Überraschung

Unterwegs auf der ursprünglichen Seite von Mykonos

Die Windmühlen sind die Wahrzeichen der Insel.

Foto: Alexander Spatari / Getty Images

Die Windmühlen sind die Wahrzeichen der Insel.

Die Kykladen-Insel wird mit Party und Pauschalurlaub in Verbindung gebracht. Doch fern der Touristenzentren findet man noch viel Ruhe.

Chora.  Morgens um acht gehört das Labyrinth noch den Einheimischen. In den verwinkelten Gassen von Chora ist es ruhig. Es gibt kein Geschiebe, so wie ein paar Stunden später, wenn die Urlauber wieder wach sind und die Tagestouristen von den Hunderten Kreuzfahrtschiffen einfallen, die jedes Jahr Mykonos ansteuern.

So früh morgens bekommt man einen anderen Blick auf das Inselhauptstädtchen. An der Hafenpromenade liegt auf dem winzigen Fischmarkt der frische Fang in der Auslage. Ein paar alte Griechen tauschen die ersten Neuigkeiten des jungen Tages aus. Und in Restaurants, Geschäften und Souvenirständen bereitet man sich ganz allmählich darauf vor, bald zu öffnen.

Früh morgens hat man viele Sehenswürdigkeiten für sich allein

Die sechs Windmühlen, Wahrzeichen von Mykonos, hat man um diese Zeit noch ebenso für sich allein wie die berühmte, geschwungen geformte Panagia Paraportiani – dieses eigenwillige Kirchenbauwerk, das ursprünglich nur eine Kirche war, der über die Jahrhunderte weitere hinzugefügt wurden.

"An dieser Stelle ist sie Wind und Wetter ausgesetzt", erklärt Guide Antonis Po­thitos bei dieser Frühaufstehertour. Diese Bedingungen hätten sie geformt. "Es gibt fast keine gerade Linie", fügt er hinzu, bevor er weiter durch das malerisch weiß getünchte Gassenknäuel führt. Sich darin zu verirren ist kein Kunststück. "Kein Haus sticht heraus, sie sehen alle ähnlich aus", sagt Antonis. "Das war so gedacht, um die Piraten bei ihren Überfällen zu verwirren."

Von ungefähr 800 Kirchen auf der Insel sind viele privat

Der letzte echte Pirat starb hier vor weit über 100 Jahren. In den 1920ern aber kam das erste Kreuzfahrtschiff nach Mykonos. Später, in den 50ern, gab es einen Boom durch Maria Callas und andere Prominente. Der Grund, warum diese einst sehr arme Kykladeninsel so berühmt geworden ist? Das lag anfangs vor allem an den spektakulären antiken Ausgrabungen auf der Nachbarinsel Delos.

"Mykonos war der nächstgelegene Hafen, in dem Besucher essen und übernachten konnten." Seitdem kamen mehr und mehr Touristen, von denen die meisten heute über Chora und die Küstenorte im Süden kaum hinausgelangen. Dort sind die Hotels und Resorts, die sich auf deutlich größere Urlauberkapazitäten und Partytourismus eingestellt haben. Dort wird an den sardinendoseneng belegten Stränden relaxt – oder am berühmten Super Paradise Beach gefeiert, wo selbst tagsüber die Beats hämmern. Nach wie vor bleiben aber Möglichkeiten zur Flucht, wenn die Massen, Party und Schickimicki zu viel werden und man eine natürlichere Seite von Mykonos sucht.

Die findet man beispielsweise in Ano Mera, einem größeren Dorf im Inselinnern. Hier gehen die Uhren noch etwas anders: Ein paar Urlauber trifft man zwar in den Restaurants und im fast 500 Jahre alten Tourliani Kloster mit seiner prächtigen Ikonostase. Ein Alltagsleben ist hier trotzdem sichtbarer als an den meisten anderen Orten auf Mykonos, und es steht nicht alles im Zeichen des Tourismus.

