ganze Gesellschaft betrifft.

Doch Baum argumentierte so leidenschaftlich, so überzeugt von der Sache, dass es ein Genuss war, ihm zuzuhören. Der Liberale schwang sich zum obersten Feministen auf. „Sexismus hat etwas mit Machtstrukturen zu tun“, analysierte er. Weite Teile der Republik seien eben noch immer männerdominiert, das mache Frauen schwach und wehrlos. Baum, der in seiner Partei zum linksliberalen Flügel zählt, empörte sich: „Alltagssexismus ist ein Angriff auf die Menschenwürde“. Auch mit Kritik an der FDP sparte er nicht. „Ich würde meiner Partei gerne eine Frauenquote verordnen, die Mentalität stimmt nicht“, so Baum.

Sexualität und Sexismus haben nichts gemeinsam

Doch auch die Gäste neben Baum lieferten kluge Beiträge. Auf den wichtigen Unterschied zwischen Sexualität und Sexismus machte die Frauenrechtlerin Ursula Schele aufmerksam. „Die Ebene der Sexualität wird instrumentalisiert, um zu unterwerfen und zu erniedrigen“, sagte sie. Sexuelle Gewalt beschäme Frauen, mache sie mundtot – eine mögliche Erklärung dafür, dass Frauen ihre Peiniger so selten rechtlich belangen.

So stehen deutsche Prominente zur Sexismus-Debatte
So stehen deutsche Prominente zur Sexismus-Debatte

„Sexuelle Gewalt ist erniedrigend“, stimmte Verona Pooth zu. Wer sexuell missbraucht wird, laufe mit einem Trauma umher. Erschwerend komme hinzu, dass den Frauen oft nicht geglaubt werde. „Das ist belastend für die Betroffenen“, so Pooth.

Wie eine Journalistin Sexismus erlebte

Die Diskussion darüber, was Sexismus ist, wie er wirkt und wann aus einem dummen Spruch ein Übergriff wird, ist nicht neu in Deutschland. Die Journalistin Laura Himmelreich brachte mit ihrem Portrait über den damaligen FDP-Spitzenpolitiker Rainer Brüderle 2013 eine bundesweite Debatte über Sexismus ins Rollen. „Er hat bei jedem Treffen mein Alter und meine Rocklänge thematisiert“, sagte Himmelreich bei Anne Will. Das gipfelte in der Aussage, die Reporterin könne „ein Dirndl ausfüllen“.

Die heutige Chefredakteurin von „Vice“ in Deutschland gewährte interessante Einblicke hinter die Kulissen der Politik. Himmelreich, die mit 26 Jahren Korrespondentin beim „stern“ wurde, war für die Berichterstattung über die FDP verantwortlich. „Ich war in einer Männerwelt“, sagte sie. Auf Parteiveranstaltungen, abends und in Verbindung mit Alkohol habe sie sexistisches Verhalten erlebt. „Ich wurde in einer Art und Weise behandelt, die ich unangemessen finde“, so Himmelreich.

Himmelreich wollte Brüderle nicht persönlich schaden

Das Ziel ihres Textes habe nicht darin bestanden, der FDP oder Rainer Brüderle persönlich zu schaden. „Ich wollte einfach zeigen, dass ich ihn im Jahr 2013 nicht als Spitzenkandidat für geeignet halte“, sagte die Journalisten.

Und Rainer Brüderle? Der konnte die ganze Debatte um seine Person nicht verstehen. „Er hat das jahrzehntelang so gemacht und es war akzeptiert. Er wollte witzig und charmant sein“, sagte die Reporterin.

Die Gesellschaft ist weiter

Heute aber, so Himmelreich, sei die Gesellschaft weiter. Der flapsige Spruch, die Hand auf dem Po werde von immer mehr Menschen als das erkannt, was es ist: Sexismus und übergriffiges Verhalten. Frauen müssten trotzdem entschiedener und selbstbewusster für ihre Rechte kämpfen.

Auch Anne Will versuchte nach 60 Minuten, ein eigenen Fazit zu ziehen. „Wir sind einen Schritt weiter, aber noch nicht am Ziel“, sagte sie. Ihre Regie hat das am Sonntagabend eindrucksvoll bewiesen.