Prozess

Familie aus Hessen kämpft vor Gericht gegen Schulpflicht

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Familie Wunderlich will ein Recht auf Heimunterricht vor dem Menschenrechtsgerichtshof durchsetzen. Die Motive dafür sind vielfältig.

Ober-Ramstadt/Straßburg.  Mathematik, Geschichte und Fremdsprachen lernen die Kinder von Familie Wunderlich nur an Regentagen. Wann immer es das Wetter zulässt, sind sie draußen und "basteln irgendwas in unserem großen Garten" – so sagt es Vater Dirk Wunderlich (50) aus Ober-Ramstadt bei Darmstadt dieser Zeitung. Ob seine drei Töchter und sein Sohn einen Schulabschluss machen, findet er nebensächlich.

Er und seine Frau Petra (50) sind Schulverweigerer, sie unterrichten ihre vier 11- bis 17-jährigen Kinder zu Hause – und zahlen dafür einen hohen Preis. Seit Jahren streiten sie mit den Behörden, standen mehrfach vor Gericht, sogar das Sorgerecht wurde ihnen vorübergehend entzogen. Denn in Deutschland herrscht Schulpflicht. Am Donnerstag reichten sie Klage beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg ein. Es geht um die Frage, wer über die Bildung eines Kindes entscheiden darf: die Eltern oder der Staat.

Drei Wochen im Heim

"Unser ganzer Fall soll neu aufgerollt werden", fordert Wunderlich. Als der Staat seine Kinder aus der Familie geholt habe, um die Schulpflicht durchzusetzen, sei eine rote Linie überschritten worden: Im Sommer 2013 standen nach seinen Angaben 40 Polizisten und Mitarbeiter des Jugendamts vor Wunderlichs Tür und nahmen die Kinder mit. Die Mädchen und der Junge kamen drei Wochen lang in ein Heim, bevor sie zurück nach Hause durften. Ein Schock für die Wunderlichs.

An ihrer Haltung zum regulären Unterricht hat dieses Erlebnis jedoch nichts geändert. "Was Eltern ihren Kindern beibringen, geht den Staat nichts an", empört sich Vater Dirk. Er ist mit seiner Überzeugung nicht allein. Trotz der Schulpflicht entscheiden sich immer wieder Eltern für den Weg der Wunderlichs, unterrichten ihre Kinder zu Hause und riskieren Bußgelder und Haftstrafen. Armin Eckermann vom Verein "Schulunterricht zu Hause" spricht von etwa 500 Kindern in Deutschland, die nie ein Klassenzimmer betreten, die Kultusministerkonferenz sogar von bis zu 1000. Die Motive der Eltern sind vielfältig.

Lernfortschritte überprüfen

Manche unterrichten auf Grundlage der Bibel, andere finden einfach, dass feste Strukturen die Kreativität behindern. Bei den Wunderlichs ist es von beidem ein bisschen. Die Kinder sagen, sie empfinden Schule als Zeitverschwendung. Sie wollen anders lernen. Deutschland ist mit seiner strengen Schulpflicht im internationalen Vergleich eine Ausnahme. Der Verein "Schulunterricht zu Hause" nennt Österreich als Vorbild.

Dort können Eltern ihre Kinder daheim unterrichten, unterliegen aber einer Meldepflicht und müssen die Lernfortschritte regelmäßig überprüfen lassen. Hierzulande sind Ausnahmen von der Schulpflicht kaum möglich. Die Kultusministerien der Bundesländer argumentieren damit, dass in Schulen nicht nur Wissen vermittelt werde, sondern auch soziale Kompetenz. Außerdem seien Eltern nicht automatisch geeignete Lehrer. Wer Dirk Wunderlich darauf anspricht, erlebt, wie er sich empört. Er und seine Frau sind von Beruf Gärtner.

Einige wandern aus

Weniger kompetent fühlt sich Wunderlich deshalb nicht. "Wir lassen die Kinder sich viel selbst erarbeiten. Sie sind in vielen Dingen des Alltags super Spezialisten."Nicht wenige Eltern umgehen das Heimunterrichtsverbot, indem sie die Behörden austricksen. Es sind Fälle überliefert, in denen sie Kinder von einer staatlichen Schule abmelden und den Beamten bei einer Überprüfung das Zertifikat einer nur auf dem Papier bestehenden Privatschule vorlegen. Andere wandern aus.

Vor drei Jahren machte die schwäbische Familie Romeike Schlagzeilen – die Eltern verstehen sich als evangelikale Christen und beantragten in den USA Asyl, weil in Deutschland Verfolgung drohe. In einigen Monaten werden die Straßburger Richter über das Recht auf Heimunterricht urteilen. Dirk Wunderlich blickt der Entscheidung gelassen entgegen. Inzwischen mische sich der Staat ohnehin nicht mehr ein: "Wir werden völlig in Ruhe gelassen vom Jugendamt."

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