Rohani-Besuch

Verleugnet der Westen gegenüber dem Islam seine Kultur?

Verhüllte Skulturen als Zeichen des Respekts – oder als Zeichen der Selbstverleugnung? Nach der Verhüllungsaktion von Rom ist darüber eine Debatte entbrannt.

Foto: Giuseppe Lami / dpa

Verhüllte Skulturen als Zeichen des Respekts – oder als Zeichen der Selbstverleugnung? Nach der Verhüllungsaktion von Rom ist darüber eine Debatte entbrannt.

Italiens Premier Renzi ließ für Irans Präsidenten Rohani antike Skulpturen nackter Frauenfiguren verhüllen. Respekt oder nur Kalkül?

Berlin.  Mitten in die Debatte hinein, wie wir in Europa leben wollen und unsere westlichen Werte verteidigen, fällt die Nachricht von der Verhüllungsaktion des italienischen Ministerpräsidenten Matteo Renzi. Er hat aus "Respekt vor den religiösen Gefühlen" des iranischen Präsidenten Hassan Rohani und seiner Delegation nackte Statuen im Kapitolinischen Museum in Rom verhüllen lassen.

Das Groteske dieser Aktion ist, dass schon Kunst, Statuen, die rund 2000 Jahre alt und ein Teil unserer Kultur sind, eine Verletzung darstellen sollen. Nicht nur Intellektuelle fragen sich: Verleugnet der Westen seine Kultur?

Oper in Berlin aus dem Programm genommen

Zu einer Zeit, in der Europa mit islamistischem Terror kämpft, sich um die Integration von Millionen muslimischer Flüchtlinge kümmern und die Attentate von Paris verkraften muss. Die ganz klar europäische Werte angriffen: Unsere Meinungsfreiheit und unsere Art zu leben. Aber man muss noch nicht einmal das große Besteck herausholen, um die Aktion "absurd" zu finden, wie der Historiker Heinrich August Winkler.

Hierzulande diskutieren wir Kruzifixe in bayerischen Schulen, ein muslimischer Schüler klagt bis zum Bundesverwaltungsgericht, weil er in der Schule beten möchte. 2011, nach drei Jahren Gerichtsverfahren, wiesen die Richter die Klage des damals 18-Jährigen aus Berlin zurück. Er müsse die Einschränkung seiner Glaubensfreiheit hinnehmen, weil durch die öffentlichen Ritualgebete der Schulfrieden gestört werde.

Und eine Berliner Intendantin sorgte für Aufsehen, als sie die Oper "Idomeneo" aus Vorsicht vor vermeintlich wütenden Muslimen aus dem Programm nahm. Und nach den sexuellen Übergriffen in Köln wird ernsthaft diskutiert, ob sich Frauen im Sommer noch in kurzen Röcken zeigen können. Es gibt Dutzende Fälle, die von europäischer Rücksichtnahme gegenüber dem Islam erzählen.

Kein Akt der Höflichkeit, sondern der Beschränkung

Und jetzt auch noch die nackten Statuen in Rom. Auch die Kapitolinische Venus wurde verhüllt. Als ihr Vorbild, die Aphrodite des Praxiteles, erschaffen wurde, waren die Bürger der griechischen Insel Kos geschockt. Was man vielleicht noch verstehen kann, weil diese Steinfigur die erste lebensgroße Darstellung einer vollkommen unbekleideten Frau war – aber das war 200 Jahre vor Christi Geburt.

Heute, 2200 Jahre später, im Internetzeitalter, während String und Bikini jeden westlichen Strand dominieren, 50 Jahre nach der sexuellen Revolution und 225 Jahre nach der Aufklärung, steckte der italienische Regierungschef Matteo Renzi "aus Respekt vor religiösen Gefühlen" die Statue in einen Holzkasten.

Der iranische Präsident Rohani freute sich, das kann man seinen Worten vom Mittwoch entnehmen, er sagte: "Freiheit heißt nicht, das zu verletzen, was für andere heilig und religiös ist, das ist von einem moralischen Standpunkt aus falsch, weil es Menschen entzweien kann." Seine Worte klingen aber auch nach Drohung, frei nach der Devise: Wer mit mir Geschäfte machen möchte, passt sich besser an. Für Italien hat sich das Verhüllen gelohnt. Es wurden mit Iran 17 Milliarden Euro schwere Verträge unterzeichnet.

