ARD-Krimi

„Tatort“ um toten Internet-Star: Wie "Prankster" ticken

Wilson Ochsenknecht erstellt im Tatort als „Scoopy“ skrupellos Webvideos und will den „Fame“ erben, den der ermordete „Simson“ sich mit Videos von fragwürdigen Streichen verdient hat.

Wilson Ochsenknecht erstellt im Tatort als „Scoopy“ skrupellos Webvideos und will den „Fame“ erben, den der ermordete „Simson“ sich mit Videos von fragwürdigen Streichen verdient hat.

Foto: Gordon Muehle / MDR

Im „Tatort: Level X“ geht es darum, was Jugendliche mit Videos im Netz anrichten. Aber was stimmt von der Darstellung?

Dresden.  „Wenn ich Gesetzgeber wäre, würde ich internetfähige Handys für Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren verbieten“: Das sagt Schauspieler Martin Brambach, und da hält er es wie der von ihm gespielte Kommissariatsleiter Schnabel im „Tatort“: Im „Tatort: Level X“ geht es um Live-Streams, um pausenlose Online-Kommunikation – und darum, was Kiddies mit dem Smartphones und Videos im Netz anrichten.

Der Krimi um den Tod eines 17-Jährigen gab einen Einblick in die Szene der Prankster im Netz, die mit zum Teil kriminellen Streichen Klicks sammeln. Reich, vergöttert, immer online – was stimmt von der Darstellung? Die sieben wichtigsten Fragen:

1) Wie beliebt sind die Prankster? Gerade beim Stelldichein der Branche bei der Verleihung des Webvideopreises Deutschland war kein Prankster da. Nicht ungewöhnlich. „Das sind für viele in der Szene die schwarzen Schafe, die Assi-YouTuber“, sagt unserer Redaktion Markus Hündgen, Gründer und Organisator des Preises. Würden Fans sich denn wie im „Tatort“ massenhaft andächtig versammeln und auf einen Rockerclub losgehen, weil sie dort den Mörder vermuten? Hündgen zweifelt: „Die Prankster werden nicht vergöttert wie andere YouTuber, sie sind nicht der große Bruder oder die große Schwester.“ Während andere Webvideo-Stars ihre Fans mit in den Alltag nehmen, setzen die Prankster auf Momente, die besonders extrem sind. Und ärgern ihre Fans mit Geschichten, die sich dann als unwahr rausstellen.

Wie es wirklich mit der Loyalität aussieht, musste der Prankster Leon Machère bei einem Fantreffen feststellen. Plötzlich liefen die Fans zu Konkurrent Mert Matan, der nach eigenem Bekunden „zufällig“ in der Nähe geparkt hatte. Matan entschuldigte sich in einem Video später. Streit zwischen ihm, Marchère und ApoRed gibt es immer wieder – mit hoher Wahrscheinlichkeit inszeniert. Gegenseitig treibt man sich die Abonnentenzahlen hoch.

2) Verdienen Prankster wirklich gut?

Die Ermittler im Tatort rechnen einen fabelhaften Monatsverdienst vor: „1 Euro pro Tausend Klicks, das macht bei 10 Millionen Klicks 10.000 Euro, dann kommt noch die Produktwerbung obendrauf, das ist eine ganze Menge für so ein paar Streiche.“ An seinem 18. Geburtstag hätte der Webvideostar 500.000 Euro erhalten sollen, die die Agentur bis dahin für ihn verwaltet. Superstars verdienen das tatsächlich locker, aber nicht YouTuber mit nur einer Million Abonnenten, die Trash-Inhalte für ein pubertierendes Publikum produzieren, sagt Hündgen.

Die Werbepreise bei Videos sind stark gefallen, „Preise von 1 Euro sind längst vorbei, bei den Prankstern sowieso. Ich habe sogar schon von 2 Cent gehört.“ ApoRed packte in einem Video aus – um dabei zugleich doch großspurig aufzutreten: „YouTube-Klicks reichen vielleicht gerade mal für den Tank“, sagte er hinter dem Steuer eines großen SUV. „Wer sich ein bisschen mit YouTube auskennt, weiß, dass man sich nicht mit den Klicks einen Range Rover Mansory und Klamotten und Schuhe im Wert von 300 K (300.000 Euro) holen kann.“

Wie er sich das geholt hat, verrät er allerdings nicht. Prankster hätten auch das Problem, das Werbekunden mit Produktplatzierungen in ihren Filmen eher nicht zu sehen sein wollen. Bleibt noch, Musik zu machen oder mit Merchandising Geld zu verdienen.

3) Wie arbeiten die Prankster?

Anders als im „Tatort“ gezeigt, werden die Streiche fast nie live übertragen: Zu viel Wartezeit, in der die Leute wegklicken würden, es kann zu viel schief gehen. Also wird anschließend Action zusammengeschnitten. Bei den Streichen müssen nicht immer andere beteiligt sein – vor einigen Monaten gab es eine Welle, sich irgendwo einschließen zu lassen und dann durch verlassene Möbelhäuser, Kinos oder Fast-Food-Läden zu streifen. Manche YouTuber hatten das abgesprochen, andere vielleicht, einige waren wirklich unerlaubt unterwegs. Da entstanden dann auch unscharfe schlecht beleuchtete Videos – weil das authentisch wirkte.

