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Depeche-Mode-Sänger Gahan: "Du musst dich jedem hingeben"

Die britische Band Depeche Mode um Sänger Dave Gahan bei einem Auftritt in Berlin.

Foto: Soeren Stache / dpa

Die britische Band Depeche Mode um Sänger Dave Gahan bei einem Auftritt in Berlin.

Musiker Dave Gahan von Depeche Mode hat sich mit dem Alter verändert. Im Interview spricht er offen über seine Ängste und die Familie.

Berlin.  Eine Band der Superlative: 100 Millionen Alben verkauften Depeche Mode, 30 Millionen Fans sahen weltweit ihre Shows. Gerade haben Dave Gahan (54), Martin Gore (56) und Andrew Fletcher (56) ihr 14. Album "Spirit" rausgebracht. Wenn Dave Gahan die Bühne betritt, schaltet er immer noch den wilden Rockstar-Modus an, beim Interview in Berlin ist er überraschend ruhig, charmant und spricht offen über seine Ängste und seine Familie.

Sie füllen mit Depeche Mode sonst Stadien bis zu 60.000 Fans, jetzt haben Sie Freitag Ihre neuen Songs erstmals live vor Tausend Fans gespielt. Wie haben Sie das erlebt?

Dave Gahan: Ich wurde vorher plötzlich sehr ängstlich, das war so 30 Minuten vor der Show in meiner Garderobe. Ich dachte nur: Ach, Gott, ich kenne dieses Gefühl, ich mag es nicht!

Sie machen sich tatsächlich nach all den Jahrzehnten als Rockstar immer noch einen Kopf?

Gahan: Natürlich. Und das darfst du nicht! Wenn du gut performen willst, musst du dich davon lösen, alles perfekt machen zu wollen. Denn wenn du genau das versuchst, wird es entsetzlich. Wenn du es nicht genießt, können es die Leute fühlen. Du darfst nicht zu viel darüber nachdenken, du musst es fließen lassen, du musst dich jedem hingeben. Sonst wird es eine Enttäuschung – für dich und die Fans.

Mein Eindruck war, dass Sie erst ab dem dritten Song so richtig in Fahrt kamen, richtig?

Gahan: Ganz genau, ich brauchte zwei oder drei Songs, bis ich anfing mich wohlzufühlen. Ich musste irgendwie erst ankommen. Ich hatte Spaß bei unserem Opener "Going Backwards", aber gerade am Anfang war ich noch nervös. Wenn ich mich erst einmal geöffnet habe, dann fließt es, dann ist alles möglich, dann wird es fantastisch, dann bin ich… ja, wie bin ich dann? Wie wie ein überbezahlter Stripper. (lacht)

Ein herrlicher Vergleich! Sie trugen auf der Bühne rote Schuhe, was an Ihren alten Freund, den im letzten Jahr verstorbenen David Bowie, erinnerte. War das Absicht?

Gahan: David hatte als Performer einen sehr großen Einfluss auf mich. Was er auf der Bühne trug, wurde Teil seiner Persönlichkeit. Das spielt eine wichtige Rolle, auch für mich. Mein Style ist meistens schwarz, manchmal muss ich meine Komfortzone aber verlassen und eben zu dem überbezahlten Stripper werden. Es hatte auch etwas von einem Zuhälter, oder? Ich wollte ein bisschen schmierig wirken.

Die Frauen fanden Sie wohl eher sexy, vor allem Ihren Hüftschwung. Im Leben gibt es, vor allem für Sie als Rockstar, immer wieder Versuchungen…

Gahan: Oh yeah!