Viele stille Buchten findet man am besten mit dem Rad

Noch ruhiger wird es bei der Fahrradtour mit Dimitra und ihrem Hund Marius im Körbchen. Die startet nicht weit von Ano Mera auf dem Familien-Weingut, und auf andere Touristen stößt man hier kaum – sieht man von den Mitradlern ab. Das Ziel heute: der abgelegene Fokos-Strand im Osten. Der Ausflug führt ein paar Kilometer entlang der gewundenen, leicht hügeligen Asphaltstraße, auf der kaum Verkehr ist, und wird nur kurz unterbrochen, als sich alle in eine kleine Kirche zwängen.

"Ungefähr 800 gibt es über die Insel verstreut, von denen viele privat sind. Sie wurden von Familien der Fischer und Seeleute für Opfergaben gebaut", erklärt die athletische Enddreißigerin Dimitra, die durch die Krise in Athen ihren Bürojob verlor und auf ihrer Heimatinsel mit Fahrradtouren von Yummy Pedals den Neustart wagte.

Es ist eine sehr gemütliche Radelei, bei der zwar die Sonne vom wolkenlosen Himmel brennt, es aber Aussicht auf Abkühlung gibt. Nur noch ein paar Kurven, vorbei an einem der zwei Stauseen auf Mykonos, einen steileren Berg hinunter, die letzten Meter die Fahrräder schieben – da liegt sie: die Bucht mit dem breiten Fokos Beach, feinem Sand und glasklar schillerndem Wasser.

"Vor allem bei Einheimischen ist der Strand beliebt", sagt Dimitra. "Morgens aber hat man ihn oft für sich." Nach Sonne­tanken, Badepause und Posieren für Unterwasserfotos endet die Radtour bei einem Glas Wein auf dem Weingut so, wie der Kochkurs nahe Ano Mera bei Teta Fragedaki beginnt – mit gemeinsamem Anstoßen.

Es wird gemeinsam kocht wie in einer griechischen Familie

Zur Begrüßung schenkt die Griechin erst einmal allen vier Kochwilligen einen Raki ein. Jamas! Zum Wohl, auf ein langes, gesundes Leben! Und dann reicht sie noch ein Greek Delight mit feinem Rosengeschmack herum – um das lange, gesunde Leben etwas süßer zu machen. Nachdem sich die Gäste bei einem Willkommensplausch kennengelernt haben, werden die Ärmel hochgekrempelt. Denn zusammen soll in Tetas Küche nun mitgekocht werden. "Man soll sich wie zu Hause bei einer griechischen Familie fühlen", sagt Teta, als das Menü mit Produkten von der Insel langsam Form annimmt.

In ihrer Kochstunde lässt Teta zum Beispiel den sehr intensiven Kopanisti-Käse herumgehen, der fast so stark schmeckt wie ein Blauschimmelkäse. Der Wein, den sie einschenkt, ist selbst gemacht. Ansonsten werden bei ihr mit entsprechenden Tipps zwischendurch Klassiker der griechischen Küche gekocht – so zusammengestellt, dass man die Zutaten nach dem Urlaub fast überall kaufen könnte: In die Paprika und Tomaten kommt eine Reis-Zucchini-Füllung. Ein Salat mit Roter Bete ist rasant schnell zubereitet. Etwas Feingefühl braucht man für den Blätterteig der köstlichen Spinat-Pie mit frischem Feta. Dazu Zaziki und ein Bauernsalat.

Zum Essen setzen sich schließlich alle um den großen Holztisch. Dabei wird viel gelacht und über das Leben ausgetauscht, unvermeidlich ein bisschen über die Krise diskutiert. Zum Schluss bringt Teta einen großen Topf mit Juvetsi: Reisnudeln mit Rindfleisch, alles schon vorab fertig gekocht. "Gut?", fragt sie, wie auch schon während der Kochstunde, wenn sie probieren ließ. "Ja, sehr gut!" Dann schaut sie wieder so zufrieden, wie man es in dem Moment selbst ist.

