Plastikflaschen

Irrsinn Pfandsystem – ZDF-Doku macht Umweltbedrohung klar

Viel Plastik: Durch das deutsche Pfandsystem haben viele Verbraucher den Eindruck, dass sie beim Kauf von Einwegflaschen der Umwelt nicht schaden.

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Viel Plastik: Durch das deutsche Pfandsystem haben viele Verbraucher den Eindruck, dass sie beim Kauf von Einwegflaschen der Umwelt nicht schaden.

Immer mehr Getränke werden in Einweg-Plastikflaschen verkauft – gut für Hersteller, schlecht für die Umwelt. Der Bund tut fast nichts.

Berlin.  17 Milliarden Einweg-Plastikflaschen werden jedes Jahr in Deutschland verkauft. 17 Milliarden Flaschen, die, wenn sie leer sind, erstmal zu Müll werden. Sie können zwar mit hohem Energieaufwand recycelt werden – aber nur ein geringer Anteil wird wieder zu Flaschen.

Wie stark der Anteil dieser Verpackung mit der schlechten Ökobilanz in den vergangenen Jahren angestiegen ist – und wie wenig die Bundesregierung dagegen tut – macht die ZDF-Dokumentation "Der Wahnsinn mit dem Pfandsystem" deutlich.

Immer mehr Getränke in Einweg-Plastikflaschen

Auf Bierflaschen aus Glas kommen acht Cent Pfand, auf Wasser oder Limonade in Mehrweg-Glasflaschen 15 Cent, auf Getränke in Mehrweg-Plastikflaschen 15 Cent, auf Wasser in Einweg-Plastikflaschen 25 Cent, für Saft in Einweg-Plastikflaschen muss gar kein Pfand gezahlt werden: Warum so unterschiedliches Pfand erhoben wird, ist für Verbraucher kaum zu durchschauen.

Die Filmemacher erinnern in ihrer Doku daran, dass das Pfandsystem eigentlich mal dazu gedacht war, die Kunden dazu anzuhalten, ihre Einweg-Flaschen zurückzugeben statt in der Umwelt zu "entsorgen". Viele glaubten offenbar, dass die Nutzung und Rückgabe dieser Verpackungsart umweltfreundlich wäre, heißt es in dem ZDF-Film: Wohl ein Grund, warum ihr Anteil bei alkoholfreien Getränken boomt.

Plastikflaschen vermüllen die Weltmeere

2003 lag demnach der Anteil der Einweg-Plastikflaschen in diesem Segment bei unter 40 Prozent – 2015 bei über 70 Prozent. Der Anteil an Mehrweg-Flaschen ist dramatisch zurückgegangen: Nur noch jede vierte verkaufte Flasche wird mehrfach benutzt. Unterdessen steigt die Flut von Plastikmüll , die in den Meeren der Welt landet, immer weiter an: Pro Jahr kommend 13 Millionen Tonnen dazu, ein großer Teil sind Einwegflaschen. Es entstehen gigantische Plastikstrudel – einer allein ist schon doppelt so groß wie Deutschland.

Dass hinter diesem Anstieg noch mehr steckt, erklärt im Film Supermarkt-Geschäftsführer Karsten Johst. Hersteller profitieren von der Zunahme bei den Einweg-Flaschen, sagt der Fachmann: Sie liefern ihre Getränke an den Großhandel, damit ist ihr Logistik-Einsatz beendet. Alles andere mache der Handel – und der Kunde: "Weil der ja die Rückführung des Wertstoffes übernimmt."

Für Hersteller sind Einwegflaschen gewinnbringend

Für Hersteller sind Einwegflaschen also bequem und gewinnbringend. Beispiel Coca-Cola: Die Halbliter-Flaschen, die es bis vor einigen Jahren auch in der Plastik-Mehrwegflasche gab, sind jetzt nur noch in der Einweg-Variante im Handel.

Bequemlichkeit – und Preisbewusstsein – ist selbstverständlich auch für die Kunden ein Argument: Die Einweg-Plastikflaschen können sie überall zurückgeben, Mehrweg-Glasflaschen nehmen nur Getränkehändler oder Vollsortiment-Supermärkte zurück. Und 1,5 Liter Mineralwasser in der Einwegflasche kosten beim Discounter 19 Cent plus 25 Cent Pfand – an den Preis komme kein Mineralwasser in Glasflaschen heran.

Bundesregierung unternimmt nichts gegen Einweg-Boom

Aber auch für den Handel sind Einweg-Flaschen nicht unattraktiv: Nicht jede Einwegflasche wird zurückgegeben, das Pfand ist aber schon eingenommen: Das sind laut Deutscher Umwelthilfe 120 Millionen bis 140 Millionen Euro, die der Einzelhandel ohne Gegenleistung einnimmt.

Die Bundesregierung kennt die Nachteile von Einwegflaschen – und sollte eigentlich Mehrweg-Flaschen fördern. Mit dem geltenden Pfandsystem hat sie das Gegenteil erreicht. Stephan Gabriel Haufe vom Bundesumweltministerium erklärt, es sei "nicht so einfach" innerhalb der Europäischen Union "national eine reine Mehrweg-Förderung durchzuführen".

Beste Ökobilanz: Mehrweg-Glasflaschen aus der Region

Aus dem Wertstoff Glas werde niemals Abfall, heißt es im Film. Wenn sie regional transportiert werden, schneiden Mehrweg-Glasflaschen in der Ökobilanz am besten ab. Würden alle Einweg-Plastikflaschen durch Mehrweg ersetzt, könnten bundesweit 500.000 Tonnen Plastikabfall im Jahr vermieden werden

Fakt ist, dass die Bundesregierung auch im Entwurf für ein neues Verpackungsgesetz nichts gegen den Einweg-Boom unternimmt. Das bisherige Ziel – eine Mehrweg-Quote von 80 Prozent – soll ersatzlos gestrichen werden. (moi)

Die Sendung ist in der ZDF-Mediathek abrufbar.

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