Wie oft müssen Sie diesen widerstehen? Seien es Frauen, Drinks…

Gahan: Sie sollten vorsichtig sein. Also manchmal sollte man einfach den Moment passieren lassen und genießen. So ist das Leben. Manchmal muss eine Begegnung nichts zu bedeuten haben, es geht dann um die Chemie zwischen zwei Menschen, um die Connection. Wir denken immer viel zu viel darüber nach, dass es etwas zu bedeuten hat. Manchmal ist es einfach die Art, wie sich jemand bewegt… du siehst jemanden, du spürst eine Connection, du weißt nicht warum…

Was man auch nicht immer erklären kann und muss.

Gahan: Ganz genau.

Wann hatten Sie das letzte Mal so eine Connection?

Gahan: Das passiert mir ständig. Manchmal weil ich es beschrien habe, manchmal weil es dich anzieht. Dann weiß ich: Ok, ich sollte aufpassen, das könnte jetzt gefährlich werden. Meine Gedanken sind ziemlich verkettet, verstrickt, was ich also denke, kann ziemlich eigenartig sein. Ich reagiere aber nicht mehr ständig darauf. Früher war ich sehr zwanghaft, die ganze Zeit.

Haben Sie ein Beispiel?

Gahan: Sobald ich dachte, dass ich mich betrinken möchte, machte ich das auch. Nach vielen Jahren machte ich nur noch das. Heute bin ich zurechnungsfähiger. Das besinge ich. Ich sehe dich, ich weiß, was du tust, aber du wirst mich nicht kriegen. Ich lasse mich nicht mehr verführen. (lacht)

Was gefällt Ihnen heute besser an sich selbst?

Gahan: Als ich jünger war, versuchte ich die ganze Zeit, irgendwo anzukommen. Ich war sehr ruhelos. Alles war nie genug, alles war nie gut genug, vor allem ich war nie gut genug. Ich war immer in Bewegung, aber irgendwann knallt es. Seit den letzten zehn bis 15 Jahren kann ich still sein und die Menschen um mich herum genießen. Das ist unglaublich für mich, denn ich war früher wirklich ziemlich verängstigt von anderen Menschen. Ich wusste nie, ob sie irgendwas von mir wollen. Darüber mache ich mir inzwischen keine Gedanken mehr.

Wie wichtig war Ihre dritte Frau Jennifer, mit der Sie seit 1999 verheiratet sind, für diese persönliche und bedeutende Wandlung?

Gahan: Sehr, sehr wichtig. Mit Jennifer war es so… sie wollte mich erst gar nicht. Als ich den ersten Schritt machte, war ihre erste Reaktion sehr abweisend. Ok, das liegt 20 Jahre zurück.

Wie ging es also los?

Gahan: Wir wurden richtig gute Freunde, für etwa zwei Jahre. Ich zog damals von Los Angeles nach New York, wir gingen aus, sie stellte mich ihren Freunden vor. Sie brachte mich überall rein, für sie spielte die Band keine Rolle, sie hatte ihr eigenes Leben. Mit einem eigenen kleinen Kind, Jimmy, der damals erst drei Jahre alt war.

Und den Sie als Ihren Sohn bezeichnen.

Gahan: Ja, ich habe ihn adoptiert, er ist jetzt 24 Jahre alt, was wirklich verrückt ist. Er hat mein Leben auch verändert. Als ich jünger war, verließ ich meine Frau und meinen Sohn Jack in England. Ich erreichte den Punkt in meinem Leben, dass ich verzweifelt nach Hilfe suchte, weil es mir nicht gut ging. Und dann traf ich Jennifer und Jimmy. Sein Vater starb, als er erst vier Jahre alt war. Auf einmal sah ich die Chance, sehr klar, dass mich dieses Kind brauchte – und ich brauchte ihn. Ich fand in New York meine neue Familie und mein neues Zuhause. Auch diese Stadt hat viel mit meiner Verwandlung zu tun. Ich liebe es, in der Stadt spazieren und verloren zu gehen – und genau das kannst du dort. Ich glaube, dass Bowie aus denselben Gründen hingezogen ist. New York ist es scheißegal, wer du bist. Denn am Ende ist diese Stadt so viel größer als du selbst.

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