Mit Kajaks entlang der felsigen Küste

Nach diesem reichhaltigen Essen ist es Zeit, sich wieder ein bisschen zu bewegen. An der fjordähnlichen Panormos-Bucht im Norden der Insel gibt es die Gelegenheit, denn dort betreiben die Britin Jo Siopirou und ihr Mann Konstantinos mit den beiden Söhnen den Standort Mykonos Kayak. Vom Agios Sostis Strand aus bieten sie Paddeltouren an.

Der Strand ist breit, schön und gerade völlig menschenleer. Die ­Kajaks liegen schon bereit, sodass unsere Gruppe gleich lospaddeln kann. Es geht die Küste entlang, die nur mit wenigen der typischen, weiß getünchten Kykladen-Wohnkuben bebaut ist.

Hin und wieder stehen nur halb­ fertige Bauskelette auf den Felsen, und von dort aus wird der grandiose Ausblick ungesehen bleiben. "Die Bucht wurde vor Kurzem unter Schutz gestellt", erzählt Guide Jo. "Hier darf nichts mehr bebaut werden." Etwas weiter an der Küste gibt es gar keine Häuser mehr. Wir paddeln durch raue, karge Landschaft, in eine Höhle, einen natürlichen Tunnel und vorbei an einem Felsen, der aussieht wie ein Drache.

Bei den leichten Wellen, die das Wasser in sanfte Falten legen, spritzen durch die Paddelschläge immer wieder angenehm kühle Tropfen hoch. Zum Erfrischen kann die Gruppe später aber noch ins kühle Nass springen, schnorcheln und dabei ein paar Fische beobachten.

Die Abgeschiedenheit fühlt sich an wie in einer Zeitkapsel

"Es gibt zwei Arten von Mykoniern", erklärt die Britin auf dem Rückweg. Diejenigen, die kommen und wieder gehen. Und die, die – wie sie – immer bleiben, auch im Winter. So um die 8000 schätzt sie. Ihre Häuser seien oft an Bambuszäunen zu erkennen, die vor dem Wind schützten. "Hier war es schon immer nur dünn besiedelt", sagt sie später, als die Tour mit einem Picknick mit griechischen Köstlichkeiten ausklingt. "Strom haben wir erst vor rund 25 Jahren bekommen." Doch Jo mag die Ab­geschiedenheit dieser Gegend im Norden, denn irgendwie fühlt es sich hier wie in einer Art Zeitkapsel an: "Es gibt noch das alte, traditionelle Mykonos, das in anderen Teilen der Insel längst verloren gegangen ist."

Tipps & Informationen

Anreise z. B. mit Eurowings nonstop von Berlin nach Mykonos.

Übernachtung Das Leto Hotel wurde 1953 als erstes First-Class-Hotel auf Mykonos eröffnet. Es liegt an der Hafenpromenade in Mykonos-Stadt. Mit dem "Natura Restaurant" gehört es zu den besten Adressen der Insel (letohotel.com). Wer es ruhig mag, findet im Norden das Hotel Albatros Club Mykonos an der Panormos-Bucht (albatrosclubmykonos.com).

Unternehmungen Mykonos Kayak bietet Tagestrips für 75 Euro pro Person an. Auf Anfrage auch individuelle Touren: Tel. 0030/6942/ 43 42 42. Guide Antonis Pothitos bietet ebenfalls Privattouren an – z. B. durch Mykonos-Stadt oder zur Unesco-Weltkulturerbe-Stätte Delos. Radtouren mit Dimitra und Hund Marius; Kochstunden.

Typisch Mykonos Entspannen am Pinky Beach auf VIP-Liegen und in Laufweite zum Party-Strand Super Paradise .

(Die Reise wurde unterstützt von South Aegean Islands.)

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