So viel "Respekt" gefiel dem Iraner. Vielen Europäern gefällt die Aktion des Italieners Renzi überhaupt nicht. Wie dem deutschen Historiker Heinrich August Winkler: "Ich halte das für absurd, Präsident Rohani ist aufgeklärt genug, um das Verhüllen der Statuen selbst merkwürdig zu finden", sagte Winkler unserer Redaktion.

Es sei kein Akt der Höflichkeit, sondern der Beschränkung, betonte Winkler. Die westlichen Demokratien müssten in jedem Einzelfall entscheiden, was noch "hinnehmbare taktische diplomatische Rücksichtnahme" sei und wo das eigene Verhalten "unglaubwürdig" werde. Die Verhüllung von Statuen gehöre in die zweite Kategorie. "Soweit darf man diplomatische Rücksichtnahmen nicht treiben", sagte der Historiker.

Italienische Politiker sprechen von "Schande" und "Unterwerfung"

Auch in Italien hatte die Verhüllung Empörung ausgelöst. Kulturminister Dario Franceschini betonte, er habe kein Verständnis. "Weder der Ministerpräsident noch ich sind über die Verhüllung der Statuen informiert worden", sagte Franceschini. Das Kulturamt, das für die Museen zuständig ist, distanzierte sich ebenfalls. Andere Politiker verurteilten die Verhüllung als "Schande" und "Unterwerfung" – Renzi habe sich bei seinem Gast angebiedert, ja gar gebuckelt.

Zudem gab es beim Dinner mit der Regierung ebenfalls aus Rücksicht auf die Muslime keinen Alkohol. Und jeder, der einmal in Italien war, weiß, dass der Rotwein genauso zum Speiseplan gehört wie die Pasta als primo piatto.

Was in Italien jetzt passiert ist, hat mit einem Verlust der Glaubwürdigkeit zu tun. Die milliardenschweren Verträge mögen ein Trostpflaster sein, aber sie haben nicht zur Verteidigung der "pluralistischen Demokratie" beigetragen, meint Winkler. "Der Westen verliert seine Glaubwürdigkeit, wenn er sich nicht zu den unveräußerlichen Menschenrechten und der Herrschaft des Rechts und zu all den großen Errungenschaften unserer pluralistischen Demokratie bekennt. Wie er das tut, das richtet sich sicherlich manchmal nach dem Adressaten. Aber er muss es tun."

Wie anziehend westliche Werte auch für angeblich "unempfängliche Kulturen" wirke, zeige die Charta 08 in China, die im Jahr 2008 von chinesischen Intellektuellen und Künstlern unterzeichnet wurde. Sie belege wie groß die Kraft der Idee der Herrschaft des Rechts und der Menschenrechte sei.

Die westlichen Prinzipien sind unhintergehbar

Der Berliner Religionssoziologe Detlef Pollack ist wie Winkler überzeugt, dass man den Muslimen zeigen müsse, dass Vielfalt und Freiheit zur westlichen Kultur gehören. Er berichtet von einer Studie des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung. In dieser Studie werden 44 Prozent der in Westeuropa lebenden Musliminnen und Muslime als fundamentalistisch eingeordnet, bei den Christen macht der Anteil der Fundamentalisten nach denselben Kriterien weniger als vier Prozent aus. "Das Christentum versteht sich hierzulande als Spieler unter vielen. Es erhebt keine Letztgültigkeits- oder Überlegenheitsansprüche und ist bereit, religiöse Pluralität zu akzeptieren. Das ist bei vielen Angehörigen des Islam anders", sagt Pollack.

Das erkläre die unterschiedliche religiöse Empfindlichkeit. Toleranz müsse unser Handeln prägen, denn nur so könne man friedliebende Muslime inte­grieren. "Die westlichen Prinzipien der Rechtsstaatlichkeit, der Freiheit, der Garantie der Menschenwürde beanspruchen letztendlich unumstößliche Gültigkeit. So lange diese nicht infrage gestellt werden, sind westliche Gesellschaften in einem hohen Maße tolerant und flexibel." Diese Prinzipien müssen die Muslime schätzen lernen. Und dafür müsse man sie ihnen auch zeigen.