Christopher Street Day

Wie sich der CSD in Hamburg über die Jahre verändert hat

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Politprominenz beim Christopher Street Day 2016: Den Veranstaltern ist es wichtig, dass der CSD nicht nur als „Parade“ wahrgenommen wird.

Politprominenz beim Christopher Street Day 2016: Den Veranstaltern ist es wichtig, dass der CSD nicht nur als „Parade“ wahrgenommen wird.

Foto: Marcelo Hernandez

Die Veranstalter sprechen im Abendblatt über Erfolge, Botschaft und Verbesserungsbedarf der bunten Demo in Hamburg.

Hamburg. Nicole Schaening erinnert sich noch gut an ihre erste Demonstration zum Christopher Street Day: 1988 ist die heute 54-Jährige von der Moorweide aus mitgelaufen. Damals war sie in der Berufsausbildung zur Bankkauffrau und hatte gehofft, niemanden zu treffen, den sie kennt – vergeblich: Denn an der Mönckebergstraße stand ihr Filialleiter. „Erst dachte ich: ‚O Gott, wenn der mich jetzt sieht …‘, aber dann habe ich mich bewusst entschieden: Du bist jetzt als lesbische Frau präsent.“

Für viele heterosexuelle Menschen seien die CSD-Demos damals die erste Begegnung mit Schwulen und Lesben überhaupt gewesen, erzählt Schaening. Die Reaktion: maximale Irritation. „Es haben Menschen auf der Mönckebergstraße gleichgeschlechtlich getanzt – was Wahnsinn war“, sagt Schaening, die heute als Co-Vorsitzende des Hamburg Pride e. V. selbst die Demonstration mitorganisiert.

CSD Hamburg: Umfeld hat sich geändert

Der Kerngedanke ist damals wie heute unverändert: Gerade für viele junge, queere Menschen ist der CSD „wie Geburtstag und Weihnachten an einem Tag“, sagt Schaening. Die Veranstaltung zeigt ihnen, dass sie nicht alleine sind und ihr Leben glücklich gestalten können, auch wenn sie noch nicht geoutet sind. Im Umfeld hat sich seit Schaenings erstem CSD allerdings viel getan. Noch in den 2010er-Jahren in Hamburg oft als reine „Schwulendemo“ bezeichnet, seien heute nicht nur alle Geschlechter und Sexualitäten bei der Veranstaltung vertreten, sondern würden auch wahrgenommen, meint Schaening.

Das sagt auch ihr Vorgänger Stefan Mielchen, der seit 22 Jahren in Hamburg lebt und zwischen 2014 und 2021 als Erster Vorsitzender bei Hamburg Pride aktiv war. Auch er hat den Wandel mitbekommen: „Früher war common sense in Hamburg: Man darf alles sein, aber man muss ja bitte nicht darüber sprechen“, sagt Mielchen. So etwa bei Bürgermeister Ole von Beust (CDU), der von 2001 bis 2010 im Amt war und inzwischen in einer eingetragenen Lebenspartnerschaft lebt.

Demons­trierende werden mehr unterstützt

Über den CSD sagt Mielchen: „Früher gab es die einen, die auf der Straße waren, und die anderen, die zugeguckt haben.“ Heute würden sich Demonstrierende und Zuschauende viel mehr vermischen – das stehe auch sinnbildlich dafür, dass die nicht-queere Gesellschaft die Demons­trierenden insgesamt mehr unterstützt. Dazu gehört, dass inzwischen jedes Jahr große Akteure wie der FC St. Pauli, Politikerinnen und Politiker sowie Unternehmen an der Veranstaltung teilnehmen.

Während der erste Hamburger CSD 1980 mit 1500 Teilnehmenden anfing und in einer Auseinandersetzung mit der Polizei endete, soll er an diesem Sonnabend von der Langen Reihe aus eine Viertel Million Menschen auf die Straße bringen. „Heute ist die Polizei selbstverständlicher Partner der Veranstaltung“, sagt Mielchen. „Früher wäre es auch undenkbar gewesen, dass Unternehmen wie Otto oder Beiersdorf dabei sind.“

Immer wieder Kritik am CSD

Die Veranstalter hören aber auch immer wieder die Kritik, der CSD sei nur noch Kommerz. Unternehmen würden sich mit sogenanntem „Pink Washing“ einen „Image-Boost“ verschaffen. Das weist Pride-Vorsitzende Schaening zurück: Bei vielen Partnern würden nicht nur Marketingabteilungen die Teilnahme am CSD vorantreiben, sondern queere Menschen innerhalb der Organisation. „Die Entwicklung ist also sehr positiv. Es muss aber natürlich echt sein.“

Insbesondere seit 2014 – dem Start von Mielchen als Vorsitzendem und ihr als Vertreterin – sei der CSD in Hamburg erneut politischer geworden, sagt Schaening. Das ist ihr auch an diesem Sonnabend sehr wichtig. Bei aller Lebensfreude, die bei der Veranstaltung gezeigt werde, gehe es auch und vor allem um den Protest. Grundsätzlich laufe in Hamburg schon viel in die richtige Richtung: Etwa mit Initiativen wie spezifischen Ansprechpartnern für queere Menschen in der Polizei und der neuen Informationskampagne „Welcoming Out“ für heterosexuelle Menschen (das Abendblatt berichtete).

Hamburger Bildungspläne weisen Lücken auf

Die Community würde sich aber wünschen, dass im Bereich Aufklärung noch mehr passiert: Erst im Juni dieses Jahres beklagte die Arbeitsgruppe „Queere Lehrer*innen“ der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, dass eine klare Haltung zu Geschlechterdiversität in Entwürfen zu Hamburger Bildungsplänen fehlen.

Und auch auf sozialen Plattformen wie Facebook sind queere Menschen immer noch und immer wieder Hasskommentaren ausgesetzt. „Es ist eine laute, nervige Minderheit“, so Schaening. „Ich sage bewusst Minderheit, aber die verbreitet eben auch Meinungen, aus denen Taten werden.“ Mit dem diesjährigen Motto „Auf die Straße! Vielfalt statt Gewalt“ will Hamburg Pride beim CSD auf die zunehmenden Fälle von Hasskriminalität gegen queere Personen aufmerksam machen – von Beleidigungen bis hin zu Gewalt waren es 2021 doppelt so viele wie noch 2020.

CSD Hamburg: Feier-Charakter gibt Menschen Kraft

„Es gab im vergangenen Jahr 67 Fälle, die angezeigt wurden“, sagt Mielchen. „Das Dunkelfeld liegt bei 80 bis 90 Prozent. Wenn man das hochrechnet, kann man sagen, jeden Tag wird in dieser Stadt eine queere Person Opfer von Hasskriminalität.“ Auch deshalb behalte der CSD eine wichtige Funktion: „An die Ehe für alle hat sich die Gesellschaft mittlerweile gewöhnt“, sagt Mielchen. „Andere Themen wie das Selbstbestimmungsgesetz für Transmenschen sind noch weit davon entfernt, so akzeptiert zu sein.“ Und der Feier-Charakter gebe vielen betroffenen Menschen nach wie vor Kraft für den Alltag. „Das darf man nicht unterschätzen. Politik und Party schließen sich nicht aus.“

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