Theaterkritik

Kammerspielchen für drei Gestalten und große Perücken

Lisa Hagmeister in „Kabale und Liebe“, dem dritten Teil der Schiller-Trilogie „Ode an die Freiheit“ im Thalia, für das Internet filmisch aufbereitet.

Lisa Hagmeister in „Kabale und Liebe“, dem dritten Teil der Schiller-Trilogie „Ode an die Freiheit“ im Thalia, für das Internet filmisch aufbereitet.

Foto: Lilli Thalgott

Als letzter Teil des Schiller-Triptychons „Ode an die Freiheit“ hatte „Kabale und Liebe“ Online-Premiere am Thalia Theater.

Hamburg. Direkt rein in die Gesichter darf man kommen, porentief nah fast am gesprochenen Wort sein, keine halbe Stunde lang, immerhin. Als Schiller sein „bürgerliches Trauerspiel“ veröffentlichte, über die kreuzbrave Musikertochter Luise Miller und den Höherwohlgeborenen Ferdinand von Walter, den sie liebt und nicht haben darf, hatte er eine andere Art von Trauerspiel im Sinn als das, was unsere Gegenwart lähmt. Wie schön also, wie tragisch aber auch, nun das letzte Drittel von Antù Romero Nunes’ Schiller-Projekt „Ode an die Freiheit“ nur als Kost-Probe auf der Online-Bühne des Thalia zu sehen.

Ein Kammerspielchen für drei Gestalten und mehr als drei Charaktere wurde von Martin Prinoth gefilmt, noch nicht mal 30 Minuten kurz, und die drei Figuren sind derart zugepudert unter den Perücken-Türmen, als wären sie kopfüber in einen Kessel mit Rokoko gefallen. Der letzte Akt dieser Trilogie rauscht durch, die Kamera ist nah dran. An Luise, der von Lisa Hagmeister schön zickig gespielten 16-Jährigen, die wie ein Cousinchen von Shakespeares Julia wirkt. Nah dran an Cathérine Seifert, die sich mit der Ansage, Lady Milford spräche, blitzschnell verwandeln kann.

Die letzte, traurigste Szene spielt ohnehin real, backstage

Wunderbar nah dran, leider zu selten, auch an Jörg Pohl. Um sich vom Kunstpfeifer Miller in den Präsidenten zu verwandeln, schiebt der sich schnell was ins Gesicht, um mit Hamsterbacken wie Marlon Brando in „Der Pate“ heiser seine Zweitrolle anzunuscheln. Der Fiesling Wurm fehlte hier ganz. Und das gar schröcklich tödliche Ende des Original-Dramas hat Nunes offenbar eher als Serviervorschlag betrachtet, weil Luises Eltern an der giftgrünen Limonade sterben und nicht die beiden Liebenden. Die letzte, traurigste Szene spielt ohnehin real, backstage: Die Akteure warten. Auf den ganzen Rest, auf die anderen, auf alles eben. Auf die reale Premiere.