Weltwirtschaftsforum

Schwab: "Gewinner müssen mit Verlierern solidarisch sein"

Klaus Schwab, Chef des Weltwirtschaftsforums, fordert mehr Solidarität in der Wirtschaft und setzt auf eine Beschränkung der Managergehälter.

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Klaus Schwab, Chef des Weltwirtschaftsforums, fordert mehr Solidarität in der Wirtschaft und setzt auf eine Beschränkung der Managergehälter.

Klaus Schwab, Chef des Weltwirtschaftsforums, spricht über die Grenzen der Globalisierung und soziale Verantwortung von Topmanagern.

Genf.  Cologny am Ostufer des Genfer Sees. Von Klaus Schwabs Büro aus geht der Blick über das Wasser zum UN-Gebäude auf der anderen Seeseite. Der Gründer des World Economic Forums hat das diesjährige Treffen unter das Motto "Verantwortungsvolles und zuhörendes Führen" gestellt. Ein Gespräch über Ungleichheit.

Professor Schwab, vor 47 Jahren haben Sie das Weltwirtschaftsforum von Davos gegründet, um die Welt offener, friedlicher und wohlhabender zu machen. Jetzt erleben wir die Wiederkehr des Nationalismus, neue Handelsgrenzen werden aufgebaut, und die Mittelschicht fürchtet abzurutschen. Was ist da schiefgelaufen?

Klaus Schwab: Mit der Globalisierung, Digitalisierung und der vierten industriellen Revolution durchlaufen wir eine tief greifende Wandlung. Nicht nur die Gesellschaften, auch die Individuen sind auf der Suche nach neuen Identitäten. Dabei handeln die Menschen wesentlich emotionalisierter als in normalen Situationen, in denen rationale Argumente eine größere Rolle spielen.

In den USA oder Großbritannien haben in den vergangenen Jahrzehnten Millionen Beschäftigte ihre Arbeitsplätze verloren. Da sind Emotionen gegen die Globalisierung verständlich.

Schwab: Ja, ein Teil der Arbeiterschaft und auch der Mittelschicht ist von Prekarisierung bedroht. Aber dieses Prekariat ist nicht nur durch die Globalisierung entstanden. Von fünf verlorenen Arbeitsplätzen in den USA ist nur einer nach Mexiko abgewandert. Vier sind der technologischen Innovation zum Opfer gefallen. Das ist die große Herausforderung. Wir stecken mitten in der digitalen Transformation und wissen augenblicklich nicht, wie wir die wegfallenden Stellen ersetzen können. Aber nicht nur das bereitet mir Sorgen. Denken Sie an die Menschen in Syrien, an Hunderte Millionen Inder, die auf dem Land leben und nicht mal eine Toilette haben, oder an die jungen Afrikaner, die in ihren Heimatstaaten keine Arbeit finden und sich auf den Weg nach Europa machen. Den Erwartungen dieser Menschen müssen wir ebenfalls genügen und Lösungen präsentieren.

Die Wähler jedenfalls sind tief verunsichert. In Großbritannien stimmten sie für den Brexit, den Austritt aus der EU, und wählten in den USA Donald Trump zum Präsidenten. Offenbar sehen sie ihre Bedürfnisse in der Globalisierung nicht berücksichtigt.

Schwab: Richtig. Schon vor 21 Jahren habe ich in einem Artikel für die "Herald Tribune" geschrieben, dass die Globalisierung nicht haltbar sein wird, wenn wir die humanen Aspekte nicht stärker berücksichtigen. In der Marktwirtschaft gibt es immer Gewinner und Verlierer. Erstere müssen aber mit letzteren solidarisch sein. Sonst kündigen die Verlierer den Konsens der Gesellschaft auf.

Warum ist die Globalisierung in sozialer Hinsicht bislang falschgelaufen?

Schwab: Wir haben zu sehr auf die offenen Märkte geachtet, zu wenig aber darauf, dass die Marktwirtschaft auch fair sein muss. Die soziale Dimension, die Absicherung der Benachteiligten, wurde nicht ausreichend einbezogen.

Wie kann man die Balance wiederherstellen?

Schwab: Das muss man jeweils auf nationaler Ebene über das Steuer- und Sozialsystem machen, das die sozialen Unterschiede bis zu einem gewissen Grade ausgleicht. Auf globaler Ebene sollte man in Handelsverträge soziale Komponenten einbauen, damit auch die ärmeren Länder zu ihrem Recht kommen.

Zur sozialen Marktwirtschaft gehört auch die Verantwortung der Eliten.

Schwab: Ich habe 1971 den Begriff der "Stakeholder" entwickelt. Das heißt: Firmenleitungen sind nicht nur den Aktionären verantwortlich, sondern allen Gesellschaftsgruppen, die von der Politik eines Unternehmens betroffen sind.

Beispiel Abgasskandal bei VW: Die Manager streichen weiterhin Boni ein, die betrogenen Kunden sind die Dummen, und im Unternehmen werden Stellen gestrichen. Müssen Sie einigen Top-Managern, die zu Ihrem Forum nach Davos kommen, nicht ein schlechtes Zeugnis ausstellen?

Schwab: Als in der Schweiz die Volksabstimmung über die Höhe von Managergehältern stattfand, habe ich mich dafür ausgesprochen, dass Firmenvorstände nicht mehr als das Zwanzigfache dessen verdienen sollten, was der Durchschnitt ihrer Beschäftigten erhält. Diese Position haben in der Schweiz nicht alle geteilt.

