Berlin. Die Minister Hermann Gröhe und Manuela Schwesig wollen die Ausbildung in der Pflege neu regeln. Geplant ist eine einheitliche Lehre.

„Soll ich Krankenschwester werden oder Altenpfleger?“ Schulabgänger, die einen Pflegeberuf lernen wollen, müssen sich bislang entscheiden – zwischen Klinikjob, Pflegedienst oder Altenheim. In Zukunft soll das anders werden, die Bundesregierung reformiert die Pflegeausbildung: Geplant ist eine dreijährige Ausbildung für alle – wer sie schafft, darf sich „Pflegefachfrau“ oder „Pflegefachmann“ nennen und kann überall dort eingesetzt werden, wo Menschen Pflege brauchen. Damit verschwindet das Berufsbild der klassischen Krankenschwester. Die Hoffnung hinter der Reform: Der Beruf soll für junge Leute attraktiver werden und auf Dauer den Personalkollaps in der Pflege verhindern. Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) und Familienministerin Manuela Schwesig (SPD) haben sich jetzt auf die Details geeinigt. Wie unsere Redaktion aus Koalitionskreisen erfuhr, soll der Entwurf für das Pflegeberufsgesetz in Kürze mit den anderen Ressorts abgestimmt werden und im neuen Jahr ins Kabinett kommen.

Das Gesetz ist ein Teil eines Pakets zur Verbesserung der Lage in der Pflege: „Wir werden in Zukunft mehr Pflegekräfte brauchen. Deshalb müssen wir den Zukunftsberuf Pflege jetzt auch zukunftsfähig machen“, sagte Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) unserer Redaktion. Durch Bürokratieabbau und zusätzliche Betreuungskräfte würden die Arbeitsbedingungen in der Pflege verbessert. Zugleich habe man festgelegt, dass im nächsten Jahr die Pflegesätze und damit auch die Personalschlüssel für die Pflegeheime überprüft und angepasst werden müssen. „Und Kollegin Schwesig und ich treiben mit einem Pflegeberufsgesetz gemeinsam die Modernisierung der Berufe in der Alten-, Kranken- und Kinderkrankenpflege voran.“ Dort, wo Pflegeschulen heute noch Schulgeld fordern, müsse die Ausbildung endlich kostenlos werden. „Schulgeld darf es in einem Mangelberuf nicht geben.“

Gröhe fordert bessere Bezahlung

Noch nie, so Gröhe, habe es so viele Auszubildende in der Pflege gegeben wie heute. „Das ist zugleich eine Verpflichtung, die Arbeitsbedingungen so zu gestalten, dass Pflegekräfte ihren Beruf gerne und dauerhaft ausüben. Dazu gehört auch eine ordentliche Bezahlung.“ Bundesweit arbeiteten zuletzt mehr als 632.000 Fachkräfte in der Krankenpflege und mehr als 267.000 in der Altenpflege. Insgesamt sind in der Altenpflege über eine Million Fachkräfte, Helfer und Betreuer beschäftigt. Die meisten Fachkräfte arbeiten in Teilzeitjobs: Nach Angaben des Berufsverbands für Pflegeberufe (DBfK) haben 70 Prozent der Krankenpfleger Teilzeitjobs, bei den Altenpflegern sind es sogar 80 Prozent. Die Löhne sind niedrig, die körperliche Belastung hoch, viele werfen nach wenigen Jahren erschöpft das Handtuch.

Bei den Azubis ist die Lage ähnlich: Zwar steigen die Ausbildungszahlen gerade in der Altenpflege in den letzten Jahren stetig an – im Schuljahr 2013/14 gingen mehr als 26.000 neue Azubis an den Start. Doch das Problem dabei: „Von 30 neuen Auszubildenden schließen nur 15 die Ausbildung auch ab“, sagt die renommierte Pflegewissenschaftlerin und DBfK-Präsidentin Christel Bienstein. Der Grund: „Die Arbeitsbedingungen in der Altenpflege sind oft katastrophal“, viele Azubis würden gleich zu Beginn überfordert. Hinzu kommt die ungleiche Bezahlung. „Eine Krankenschwester verdient im Schnitt 500 Euro mehr als eine Altenpflegerin.“ Bienstein unterstützt daher das neue Pflegeberufsgesetz: „Künftig müssen beide gleich bezahlt werden.“ Egal, ob sie als Fachkraft im Krankenhaus, im Hospiz oder im Pflegeheim arbeiten.

Bund und Länder sollen Kosten für die Reform tragen

Doch für die Einheitsausbildung spricht noch ein anderer Punkt: In den Krankenhäusern müssen immer mehr alte und hochbetagte Patienten mit Mehrfacherkrankungen und Demenz versorgt werden. Gleichzeitig nimmt in der stationären Altenpflege die Anzahl der Pflegebedürftigen zu, die eine medizinische Versorgung benötigen. Pfleger müssen komplizierte Verbände anlegen können, mit der Versorgung chronisch Kranker oder Menschen mit Mehrfacherkrankungen zurechtkommen und technisch anspruchsvolle Geräte bedienen können. „Deshalb macht es keinen Sinn, bei den Versorgungssystemen zwischen alten und jungen Patientinnen und Patienten bzw. Pflegebedürftigen zu unterscheiden“, sagt Andreas Westerfellhaus, Präsident des Deutschen Pflegerats. „Die Grundelemente der Pflege sind immer gleich.“ Sie könnten deshalb gemeinsam vermittelt werden.

Die Kosten für die Reform sollen sich Bund und Länder teilen. Ob die Umstellung bei den Pflegeschulen schon zum Beginn des neuen Ausbildungsjahrs im September 2016 klappt, ist noch unklar. Sicher aber ist: Ein Hauptschulabschluss nach neun Jahren wird als Voraussetzung für die neue Fachausbildung nicht reichen, die EU schreibt eine zehn- bzw. zwölfjährige Schulbildung vor. Viele Kritiker finden das problematisch: Brauchen wir nicht jeden, der Altenpfleger werden will? Bienstein ist da skeptisch: „Pflege ist ein anspruchsvoller Beruf – Sie müssen kritische Situationen sofort richtig einschätzen können.“ Weniger qualifizierte Schulabgänger können sich dagegen jetzt schon zu Pflegeassistenten ausbilden lassen.