Anne-Will-Talk

Wie sich Martin Schulz bei "Anne Will" mit Obama vergleicht

Martin Schulz, designierter Kanzlerkandidat der SPD, war am Sonntagabend zu Gast in der ARD-Talksendung „Anne Will“.

Foto: Karlheinz Schindler / dpa

Martin Schulz, designierter Kanzlerkandidat der SPD, war am Sonntagabend zu Gast in der ARD-Talksendung „Anne Will“.

SPD-Kanzlerkandidat Schulz mangelt es nicht an Selbstbewusstsein. Trotzdem geriet er bei Anne Will in der ARD zweimal in Bedrängnis.

Berlin.  Die SPD, so scheint es, hat Martin Schulz schon hinter sich versammelt. Nun geht es bis September um die Wählerstimmen. Schulz, der neue Kanzlerkandidat der SPD, hat sich für seinen ersten großen medialen Auftritt die gleiche Bühne ausgesucht, die auch seine künftige Wahlkampf-Konkurrentin Angela Merkel schon zweimal gewählt hatte.

Als die Kanzlerin auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise unter Druck geriet, ging sie zweimal ins ARD-Studio zu Anne Will, um ihren Kurs zu verteidigen. Danach war in den Medien zu lesen, die sonst so kühle Kanzlerin sei so emotional wie selten rübergekommen. Wie schlägt sich Martin Schulz nun auf dem prominenten Sendeplatz nach dem "Tatort"?

Schulz wird international aufmerksam beobachtet

"Können Sie Kanzler?", fragt Gastgeberin Will. Jedenfalls zeigt Schulz gleich mal, dass er kein knochentrockener Sozi ist, sondern auch Humor kann. Wills Einwand, schließlich habe er doch keine Regierungserfahrung, kontert Schulz: "Das Schicksal teile ich mit Barack Obama, bevor er amerikanischer Präsident wurde." Da hat er die Lacher gleich mal auf seiner Seite.

SPD-Parteivorstand benennt Schulz als Kanzlerkandidaten

Der SPD-Parteivorstand hat am Sonntag den bisherigen Präsidenten des Europaparlaments, Martin Schulz, als Kanzlerkandidaten für die Bundestagswahl am 24. September nominiert. Das Votum sei einstimmig gefallen, sagte ein Teilnehmer. Die SPD verzeichnete laut Generalsekretärin Katarina Barley 700 Neueintritte, seitdem am Dienstag die Kanzlerkandidatur von Schulz bekannt wurde. Normal sind etwa 1000 in einem ganzen Monat. Auch die Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz Malu Dreyer freute sich über die Entscheidung ihrer Partei: "Man kann das laut sagen, dass in der Partei wirklich eine ganz, ganz hohe Motivation ist. Überall wo ich hinkomme, ich war gestern in Schleswig-Holstein, überall ist die Stimmung wirklich sehr, sehr gut. Und wir freuen uns auf diesen Wahlkampf mit Martin Schulz. Ich bin ganz sicher, dass er der Partei wirklich einen richtigen Ruck gibt, und dass wir in Aufbruchstimmung sind." Martin Schulz unterstrich in seiner Grundsatzrede am Sonntag im Willy-Brandt-Haus den Zusammenhalt der Gesellschaft als Kernaufgabe und sagte auch schon, welche Qualitäten aus seiner Sicht der zukünftige Bundeskanzler mitbringen müsste: "Nach meinem Verständnis muss ein Bundeskanzler für die Alltagssorgen, für die Hoffnungen wie für die Ängste der Menschen nicht nur Verständnis haben, sondern er muss sich selbst mit tiefer Empathie spüren können, sonst ist er, oder sonst ist sie fehl am Platz. /Applaus/ Deshalb bewerte ich so manchen Angriff gegen mich der Europa- oder Kommunal-Fuzzi, der noch nicht mal Abitur hat, einfach nur als arrogant, als elitär und abgehoben. Die beste Antwort auf diese Attacken war in dieser Woche die Zustimmung der Menschen, die in die SPD eingetreten sind, spontan, und die uns dadurch viel Vertrauen geschenkt haben." Und auf einem Sonderparteitag am 19. März in Berlin soll der 61-Jährige dann auch förmlich zum Spitzenkandidaten und Parteichef gewählt werden.
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Wer ist nun dieser Mann aus Würselen? Der "Heilsbringer" der gebeutelten Sozialdemokraten, der "Sankt Martin" der Partei, wie ihn der "Spiegel" taufte? Oder nur das "letzte Aufgebot der SPD", wie aus der CDU gestichelt wird? Jedenfalls beobachtet man den spektakulären Wechsel an der SPD-Spitze von Gabriel zu Schulz auch international mit großer Aufmerksamkeit. Der "New York Times" schwante bereits, auf den neuen Mann käme als Merkel-Herausforderer eine extrem schwere Aufgabe ("extremely tough job") zu.