Ansonsten sind aber oft mehrere Kameras im Einsatz, dazu Tontechnik. Nur das Smartphone nutzen zum Filmen wie im Tatort – eher die Ausnahme. Und: Pranks streuen auch YouTuber, die ein sauberes Image haben: Bianca „Bibi“ Heinicke („Bibis Beauty Palace“) und Julian Claßen („Julienco“) spielen sich immer wieder auch gegenseitig Streiche. Und Joko und Klaas, heute im TV gesetzt, sind damit groß geworden. „Wenn man das untereinander macht, hat das auch eine andere Qualität“, sagt Hündgen. „Streiche sind ja auch grundsätzlich nichts Verwerfliches. Pranks sind eine Primitivversion von ,Verstehen Sie Spaß?’“

4) Wie weit gehen die Pranks? Ein bisschen Angst verbreiten – der YouTuber ApoRed fand das im Ende Juni 2016 in seinem „Bomben Prank!!“ lustig. Er warf in der Hamburger Innenstadt eine Sporttasche zwischen Passanten und rief den Leuten zu: „30 Sekunden habt Ihr alle Zeit. Rennt lieber, wenn euer Leben was wert ist.“ Auf ihn wartet nach Angaben der Staatsanwaltschaft Hamburg noch ein Prozess wegen Störung des öffentlichen Friedens, dabei wird es auch noch um Verstoß gegen das Kunsturhebergesetz gehen: Als er das Video hochlud, hatte er natürlich nicht das Einverständnis der Menschen im Video. Das schert die Prankster oft nicht.

Genauso unbedacht war eine Aktion Weihnachten 2016 in Wickede (NRW), die einen 18-Jährigen mit schweren Handverletzungen ins Krankenhaus brachte: Um ihn nach einer Party zu wecken, hatten seine Freunde Smartphone-Kamera und Kettensäge angeworfen. Er schreckte auf, griff in die Säge. Das Video ging zum Glück nie online.

Dafür zeigte ein Film, wie Mert Matan (1 Millionen Abonnenten) seinen konservativen deutschtürkischen Vater zum Explodieren bringt mit dem Outing, vermeintlich schwul zu sein. In den mit versteckter Kamera gedrehten Szenen schlägt der Mann auf seinen Sohn ein. Mert Matan fand den Prank inklusive Auflösung „Ich mach nur Spaß, ich würde so was nie tun“ zuerst gelungen.

5) Provozieren die Prankster Nachahmer? Ja. ApoRed zeigte nach dem „Bomben Prank!!“ eine Spur von Einsicht: „Ich werde auch gerne öfters als Maßstab genommen für viele Leute. Man lernt aus solchen Sachen. Man lernt aus Fehlern“, erklärte er. Leon Machère warnte mal sein Fans: „Eins darf man nicht vergessen, wir bauen Scheiße, wir wissen, was wir in Kauf nehmen.“ Die deutschen Prankster kopieren die Ideen oft von US-Kollegen, mit Simon Desue ist ein Deutscher sogar in die USA gezogen. Auch der verhängnisvolle Streich mit der Kettensäge hatte eine Vorlage. Bei dem vielfach kopierten Original in Norwegen war aber das Kettenblatt abmontiert.

6) Haben sie Agenturen? Das ist ab einer gewissen Abonnentenzahl auf YouTube oder auch anderen Netzwerken üblich. Bei Agenturen kann man sich dafür bewerben. Völlig unrealistisch ist aber wie im Tatort, dass eine Agentur in schmucken Räumen sieben YouTuber unter Vertrag hat, von denen Simson als erfolgreichster eine Million Abonnenten hat. Davon kann keine Agentur existieren. Unüblich ist auch, was der Manager im Film als „ganz normale business practice bei minderjährigen talents“ bezeichnet: Da verwaltet er das Geld von Simson.

7) Sind sie ein häufiges Problem für die Polizei? Eine gesonderte Auswertung über unnötige und falsche Einsätze durch solche Aktionen wird nirgendwo geführt, die Pressestellen können zur Häufigkeit wenig sagen. Etwa in Essen und Dortmund fallen den Verantwortlichen in den Präsidien keine Fälle ein. In Berlin nennt ein Beamter sofort die „Horror Clowns“, das war auch ein überregionales Phänomen. In etlichen Fällen mussten Polizeidienststellen auch ausrücken, als sich Prankster in Gebäuden einschließen ließen.

Polizisten sagen: Falsche Alarme durch irgendwelche Streiche sind in jedem Fall ein echtes Ärgernis; sie können dazu führen, dass Polizei an anderer Stelle fehlt. Werden Urheber ermittelt, können Kosten des Einsatzes auf sie zukommen. Und: Wer ungefragt andere filmt und die Bilder zeigt, kann sich auch strafbar machen.

8) Kommen Prankster aus ihrer Rolle raus? Im „Tatort“ hat Simson den Plan gefasst, Schluss zu machen mit primitiven Pranks und lieber investigative journalistische Formate zu drehen. „Simson war voll von verrückten Ideen, nicht alle waren gut“, tut der Manager das ab. Da liegt der „Tatort“ richtig: Einfach mal den Stil völlig zu ändern, verzeihen die Fans nicht. „Wer nicht krassen Scheiß macht, ist bei diesen Fans nicht mehr angesagt“, sagt Webvideo-Experte Hündgen. Dann muss eine neue Fanbasis aufgebaut werden.