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Anne Will konfus: Lindner philosophiert über „Geisterstrom“

Skandale und Gäste-Rankings: Diese fünf Dinge muss man über Polit-Talkshows wissen

Ob "Anne Will", "Hart aber Fair", “Maybrit Illner“ oder “Maischberger“: Polit-Talkshows prägen unsere politischen Debatten. Fünf Dinge, die man über dieseTalkshows wissen muss.

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Bei Anne Will sollte es um den deutschen Wohlstand gehen. Stattdessen gab es einen verstörenden Schnelldurchlauf der Energiedebatte.

Berlin. Je länger diese Anne-Will-Sendung dauerte, desto mehr verwirrte sie den Zuschauer. Ein Diskutant in der prominent besetzten Runde benutzte zwischenzeitlich das Wort „Dunkelflaute“. Das passte hervorragend.

„Zwischen Konjunkturflaute und Klimaschutz – wie sicher ist Deutschlands Wohlstand?“ lautete der Titel der Sendung, der ja seinerseits schon so manche Frage aufwirft: Sind die schwächelnde Wirtschaftskraft und der Klimaschutz Phänomene, die sich zum noch größeren Problem summieren? So groß, dass man gleich die Gefahr für Deutschlands Wohlstand ausrufen muss?

Anne Will zu Deutschlands Wohlstand – das sind die prominenten Gäste:

  • FDP-Chef Christian Lindner
  • CSU-Chef Markus Söder
  • Die gerade mit Rekord-Ergebnis wiedergewählte Grünen-Vorsitzenden Annalena Baerbock
  • Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung – eine landesweit bekannte Ökonomin

Sie alle sollten eigentlich, das war der Ausgangspunkt, über das soeben von den Wirtschaftsweisen prognostizierte Abflauen der Konjunktur und die bestmögliche Reaktion darauf debattieren.

Anne Will: Fixe Positionen und schnelle Themenwechsel

Hier waren die bekannten Positionen recht schnell ausgetauscht. Dass die Grünen eine Lockerung der Schuldenbremse befürworten und auf diese Weise den Investitionsstau aufzulösen hoffen, ist schon länger bekannt.

Dass die FDP davon nicht viel hält, ebenso. Lindner sorgte sich darum, was die Italiener wohl denken würden, wenn Deutschland plötzlich wieder Schulden aufnähme. Stattdessen müsse Deutschland seine enormen Rücklagen endlich für Investitionen verwenden, sagte Lindner, der zugleich überraschend anregte, der Staat solle seine Commerzbank-Aktien, der Konzern will Stellen abbauen, verkaufen.

Söder ermunterte, mäßig überraschend auch er, zur Senkung der Unternehmenssteuer, während Claudia Kemfert staatliche Anschubfinanzierungen als Stimulans privater Initiative empfahl.

Anne Will disziplinierte und führte die Gäste nicht

An dieser Stelle wäre es Aufgabe der Moderatorin gewesen, das Thema zu halten, die Diskutanten zu disziplinieren und ihre Positionen klar zu machen. Manches Verständnisproblem des Zuschauers hätte so gelöst oder ganz vermieden werden können.

Aber daraus wurde nichts, denn von diesem Punkt sprang die Sendung nahtlos zur Energiewende – ein hochwirtschaftliches Thema fraglos, aber in seinen speziellen Verästelungen doch auch ein anderes Thema.

Plötzlich wurde es sehr konfus

Und nun begann es konfus zu werden. Der deutsche Automarkt, die E-Mobility, die Brennstoffzelle, die Windkraft, die Speichermöglichkeiten für alternative Energieerschließung, der Zustand des Stromnetzes und sein dringend benötigter Ausbau – die Themen rasten vorbei wie die Landschaft vor dem Fenster eines Hochgeschwindigkeitszuges.

300 Milliarden habe Deutschland seit 2005 in erneuerbare Energien investiert – Rekordhoch – und verfehle trotzdem seine Klimaziele, behauptete Lindner, und Claudia Kemfert sagte, das stimme ja gar nicht. Aber was stimmte denn nun? Ist es eine sinnvolle Idee, den in Deutschland benötigten Strom per Photovoltaik in Ländern wie Spanien und Italien zu produzieren und dann zu importieren? Setzt man bei der Mobilität auf Wasserstoff oder die Elektrozapfsäule oder auf beides? Welche Auswirkungen hat die Regelung, Windkraftparks in Zukunft nur noch in 1000 Metern Entfernung von Siedlungen zuzulassen?

Christian Lindner spricht von Verirrung – und dann von Geisterstrom

Es ist ja nicht so, dass keine dieser Fragen strittig wäre. Sie sind es alle. Nur sollte man dann auch konzentriert über sie reden und nicht vom Hölzchen aufs Stöckchen springen. Lindner selbst war es, der zwischendurch beklagte, man verirre sich hier in Spezialfragen – um keine zwei Sätze später über die Besonderheiten der schleswig-holsteinischen Windkraftenergieeinspeisung und den sogenannten „Geisterstrom“ zu philosophieren.

„Sie sind Ökonomin“, erklärte er dann der Ökonomin Claudia Kemfert, der das womöglich gar nicht so neu war. Und fügte an: „ … und keine … äh … wir sind alle keine Physiker“. Man erinnerte sich von fern an ein Eigentor, dass dem FDP-Mann mal mit Greta Thunberg, die gerade wieder über den Atlantik segelt, und dem Wort „Experten“ gelungen war. Diesmal umtanzte er es knapp.

Am Ende war alles windstill

Und Söder? Sieht ein Bürokratieproblem in Deutschland und Bayern in fast allen Fragen der Energiewende ganz vorn. „Keine Nation der Welt führt eine so ideologische Diskussion um ihr wichtigstes Wirtschaftsgut“, sagte er in Anspielung auf die beim Grünen-Parteitag zu hörende Forderung, es müsse auch Regeln und Verbote in Deutschland geben. Diese Forderung hält Lindner wiederum für eine Floskel – natürlich müsse es auch Verbote geben. „Ich bin ja zum Beispiel auch gegen das Kükenschreddern“, sagte er.

Gegen Ende tauchten drei Wörter aus dem Themennebel, mit denen Anne Will auch ihre Sendung beschloss: Geisterstrom. Windstille Nacht. Dunkelflaute.

Dunkelflaute. Besser hätte man es nicht zusammenfassen können.