Martin Schulz will auch mit seiner Biografie punkten

Aber Obama? Schulz ist eher ein Anti-Obama. Kein Visionär, sondern einer der seine Bodenständigkeit betont. Das wird auch bei Will deutlich. "Gerechtigkeit" solle das Kernthema seiner Wahlkampagne werden. Schulz wettert gegen hohe Banker-Boni und lobt die "Leute, die hart schuften müssen". Er wolle jedem Arbeiter "ein würdiges Einkommen" sichern.

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Und Schulz vergisst nicht zu erwähnen, dass er selbst sich von ganz unten nach ganz oben gearbeitet hat. Er will deshalb nicht nur mit Argumenten punkten. Die Wähler sollen sagen: "Wir wissen, dass da ein Typ mit Gefühl ist. Der Typ versteht wie es uns geht. Die Sorgen, die wir haben, die hat der auch." Die "traditionellen Werte der SPD", so Schulz, müssten "glaubwürdig von Sozialdemokraten vertreten werden".

Wähler wollen Taten sehen

Das wird nicht einfach, wie der Auftritt von Maurike Maaßen, ehemaliges SPD-Mitglied aus Essen, zeigt. Anne Will hat die Frau ins Publikum eingeladen, und Maaßen zieht ziemlich vom Leder: "Die alten Werte hat die SPD nicht mehr." Sie fühle sich von der Partei "jahrelang verraten". Es müssten "Taten folgen, bevor ich Versprechungen noch mal glaube". Da hat Martin Schulz noch so manche harte Nuss zu knacken.

Das weiß auch Schulz selbst. "Die Spannung steigt", sagt er bei Anne Will und es klingt ein bisschen so, als wolle er sich selbst überzeugen. Er erwarte nun einen "Wettbewerb der Personen und der Argumente". Deutschland brauche eine Erneuerung. Die SPD habe schon "einen Ruck erlebt", seitdem klar ist, dass er antrete. Schulz: "Ich bin eine Kämpfernatur."

Anne Will bringt Martin Schulz ins Schwimmen

Seine Gegnerin in diesem Kampf wird Angela Merkel sein. Und Gastgeberin Anne Will legt denn auch gekonnt und nachdrücklich den Finger in die Wunde, indem sie Schulz nahezu wortgleiche Redeausschnitte von ihm und der Kanzlerin vorspielt: Wo ist da das Alleinstellungsmerkmal des SPD-Herausforderers? Da gerät Schulz ins Schwimmen und rettet sich in Allgemeinplätze: "Wir sind das Original." Das wirkt nicht überzeugend.

Trotzdem: Obwohl noch gar nicht offiziell im Amt, kommt Schulz auf Anhieb offenbar gut in der Öffentlichkeit an. Erste Umfragen für ARD und ZDF nach Bekanntwerden der Personalie ließen die Umfragewerte der SPD gleich um drei Punkte nach oben schnellen – das hatte es lange nicht gegeben. Auch im direkten Vergleich ist Schulz fast auf Augenhöhe mit Merkel. "Wenn das jetzt jede Woche so weiter geht, mache ich mir um den Wahlsieg keine Sorgen", scherzt Schulz. Ob dies aber nur ein Strohfeuer ist oder ob die Flamme der Hoffnung länger lodern wird, muss sich freilich erst erweisen.

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