Reise-Reportage

Melbourne ist die lebenswerteste Stadt der Welt

In der Innenstadt von Melbourne gibt es eine große Anzahl an Cafés und Restaurants mit einem breiten kulinarischen Angebot.

Foto: David Hannah / Getty Images/Lonely Planet Images

In der Innenstadt von Melbourne gibt es eine große Anzahl an Cafés und Restaurants mit einem breiten kulinarischen Angebot.

Die australische Metropole ist charmant und hip. Melbourne zieht Touristen an – und jeden Tag Pinguine aus dem Meer.

Melbourne.  Die Gasse liegt gut versteckt im Großstadt­trubel. Sie misst nicht mehr als fünf Meter in der Breite und ist mit blauem Kopfsteinpflaster belegt. Ihr Eingang ist zwischen den hohen Hauswänden leicht zu übersehen. Doch dahinter öffnet sich Passanten eine quirlige Café- und Restaurantszene. Auf etwa 50 Metern reihen sich in der Gasse mit dem Namen Centre Place Geschäfte aneinander – Coffeeshop, Suppenladen, Saftbar, Crêperie und chinesische Garküche, eine kulinarische Weltreise auf kleinstem Raum und eines von vielen versteckten Geheimnissen in Melbourne, der zweitgrößten Stadt Australiens.

Als ehemalige Versorgungsstraßen durchziehen verwinkelte Gassen, die "Laneways", die Innenstadt Melbournes. Inmitten von modernen Wolkenkratzern und verspiegelten Bürogebäuden wirken sie auf den ersten Blick eher unscheinbar. Doch in den Laneways haben sich neben hippen Boutiquen und Kunstgalerien unzählige Bars und Restaurants aus aller Welt niedergelassen. Hier tobt das Leben – egal, ob zur Mittagszeit oder am Abend.

Die Stadt soll 6000 Restaurants haben

Melbourne, Hauptstadt des südöstlichen Bundesstaates Victoria, besitzt die größte Dichte an Gastronomie auf dem Kontinent: Etwa 6000 Restaurants sollen es laut "Australian Food & Travel Guide" sein. Allein in den Bistros und Cafés in der Innenstadt finden knapp 180.000 Gäste gleichzeitig Platz.

Die Köche der Laneways gelten als kulinarische Trendsetter Australiens. In ihren Töpfen finden sich europäische und asiatische Einflüsse, denn die Vier-Millionen-Einwohner-Metropole ist ein Schmelztiegel der Kulturen. Die dynamische Gastronomieszene zählt zu den vielen Gründen, warum Melbourne bereits das sechste Jahr in Folge den vom britischen Magazin "The Economist" verliehenen Titel als lebenswerteste Stadt der Welt trägt. Fußballer würden das einen Doppel-Hattrick nennen.

Kaffeekult sowie Kunstgalerien – und Graffiti sind offiziell erwünscht

"Es sind die dunklen, versteckten Orte in der Stadt, an denen sich oft eine Überraschung findet", sagt Tourguide Sarah. Sie steht am Treppenabgang zur U-Bahn gegenüber der Flinders Street Station. Die Bahnstation mit ihrer Fassade aus dem viktorianischen Zeitalter bildet optisch einen Kontrast zum fast 300 Meter hohen Eureka Tower, der sich dahinter erhebt. Typisch für die Architektur der Stadt: Hier treffen Herrenhäuser aus dem 19. Jahrhundert auf die Glasfassaden von Wolkenkratzern. Dann folgen die Teilnehmer der "Hidden Secrets Tour" Guide Sarah hinab in die Unterführung.

In diesem Fall ist die Überraschung die unterirdische Campbell Arcade. Zwischen gefliesten Wänden im Art-déco-Stil geht es im Arkadengang vorbei an kleinen Geschäften mit Kunst, Design und Mode. Da wirkt der Coffeeshop "The Cup of Truth" ("Die Tasse Wahrheit") an der Ecke zur U-Bahn eher unscheinbar. Doch ist es kein gewöhnlicher Kaffeestand im U-Bahn-Tunnel. "Hier gibt jeder Kunde so viel, wie ihm der Kaffee wert ist", sagt Sarah. Festgelegte Preise gibt es nicht. Dabei scheinen die Künste des Barista die Kunden zu überzeugen. Sie kommen immer wieder – ob nun wegen der Qualität oder des ungewöhnlichen Bezahlmodells.

Die Kaffeekultur ist in der Stadt allgegenwärtig. Espresso-Aromen begleiten den Streifzug durch die Straßen und Gassen, viele Cafés und Bistros haben ihre eigenen Röstanlagen. Und auch in den umliegenden Vierteln überbieten sich die Cafés mit ihren Kaffeekreationen. Italienische Einwanderer brachten die braunen Bohnen einst in die Stadt, heute gilt Melbourne als die Kaffeehauptstadt Australiens.

Mit der Dichte an Kunstgalerien können nur wenige Städte weltweit mithalten

"Wenn du noch nicht koffeinabhängig bist,wirst du es hier", sagt Tourguide Sarah, die aus Sydney stammt. Im Hafen Melbournes werden täglich mehr als 30 Tonnen Bohnen ausgeladen – das entspricht etwa drei Millionen Tassen. "Befindet sich irgendwo in der Stadt ein leer stehendes Gebäude, wird darin kurze Zeit später ein Café eröffnen", sagt Sarah. "Oder eine Kunstgalerie."

