Corona Schleswig-Holstein

Die neue 3G-Freiheit - viele bleiben vorsichtig

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Endlich wieder Live-Musik mit dichtem Gedränge – ohne Maske und Abstand. Die Band „Little Caesar“ spielte am Montag im brechend gefüllten Music Star ein Hardrock-Konzert

Endlich wieder Live-Musik mit dichtem Gedränge – ohne Maske und Abstand. Die Band „Little Caesar“ spielte am Montag im brechend gefüllten Music Star ein Hardrock-Konzert

Foto: Burkhard Fuchs

In der Disco, im Kino, Restaurant und Konzert sind in Schleswig-Holstein Maske und Abstand nicht mehr Pflicht – ein Bummel.

Norderstedt.  Brechend voll ist der Konzertclub Music Star. Das erste Konzert nach eineinhalb Jahren. Alle sind gut drauf, keiner trägt Maske. „Das Thema Corona ist durch“, sagt Stammgast Norbert Pranzas. Stattdessen Live-Musik-Feeling und Engtanz-Atmosphäre im Club am Harksheider Markt. Die Hardrock-Band „Little Caesar“ aus Los Angeles spielt – und das richtig laut. Als ob sie die letzten Corona-Viren wegblasen wollten.

Norderstedt und der Rest des Landes genießen seit 20. September die neue 3G-Freiheit. Wer geimpft, genesen oder getestet ist, muss überall dort, wo der Nachweis kontrolliert werden kann, keine Maske mehr tragen und keinen Abstand halten. Doch wie sieht das in der Realität aus: Trauen sich die Menschen? Sind Vorbehalte da? Pfeifen sie zugunsten der Sicherheit auf die neue Freiheit?

Im Music Star auf jeden Fall nicht. Club-Chef Wolfgang Sedlatschek und seine Mitstreiter vom Verein Music-Werkstatt sorgen für einen reibungslosen Ablauf bei der Einlasskontrolle. „Die überwiegend älteren Männer hier sind doch sowieso alle doppelt geimpft“, sagt Stammgast Arnold Neubacher aus Norderstedt. Sedlatschek hatte befürchtet, dass seine Gäste nach so langer Zeit des Abstandhaltens Berührungsängste haben könnten. Weit gefehlt. Thomas Fuchs aus Hohenlockstedt sagt: „Es wurde Zeit, dass wir wieder rauskönnen. Nur zu Hause hocken, macht ja keinen Spaß.“ Der gebürtige Kalifornier George Long, vor sieben Jahren von San Diego nach Großenaspe umgezogen, strahlt: „I’m absolutely happy to be back here.“

Im Restaurant tragen alle bis zum Platz die Maske

Ein ganz anderes Bild zeigt sich im italienischen Restaurant „La Piazza“ an der Rathausallee am Mittwochabend. Der Corona-Verordnung zufolge könnte man hier jetzt nach Vorlage des Impfzertifikates masken- und abstandslos hineinspazieren. Macht aber keiner, alle ziehen die Maske über, bis sie am Tisch sitzen. Und die meisten nutzen die Abendsonne, um draußen zu sitzen. Volle Restaurants, Rücken an Rücken sitzen mit anderen Gästen – das war schon vor Corona lästig. Nun scheint es geradezu absurd. „ La Piazza“-Chef Raffaele Claudio hat eh ganz andere Probleme. „Es dauert mit dem Essen, entschuldigen Sie. Aber ich habe zu wenig Personal, und es sieht nicht gut aus für die Zukunft.“ Er selbst zieht seine Maske demnächst ab beim Arbeiten. „Ich habe die zweite Impfung hinter mir. Dann kommt die Maske weg, so kann ich nicht leben. Aber die Leute? Die haben noch Angst. Die sind lieber vorsichtig.“

Im Kino herrscht Corona-Alltag mit Maske und Abstand

Drüben im Spectrum-Kino gibt es an diesem Abend den ersten Teil des sandigen Science-Fiction-Epos „Dune“. Da laufen alle maskiert durch endlose Sandstürme. Im Vorraum des Spectrum tobt zwar kein Sandsturm, aber es herrscht 3G und Maskenpflicht. Bis zum Platz muss der Schutz vor dem Gesicht bleiben. Erst wer sitzt, darf ihn abziehen, Popcorn futtern und schauen.

Der Saal ist vielleicht zur Hälfte besetzt. Zwischen sich fremden Kinogästen wird immer ein Sitzplatz Abstand gehalten. Nur eine einzige Dame behält die ganzen zweieinhalb Stunden Weltraum-Gerumpel die Maske auf. Ab und zu hüstelt sie leicht. Eine abklingende Bronchitis? Ansonsten herrscht maskenloses Miteinander. Dass immer ein Sitz neben einem frei ist, genießen die Leute. Vor Corona war das ein glücklicher Zufall für die Jackenablage.

In der „TriBühne“ bleiben die Stühle noch auf Abstand

Der junge französische Pianist Dimitri Malignan spielt am Dienstagabend in der „TriBühne“ in der Konzertreihe Cognito. Es gibt Brahms, Bach und Rachmaninow. Und die 3-G-Regel ohne Maske. Die muss nur bis zur Eingangskontrolle getragen werden, beim Vorweisen von Impfpass, Genesenennachweis oder gültigem Negativ-Test. Danach darf der Fetzen weg, der Abstand zum Nächsten ist nur noch Gebot. Doch Abstandhalten fällt leicht, weil nur etwa 40 Zuhörerinnen und Zuhörer gekommen sind. Und weil die Bestuhlung noch so weit auseinander steht, wie es die alten Corona-Regeln verlangten. „Wenn die Nachweise der Gäste in Ordnung sind, kann bei uns die Maske fallen, der Abstand auch, es gibt Bewirtung, es gibt eine Pause, es läuft alles ganz normal wie vor Corona“, sagt Nicole Preiß, Projekt-Koordinatorin der Mehrzwecksäle Norderstedt GmbH. „Wir hoffen, dass unsere Gäste jetzt alle wiederkommen und sich wohlfühlen.“ Das erste klassische Konzert nach langer Zeit mit nur 40 Gästen könnte aber auch ein Indiz dafür sein, dass gerade das ältere Klassik-Publikum noch Vorbehalte gegenüber der neuen Freiheit in der Pandemie hat.