Da müssten in vielen Ländern Managergehälter kräftig gekürzt werden.

Schwab: Das jetzige System ist so nicht aufrechtzuerhalten. Ein Beispiel: In den USA könnten in den kommenden Jahren Millionen Busfahrer und Kassiererinnen ihre Jobs verlieren, weil sie durch die Digitalisierung überflüssig werden. Da kommt eine riesige Welle auf uns zu. Angesichts solcher Veränderungen ist die Höhe von Managergehältern auch ein Gradmesser für das Maß der Solidarität mit den Verlierern.

Sollten die oberen zehn Prozent der Gesellschaft einen größeren Beitrag zur Finanzierung der Sozialsysteme tragen?

Schwab: Ich würde Steuersysteme so gestalten, dass sie als sozial gerecht empfunden werden. Gleichzeitig sollten sie aber auch Investitionen anreizen, um Arbeitsplätze zu schaffen. In Schweden gab es früher ein System mit höheren Steuersätzen für private Kapitalentnahmen im Vergleich zu produktiven Investitionen. Ich glaube, wir müssen künftig mehr in diese Richtung denken. Man sollte auch die staatlichen Budgets so organisieren, dass die für den Verbrauch bestimmten Ausgaben stärker von Investitionen getrennt werden. Diese muss man fördern – und dafür ist auch Staatsverschuldung gerechtfertigt.

Das Weltwirtschaftsforum 2017 trägt den Titel "Verantwortungsvolles und zuhörendes Führen". Ist das ein Wink mit dem Zaunpfahl an Führer wie Trump und Russlands Präsident Wladimir Putin, die Grenzen neu ziehen und Mauern zu anderen Ländern bauen wollen?

Schwab: Donald Trump habe ich kürzlich getroffen. Seinen Wählern zuhören kann er gut. Das hat seine Wahlkampagne gezeigt. Ob er auch den notwendigen Kompass besitzt, um seine Landsleute in eine gute Zukunft zu führen, wissen wir noch nicht.

Trump will Arbeitsplätze aus Asien und Mexiko zurück in die USA holen. Halten Sie das für realistisch?

Schwab: Teilweise kann das funktionieren. Große US-Konzerne haben angeblich zwei Billionen Dollar Kapital im Ausland geparkt. Wenn dieses Kapital in die USA zurückfließt und dort versteuert wird, könnte das erhebliche Investitionen auslösen. Außerdem kommt möglicherweise ein Teil der Industrie aus dem Ausland im Zuge der Digitalisierung in die USA zurück. Wenn Smartphones von Robotern hergestellt werden können, muss Apple nicht mehr eine Million chinesische Arbeiter beim Foxconn-Konzern bezahlen. Die digitalisierten Fabriken können auch in den USA stehen.

Dann wird dort aber kaum noch jemand arbeiten. Was ist mit denen, für die es am Ende keine Arbeit mehr gibt?

Schwab: In der Schweiz fand kürzlich die Abstimmung über das bedingungslose Grundeinkommen statt. Immerhin 23 Prozent der Bürger haben diesem zugestimmt. Auch ich finde die Idee des Grundeinkommens grundsätzlich plausibel. Und ich glaube, dass die Diskussion darüber in zehn Jahren viel weiter sein wird als heute.

Was bewirkt das Grundeinkommen, wenn manche für ihr Geld arbeiten gehen und andere nicht?

Schwab: Ich bestreite, dass die Leute dann ihre Hände in den Schoss legen und faul zu Hause sitzen bleiben. Eine einfache Krankenschwester in Deutschland mit 2000 Euro brutto fühlt sich heute vielleicht ausgenutzt. Wenn sie aber zusätzlich ein Grundeinkommen erhielte, sähe sie das vielleicht als Anerkennung und ginge an ihre Tätigkeit mit einer anderen Grundeinstellung heran. Falls die Digitalisierung künftig viele Arbeitsplätze hinwegfegt, brauchen wir auf der anderen Seite eine Humanisierung der Gesellschaft. Industriearbeitsplätze gehen verloren, aber es wird viel mehr soziale Arbeit zu tun sein, beispielsweise in der Pflege.

Was soll beim Weltwirtschaftsforum 2017 herauskommen?

Schwab: Ich bin dafür, dass die Unternehmen in Davos eine Verpflichtung zu langfristigem Denken unterschreiben, um das kurzfristige, zu gewinnorientierte Handeln zurückzudrängen. Wir müssen das kapitalistische System sozial akzeptabler machen. Und wir brauchen ein gemeinsames Verständnis für stärkeres globales Wachstum. Drei Prozent sind nicht genug, um die zwei Milliarden armen Menschen besser am Wohlstand zu beteiligen.

Seit 2015 arbeitet der ehemalige deutsche Wirtschaftsminister Philipp Rösler als Geschäftsführer für Sie. Sind Sie mit Ihrem neuen Angestellten zufrieden?

Schwab: Philipp Rösler ist als Mitglied des Managing Board und Leiter für Regierungskontakte eine zentrale Figur für die Arbeit des Weltwirtschaftsforums. Und dieses Jahr kommen über 50 Staats- und Regierungschefs sowie Minister aus über 80 Ländern zu unserem Jahrestreffen in Davos. Das klingt für mich, als habe der Verantwortliche seine Arbeit sehr gut gemacht.