Vergewaltigungsprozess – Gericht setzt Verfahren nicht aus

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Bettina Thoenes
Um eine Vergewaltigung in Portugal im Jahr 2005 geht es im Prozess vor dem Braunschweiger Landgericht.

Um eine Vergewaltigung in Portugal im Jahr 2005 geht es im Prozess vor dem Braunschweiger Landgericht.

Foto: Kai-Uwe Ruf

Der Angeklagte beruft sich vor dem Braunschweiger Landgericht nach seiner Auslieferung aus Portugal auf einen Verstoß gegen internationales Recht.

Braunschweig. Im Prozess um eine Vergewaltigung in Portugal hat der zuletzt in Braunschweig lebende Angeklagte bestritten, die damals 72 Jahre alte Amerikanerin im September 2005 in ihrem Haus überfallen, vergewaltigt und ihr danach Geld und ein Notebook geraubt zu haben.

Über Zeugenaussagen in einem anderen Verfahren war der Angeklagte Jahre nach dem Verbrechen in Verdacht geraten. Ein Körperhaar auf dem Bett des Opfers stammt einer DNA-Analystin zufolge zweifelsfrei von dem heute 43-Jährigen.

Der Deutsche lebte in einem Haus rund einen Kilometer vom Tatort entfernt. Auf seinem Weg zum Strand kam er regelmäßig am Domizil des Opfers vorbei. Vor dem Haus sei er oft von zutraulichen Katzen begrüßt worden, für die er Leckerlis dabei gehabt habe. Daher sollte in Erwägung gezogen werden, so seine Einlassung, dass sein Körperhaar über eine Katze ins Haus der Geschädigten gelangt sein könnte.

Die Gutachterin hatte dies im Falle eines Körperhaars vor Gericht allerdings für unwahrscheinlich erklärt.

Bis zum Tag des Verbrechens hatte die 72-Jährige das Leben in Portugal genossen. Mit ihrem aus Wien stammenden Mann war sie auf die iberische Halbinsel übergesiedelt.

Als er 1988 starb, blieb sie in ihrem „wunderschönen Haus“ mit Blick auf die Surfer am Strand allein zurück. Sie sei viel schwimmen gegangen, habe ein reges Sozialleben geführt. Partys wurden gefeiert. Sie habe viel Besuch bekommen. „Es war eine tolle Zeit.“ So schilderte sie es deutschen Ermittlern während ihrer nochmaligen Vernehmung im Jahr 2018 in den USA, wohin sie längst zurückgekehrt war.

Die heute 85-Jährige ist körperlich nicht mehr in der Lage, die weite Reise anzutreten, um als Zeugin vor dem Braunschweiger Landgericht zu erscheinen.

Nach der Tat litt sie unter Ängsten, konnte nachts nicht mehr das Licht löschen. Der maskierte Täter war abends über eine offene Tür in ihr Haus eingedrungen, hatte ihr die Augen verbunden, sie geknebelt, gefesselt, geschlagen und vergewaltigt.

Sein Gesicht hat sie nicht gesehen. Der Mann erschien ihr groß und stark, sie selbst ist laut den Ermittlern eine kleine und zierliche Frau.

2017 war der Angeklagte wegen eines anderen Strafverfahrens mit europäischem Haftbefehl gesucht und von Portugal nach Deutschland ausgeliefert worden.

Den aktuellen Prozess gegen ihn hält er daher für rechtswidrig. Nach dem so genannten Spezialitätsgrundsatz dürfe er nach internationalem Recht nur für die Straftat zur Rechenschaft gezogen werden, für die der europäische Haftbefehl ausgestellt sei. Für Taten, die vor 2017 lagen, könne er daher weder verurteilt noch bestraft werden, so seine Argumentation.

Auch obergerichtlich strittig ist indes, ob dieser Schutz mit seiner zwischenzeitlichen Ausreise ins Ausland erloschen ist. Letztlich wird darüber der Bundesgerichtshof zu entscheiden haben. Das aktuelle Verfahren solange auszusetzen, lehnte die Kammer jedoch ab.

Das Gericht habe auch die Schuldfrage zu klären. Selbst wenn der Spezialitätsschutz in diesem Fall weiter gelten sollte und dieses Verfahren eingestellt werden müsste, „führt das nicht zum Strafverbrauch“, erklärte die Vorsitzende Richterin. „Nach der Einstellung ist eine neue Anklage möglich.“

Wie sich Anfang Juni 2020 herausstellt, könnte der Mann in Verbindung zum weltweit bekannten Fall Maddie McCann stehen. Darum ermittelt die Staatsanwaltschaft Braunschweig.

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