"Alt hilft Jung": Wirtschaftssenioren in Hamburg feiern ihr 25. Jubiläum

Mit einem Schutzengel in die Selbstständigkeit

Sie sind zwischen 60 und 80 Jahre alt, haben schon 12 500 Beratungen durchgeführt - mit vielen Erfolgen.

Hamburg. Viele junge Hamburger Unternehmer nennen Rita Mirliauntas (69) ihren guten Engel. Bezeichnen sie als den Menschen, dem sie ihren reibungslosen Start in die Selbstständigkeit zu verdanken haben. Als die kluge Beraterin, die die neue Geschäftsidee objektiv betrachtet und realistisch einschätzt, in stundenlangen Gesprächen die neue Firma mitkonzipiert und dann einen gut strukturierten Businessplan von ihren Schützlingen einfordert.

Der gute Engel Rita Mirliauntas ist eine von 30 Beratern des gemeinnützigen Vereins Wirtschafts-Senioren Beraten - Alt hilft Jung e.V., der vor wenigen Tagen sein 25-jähriges Jubiläum gefeiert hat. Seitdem die rüstige Seniorin vor zehn Jahren ihr eigenes Reisebüro mit zwölf Angestellten an einen Nachfolger verkaufte, berät sie Hamburger, die sich selbstständig machen wollen.

"Ich konnte einfach nicht still auf dem Sofa sitzen." Die Handelskammer habe sie angesprochen und ihr eine Mitarbeit ans Herz gelegt. "Ich war die erste Frau, die beigetreten ist", sagt sie nicht ohne Stolz in der Stimme. Sechs Jahre lang gehörte die Mutter von Zwillingen sogar dem Vorstand des Vereins an.

"Sie hat mich unterstützt, mir wichtige Anregungen gegeben, ohne die ich nie so einen guten Start hingelegt hätte", schwärmt beispielsweise die junge Unternehmerin Cathrin Caspar von der engagierten Hilfe der Wirtschaftsseniorin. Die junge Frau hat im vergangenen Sommer DiamantStern.TV gegründet. Die Firma produziert Filme und Fernsehformate für Sender, das Internet oder DVD's. Ihre wohl außergewöhnlichsten Erfindungen sind das nach eigenen Angaben weltweit erste Videotelefonbuch Videotory und die Videovisitenkarte eyeDcards. "Da ich aus der kreativen Fernsehbranche komme, brauchte ich eine Art betriebswirtschaftlichen Crashkurs. Also die Hilfe eines Experten", sagt Caspar. "Frau Mirliauntas hat mir aufgezeigt, was mit meinen Plänen möglich ist und was nicht. Und so viel Zeit und Liebe in das Projekt gesteckt, als entstehe hier ihr eigenes Unternehmen."

Man merkt Rita Mirliauntas an, dass die Beratung junger Unternehmensgründer mittlerweile zu ihrem Lebensinhalt geworden ist. "Hätte ich bei meiner eigenen Firmengründung eine derartige Hilfestellung erhalten, ich hätte mir Einiges ersparen können", sagt sie. "Dieser Gedanke spornt mich an und es freut mich, den jungen Gründern helfen zu können." Bei allen Projekten, die sie bisher begleitet habe, "hatte ich immer das Gefühl, als ob ich mich noch einmal selbstständig machen würde". Deshalb sei sie so oft unterwegs im Dienste der Wirtschaftssenioren, genauso wie ihre Vereinskollegen. Sie alle waren vor ihrer Pensionierung leitende Angestellte, Geschäftsführer oder Unternehmer, sind zwischen 60 und 80 Jahre alt. Mit rund 12 500 Beratungen hat der Klub schon Existenzgründern aus der Region in die Selbstständigkeit geholfen, für gerade einmal 20 Euro Aufwandsentschädigung pro Stunde. "Die Zusammenarbeit mit Gründern macht sehr viel Spaß. Und der Erfolg der Gründer ist der Lohn für die Beratung", sagt Rita Mirliauntas und man sieht ihren leuchtenden Augen an, wie ernst sie es meint.

Auch die Fotografin Katharina John und die Hamburger Schauspielerin Miriam Fiordeponti haben bei ihrer Firmengründung Unterstützung von der engagierten Beraterin erhalten. Sie bieten mit Vita Vino Viaggi Venedig-Aufenthalte, Weinproben oder individuell gestaltete kleine Reisen an. "Unsere Idee fand Frau Mirliauntas interessant, sie hat aber von uns gefordert, ein Konzept zu schreiben, einen Liquiditätsplan und einen Rentabilitätsplan aufzustellen", sagt die gebürtige Italienerin Miriam Fiordeponti. Die Wirtschaftsseniorin erklärt: "Die beiden Frauen hatten tolle Pläne und bringen Expertenwissen ein. Schließlich ist Frau Fiordeponti in Italien geboren und hat eine Weinausbildung absolviert. Frau John hingegen lebt in Venedig, was will man mehr", sagt Rita Mirliauntas. "Da brauchten wir nur noch eine solide betriebswirtschaftliche Basis."

Die ist für die Wirtschaftsseniorin der entscheidende Grundstein für eine erfolgreiche Gründung. Deshalb habe sie auch schon dem einen oder anderen geraten, die Firmenpläne aufzugeben. "Entscheidend ist, dass wir ehrlich mit den Menschen umgehen, die uns um Rat fragen", sagt Rita Mirliauntas. "Wenn die Zahlen nicht stimmen und mein Verstand mir sagt, das wird nichts, dann muss ich das sagen."

Zudem sei nicht jeder, der die Wirtschaftssenioren um Rat frage, auch für die Selbstständigkeit geeignet. Belastbarkeit, Einsatzbereitschaft und eine große Begeisterung gehören nach Angaben der Expertin zu den Grundcharakterzügen eines Unternehmers. "Wer Wert auf den Urlaub und freie Abende legt und sich nach Dienstsschluss nicht noch weiter den Kopf zerbrechen will, ist mit Sicherheit nicht für eine Gründung geeignet", sagt Rita Mirliauntas. "Der Schritt in die Selbstständigkeit ist der beruflich wohl spannendste, aber mit Sicherheit auch der anspruchvollste. Dessen muss sich jeder bewusst sein."