Denn Melbourne gilt auch als Kunsthauptstadt Australiens. In der Metropole am Yarra River trifft ein Superlativ auf den nächsten. In Sachen Dichte an Kunstgalerien können nur wenige Städte weltweit mithalten. Mehr als 130 Galerien und Museen hat die Stadt zu bieten. Zudem beheimatet die National Gallery of Victoria die größte Sammlung australischer Kunst. Und auch die Straßen gehören zur Ausstellungsfläche. Street-Art ist von offizieller Seite ausdrücklich erwünscht und taucht viele der Laneways in grelle Farben.

In der Hosier Lane zum Beispiel bilden großflächige Graffiti einen Anziehungspunkt für Touristen. Im Presgrave Place zieren statt Wandmale­reien Bilderrahmen die Backsteinwände. Gleich neben der "Bar Ame­ricano" befindet sich die, so heißt es, "kleinste Ausstellungsfläche Melbournes": ein in die Hauswand eingelassener, etwa 20 mal 30 Zentimeter kleiner Glaskasten mit wechselnden Exponaten.

Im Umland finden sich "Koala Talk" und Paraden von Zwergpinguinen

Eine weitere Besonderheit Melbournes liegt in der Umgebung. Denn nur wenige Kilometer außerhalb der Stadt zeigen sich traumhafte Landschaften und die besondere Tierwelt des Staates Victoria. So wartet im Süden die Mornington Peninsula mit kilometerlangen Sandstränden auf. Im Südwesten beginnt hinter dem bei Surfern beliebten Torquay eine der spektakulärsten Küstenstraßen der Welt. Die Great Ocean Road ist bekannt für bizarre Steilklippen auf der einen und Regenwald mit uralten Baumriesen auf der anderen Seite.

Auf der Halbinsel Bellarine, knapp ein­einhalb Autostunden in Richtung Süd­westen, finden in der Auffangstation Jirrahlinga verwaiste oder verwundete Koalas, Kängurus und Wombats Zuflucht. Beim "Koala Talk" können Besucher den Tieren ganz nahe kommen.

Der Grampians National Park, wenige Autostunden westlich von Melbourne gelegen, bietet neben imposanten Felsformationen Einblicke in das Leben der Aborigines, der Ureinwohner Australiens. An mehreren Orten haben sie sich mit Höhlenmalereien verewigt. Im Brambuk Cultural Centre können sich Besucher über Kultur und Historie informieren – und sich auch selbst am tra­ditionellen Blasinstrument Didgeridoo versuchen.

Kurz nach 20 Uhr kommen die Pinguine auf der Insel Phillip Island aus dem Wasser

Ein weiteres Naturparadies liegt 80 Kilometer Luftlinie südlich von Melbourne. Die Insel Phillip Island beherbergt rund 32.000 Zwergpinguine und damit die größte Pinguinpopulation Australiens. Besuchern bietet sich jeden Abend bei Sonnenuntergang ein Naturschauspiel. Dann tauchen etwa 2000 der Tiere aus dem Ozean auf und watscheln den Strand entlang. Bis zu zwei Kilometer führt sie der Weg zu ihren Nestern ins Landesinnere.

"Manche Leute glauben, wir halten die Vögel in Käfigen unter Wasser gefangen und lassen sie als Touristenattraktion heraus", sagt Chris, einer der Ranger in den Phillip Island Nature Parks. "Aber das ist natürlich nicht der Fall. Die Pinguine kommen aus Gewohnheit jeden Abend an diesen Strand. Sie fühlen sich in der Bucht sicher."

Auch an diesem Sommerabend haben sich Hunderte Besucher auf den Holzbänken versammelt, die wie ein Theater zum Meer ausgerichtet sind. Es ist kurz nach 20 Uhr, die Dämmerung legt sich über den Strand. Und dann geht es los. In einer Traube nähern sich erste Pinguine vorsichtig dem Ufer. "Sie halten Ausschau, ob die Luft rein ist", sagt Chris. Erst, wenn auch der letzte Greifvogel am Himmel verschwunden ist, trauen sich die 33 Zentimeter großen Tiere aus dem Wasser. "Den ganzen Tag haben sie im Meer verbracht, jetzt wollen sie zu ihren Nestern", erklärt Chris.

Und plötzlich sind die Pinguine da – nur wenige Meter von den Be­suchern entfernt. Unter lautem Gurgeln tapsen die Vögel durch den Sand. In der Hoch­saison verfolgen mehr als 4000 Besucher pro Abend dieses Spektakel. Die Zwergpinguine bevölkerten die Insel im Speckgürtel von Melbourne schon vor Ankunft europäischer Siedler. Als hätten sie bereits damals gewusst, dass dieses Stück Erde einmal besonders lebenswert sein würde.

Tipps & Informationen

Anreise Von Berlin nach Melbourne geht es zum Beispiel mit Zwischenstopps in Frankfurt und Singapur mit Lufthansa und Qantas.

Unterkunft Zum Beispiel im QT Hotel Melbourne, 133 Russell Street, das Doppelzimmer ab etwa 200 Euro pro Nacht.

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