Im Theater gibt es einen Mix aus altem und neuem 3G

Die Theaterszene in Norderstedt kommt gerade erst wieder in Gang. Die erste Aufführung nach dem Fall der Masken bringt das plattdeutsche Tanks Theater am Donnerstag, 30. September, auf die Bühne des Festsaals am Falkenberg. Titel: „Willkamen torüch bi Tanks“. Nach wie vor gilt der in der Pandemie einstudierte Einbahnverkehr im Saal: „Unser Publikum geht rechts rein in den Festsaal und links wieder raus, doch sie müssen keine Masken mehr tragen und auch nicht mehr auf 1,50 Meter Abstand achten“, sagt Christian Hartrampf, Theaterleiter.

Das Ganze ist also eher eine Mischform aus altem und neuem 3G. „Wir hätten die Plätze im Saal auch ohne jegliche Einschränkung anbieten können, aber der Vorverkauf lief bereits, und so sind wir beim Corona-System mit Schachbrettmuster geblieben“, sagt Hartrampf.

Der Disco-Chef würde gerne noch die Personalien notieren

In der Diskothek Joy in Henstedt-Ulzburg wurde am Freitag zum ersten Mal wieder ohne Maske und Abstand auf der Tanzfläche gefeiert. Und dieses Mal nicht in einem wissenschaftlich begleiteten Modellprojekt des Landes, wie noch im März. Sondern ganz in echt. „Das ist gut für die Branche, für die Kultur und natürlich für unsere Gäste“, sagt Disco-Chef Joey Claussen. Bis zu 600 Menschen durfte er am Freitag nach den neuen 3G-Regeln ins Joy einlassen. Das Modellprojekt habe bei harten Anforderungen ein hervorragendes Ergebnis erzielt, sagt Claussen. Keine einzige Infektion konnte auf einen Besuch im Joy zurückgeführt werden. Dass aber die Regeln jetzt nicht mehr so streng sind, sieht der Disco-Chef kritisch. Er würde lieber noch über die Luca-App die persönlichen Daten seiner Gäste erheben. Damit eine Nachverfolgung möglich bliebe. Trotz der Zweifel habe er das Joy geöffnet. „Wir brauchen das Geld, mir bleibt nichts anderes übrig“, sagt Claussen. Er hat sich mit Discobetreibern in Schleswig-Holstein zu einem „Bündnis für sichere Nachtgastronomie“ zusammengeschlossen. „Wir wollen darin ein hohes Level an Sicherheitsregeln halten, zur Not auch höher als in der Landesverordnung. Keiner von unseren Läden möchte Infektionen riskieren.“

Die Chöre singen wieder im geschlossenen Raum

Das wollten die Chöre der Region auch nicht und stellten den Probenbetrieb in geschlossenen Räumen in den vergangenen Monaten ein. Doch nun ist gemeinsames Singen wieder möglich. ,,Es war sehr ungewohnt, aber es war wahnsinnig schön!“, sagt Veronika Schlieber, Sprecherin vom Chor 82 aus Kaltenkirchen. ,,Wir haben am Montag zum ersten Mal wieder ohne Abstand und ohne Maske drinnen in unserem Probenraum gesungen.“ Unter den neuen 3G-Regeln seien auch viele Leute wieder zu der Probe erschienen, die während der Pandemie pausiert hatten. ,,Wir proben wieder im Christophorus Haus, sitzen wie früher drinnen im Halbkreis.“ In der Pandemie ging das bislang nur draußen mit viel Abstand – oder online über Zoom.

Auch in den Klassenzimmern sollen die Masken fallen

Bleibt die Frage, wie das alles eigentlich bei den Schülerinnen und Schülern ankommt, die bislang noch mit Maske im Unterricht saßen, während die geimpften Eltern ohne Maske feiern gingen. Aber siehe da: Nun soll die Maske Ende Oktober auch in den Klassenzimmern fallen. Die Schulleiter sind zwiegespalten. „Ich glaube, das Ende der Maskenpflicht wird von vielen Schülern und Lehrkräften mit Unwohlsein aufgenommen“, sagt Heike Schlesselmann, Schulleiterin des Norderstedter Coppernicus-Gymnasiums. Sie wird den Kindern und Jugendlichen freistellen, ob sie im Unterricht eine Maske tragen möchten oder nicht.

„Je mehr Normalität, desto besser für die Entwicklung der Kinder. Wir merken, dass die Masken ihren Alltag beeinträchtigen“, sagt Ingke Rehfeld, Leiterin der Grundschule Heidberg. Für viele Schülerinnen und Schüler seien die Masken erschreckend selbstverständlich geworden. „Manche verstecken sich hinter ihnen.“ Auf der anderen Seite gehe es um ein Maximum an Sicherheit. Zwar gebe es wenige Corona-Fälle unter den Kindern, aber es käme immer mal wieder vor, dass sich ungeimpfte Eltern infiziert haben.

( abm/anb/bf/lin/jr/tz )

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