Multimedia-Live-Stenograf

Schreiben mit 1300 Anschlägen pro Minute

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Für den Job als Untertitler gibt es viele Aufgaben: in der Arbeit mit Hörgeschädigten, als Gerichtsstenograf, bei Konferenzen in Wirtschaft und Politik, bei Film und Fernsehen. Kurse für den neuen Abschluss beginnen im April in Hamburg.

Kennen Sie das? Alles um Sie herum redet durcheinander, und Sie verstehen kein Wort? Wie muss es erst Menschen gehen, die im täglichen Leben Mühe haben, am normalen Alltag teilzunehmen, weil sie hörgeschädigt sind? Bundesweit gibt es 14 Millionen Hörgeschädigte, davon mehr als eine Million hochgradig Schwerhöriger.

Ihnen zur Seite stehen dagegen nur etwa 20 Simultanstenografen. Sie verschriftlichen das gesprochene Wort in Echtzeit und begleiten Hörgeschädigte bei Arztbesuchen, Behördengängen oder in der Ausbildung.

Susanne Döhler ist eine dieser wenigen Live-Stenografen. Sie übt den noch wenig verbreiteten Beruf seit einem Jahr aus. "Ich begleite hörgeschädigte Studenten der unterschiedlichsten Fächer und schreibe während der Seminare und Vorlesungen in eine spezielle Steno-Tastatur." Über eine Software kann der Hörgeschädigte auf seinem Notebook zeitgleich zum gesprochenen Wort den Text mitlesen und sich auch sofort aktiv an Diskussionen beteiligen. Geschieht dies zum ersten Mal, sei es ein sehr emotionales und berührendes Erlebnis. Döhler: "Wir bieten nicht nur eine Dienstleistung an, sondern verschaffen mit unserer Arbeit Sicherheit und einfach mehr Lebensqualität."

Für hörgeschädigte junge Menschen ergeben sich durch die Live-Stenografie neue Ausbildungsmöglichkeiten und sogar eine nahezu freie Berufswahl. Simultanuntertitler sind gesuchte Kräfte. