Fedcup

Tennisprofi Mona Barthel: „Ich lebe meinen Traum“

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Björn Jensen

Die 22-Jährige aus Bad Segeberg gehört zum Aufgebot der deutschen Damen in Stuttgart gegen Serbien. Im Interview spricht sie über ihr Idol, Teamgeist und Lästereien.

Hamburg. Ein Jahr ist es her, da stand Mona Barthel zum ersten Mal im Fedcup-Kader. Doch vor der Partie gegen Australien, die die deutschen Tennisdamen verloren und damit aus der Weltgruppe abstiegen, war die 22-Jährige nur Trainingspartnerin. In dieser Woche zählt Barthel, geboren in Bad Segeberg und wohnhaft in Neumünster, erstmals zu den vier deutschen Tennisassen, die in Stuttgart gegen Serbien am Wochenende den Wiederaufstieg schaffen sollen.

Hamburger Abendblatt: Herzlichen Glückwunsch, Frau Barthel, Sie dürfen endlich Ihre Fedcup-Premiere feiern. Sie sind aktuell die deutsche Nummer zwei hinter Angelique Kerber. Rechnen Sie also damit, für das Einzel nominiert zu werden?

Mona Barthel: Natürlich nicht. Ich würde mich sehr freuen, wenn ich spielen dürfte. Aber darüber werden die Eindrücke der Trainingswoche entscheiden. Ich bin sehr froh, dass ich dabei sein darf. Für mich ist das eine tolle Erfahrung, ob ich nun spiele oder nicht.

Diese Erfahrung hätten Sie schon im Februar haben können. Doch da sagten Sie für die Erstrundenpartie gegen Frankreich ab, weil diese nicht in Ihren Turnierplan passte. Warum passt es jetzt?

Barthel: Das ist etwas durcheinander gebracht worden. Ich habe aus persönlichen Gründen abgesagt, die ich nicht näher erläutern möchte. Es war eine schwierige Entscheidung, zumal ich kurz vor der Partie das Turnier in Paris gewonnen hatte und in guter Form war. Deshalb wurde meine Absage in der Öffentlichkeit auch so hoch gehängt.

Waren Sie überrascht von dem negativen Echo, und hatten Sie gefürchtet, dass Teamchefin Barbara Rittner Sie deshalb erst einmal links liegen lassen würde?

Barthel: Nein, es war ja keine Entscheidung gegen das Team. Im Gegenteil: Ich liebe es, im Team zu spielen, diese besondere Atmosphäre zu spüren und eine Gruppe hinter mir zu haben, die mich unterstützt. Barbara will immer mit dem bestmöglichen Team antreten. Ich bin in guter Form und denke, dass ich helfen kann. Deshalb denke ich, dass sie froh ist, mich dabeizuhaben. Und ich bin froh, dass ich eine Option bin.

Tennisspieler sind Einzelkämpfer. Wie schwer fällt es da, auf einmal in den Team-Modus umzuschalten und sich auch mal unterzuordnen?

Barthel: Mir fällt das gar nicht schwer. Gerade weil wir das ganze Jahr allein antreten, liebe ich die Abwechslung, die ein Teamwettbewerb bringt. Ich habe auch immer gern Bundesliga gespielt.

Das Fedcup-Team macht seit Jahren einen sehr homogenen Eindruck. Ist es schwierig, sich als Neue in eine solche Einheit zu integrieren?

Barthel: Ich würde nicht sagen, dass ich ein Neuling bin. Wir sehen uns ständig auf Turnieren und verstehen uns alle sehr gut untereinander.

Man mag es kaum glauben, dass es so einfach möglich ist, mit Menschen, mit denen man das Jahr über konkurriert, plötzlich ein funktionierendes Miteinander zu bilden.

Barthel: Warum nicht? So ein Team strahlt doch Stärke aus, von der jeder profitieren kann. Die Konkurrenz ist eine schöne Situation. Wir haben derzeit in Deutschland eine solche Fülle an guten Spielerinnen, dass wir sogar einen Ausfall von einer Topkraft wie Andrea Petkovic verkraften können. Das ist doch allerhöchstens ein Luxusproblem. Und wir haben noch so viel mehr Spielerinnen, die fürs Team infrage kommen.

Setzt Sie das nicht unter Druck? Ärgern Sie sich manchmal, dass Sie nicht in einer Zeit Tennis spielen, in der Sie mit Ihrer Leistung die klare Nummer eins wären?

Barthel: Über so etwas denke ich nicht nach. Es ist mir egal, dass ich vor fünf Jahren vielleicht die beste Deutsche gewesen wäre, denn das ist hypothetisch. Ich freue mich sehr über die Erfolge der anderen Deutschen, für mich ist das eine Motivation. Andererseits versuche ich mich nie mit anderen zu vergleichen, sondern immer nur mit der Spielerin, die ich mal war. Ich schaue nur auf meine Entwicklung und nicht auf den Ranglistenplatz.

Ihre Entwicklung verlief rasant in den vergangenen 15 Monaten. 2012 spielten Sie Ihr erstes komplettes Jahr auf der WTA-Tour und gewannen sofort das Turnier im australischen Hobart. War das der Moment, in dem Sie spürten, dass Sie angekommen sind im Profitennis?

Barthel: Ob es diesen einen Moment gab, erinnere ich gar nicht. In Hobart zu gewinnen war natürlich toll, aber damals kannten mich viele Gegnerinnen noch gar nicht, da hatte ich vielleicht das Überraschungsmoment auf meiner Seite. Deshalb glaube ich, dass der Sieg in Paris in diesem Jahr, bei einem viel höher dotierten Turnier, der Schritt war, mit dem ich gezeigt habe, dass ich dazugehöre. Zu beweisen, dass ich mit den Besten der Welt mithalten kann, war eine Bestätigung dafür, dass ich mich für das Richtige entschieden habe. Ich hatte Anfang dieses Jahres viele Punkte zu verlieren, weil ich Anfang 2012 so stark gespielt hatte. Trotzdem habe ich meine Leistung noch einmal getoppt. Das zeigt mir, dass das Potenzial da ist, mich weiter zu verbessern.

Sie sagten, Sie vergleichen sich nur mit der Spielerin, die Sie waren. Wie haben Sie sich also sportlich und menschlich verändert in den vergangenen Monaten?

Barthel: Sportlich habe ich unheimlich viel gelernt. Vor allem habe ich mehr Routine, und das gibt mir die Ruhe, in schwierigen Momenten konzentriert und gelassen zu bleiben, weil ich weiß, was kommen kann. Menschlich habe ich mich nicht verändert. Ich bin genauso motiviert wie früher, mich zu verbessern. Ich bin in Regionen vorgestoßen, von denen ich früher nur geträumt habe. Aber jetzt will ich mehr.

In den Regionen, in denen Sie jetzt spielen, sind die Schritte nach vorn naturgemäß kleiner. Haben Sie die Geduld dafür, auch mal damit zufrieden zu sein, eine Position zu halten anstatt zu verbessern?

Barthel: Auf jeden Fall. Ich mache mir immer wieder klar, wie viel Glück ich habe, das Talent zu besitzen, um meinen Traum leben zu können. Ich habe als kleines Mädchen davon geträumt, Tennisprofi zu werden. Steffi Graf war mein Idol, ich wollte das tun, was sie tat. Im Großen und Ganzen bin ich auf dem richtigen Weg, denke ich.

Sie haben allerdings Ihr Abitur gemacht, um einen Plan B in der Tasche zu haben. Haben Sie manchmal daran gezweifelt, ob Tennis der richtige Weg ist?

Barthel: Es war mir sehr wichtig, mein Abitur zu machen, weil mir dadurch Türen offen stehen, wenn die Karriere aus irgendeinem Grund plötzlich vorbei sein sollte. Aber im Moment spüre ich, dass das, was ich tue, das absolut Richtige für mich ist.

Ihr Vater war Europameister im Kugelstoßen, Ihre Mutter hat Sport studiert. War es bei solch sportlichen Eltern vorgezeichnet, dass Sie ebenfalls ein Leben im Leistungssport führen würden?

Barthel: Überhaupt nicht, meine Eltern haben es meiner Schwester und mir immer offen gelassen, was wir machen wollten. Sie fragen mich heute noch manchmal, ob ich mich wohl fühle mit dem Tennis. Aber sie waren sicherlich froh, dass ich immer gern Sport gemacht habe. Das ist ja auch ein Lebensgefühl, eine Lebenseinstellung.

Ist es für einen jungen Erwachsenen gut, wenn die Mutter ständiger Begleiter ist wie bei Ihnen?

Barthel: Ich finde es schön, jemanden aus der Familie bei mir zu haben, wenn ich auf Reisen bin. Immerhin reise ich zehn Monate im Jahr. Es ist sicherlich nicht Mutters Traum, sie wäre viel lieber Lehrerin geblieben. Aber durch ihre Frühpensionierung hat es sich so entwickelt, und es ist meine Entscheidung, dass sie immer dabei ist. Meine Eltern sind mit Sicherheit nicht die Tenniseltern, die man aus dem Klischee kennt.

Graut Ihnen schon vor dem Tag, an dem Sie sich abnabeln werden?

Barthel: Überhaupt nicht, wir nehmen uns ja heute schon unsere Freiräume, ich lebe mein eigenes Leben. Aber im Moment hilft mir meine Mutter sehr bei vielen Dingen, zu denen ich gar nicht kommen würde.

Als Sie in Paris gewannen, haben viele Kolleginnen per Twitter gratuliert, Sie damit aber nicht erreicht, weil Sie im Gegensatz zu den meisten anderen deutschen Spielerinnen nicht twittern und auch nicht bei Facebook sind. Warum scheuen Sie soziale Netzwerke?

Barthel: Es ist nicht so, dass ich sie scheue. Ich betreibe seit Jahren meine eigene Homepage im Internet. Meine Mutter war Informatiklehrerin, ich hatte das Fach in der Schule, und da haben wir vor Jahren angefangen, meine Seite zu bauen. Bis heute machen wir alles allein, ich schreibe die Texte komplett selbst. Im Moment finde ich, dass ich Facebook und Twitter nicht brauche, weil ich mich nur wiederholen würde.

Könnte es sein, dass Ihnen die Bösartigkeit dieser Netzwerke zusetzt? Immerhin wird dort Ihre Akne oft thematisiert.

Barthel: Nein, das denke ich nicht. Ich bin zufrieden mit mir selbst. Aber natürlich gibt es Menschen, die über einen lästern. Das gehört dazu, ganz besonders, wenn man in der Öffentlichkeit steht. Das finde ich nicht schlimm. Ich denke, dass Lästereien viel mehr über die Person aussagen, die lästert, als über mich. Das Wichtigste ist, dass man Familie und Freunde hat, die einen auffangen, und die habe ich. Außerdem ist der Traum, Tennisprofi zu sein, viel größer als die Angst vor Lästereien.

Dann verraten Sie uns zum Abschluss, was Sie glücklich machen würde, wenn Sie sich am Jahresende mit der Mona Barthel vergleichen, die Sie heute sind.

Barthel: Ich möchte mein Spiel verbessern, eine höhere Konstanz in den ersten Aufschlag kriegen und mit dem zweiten Aufschlag gefährlicher sein.

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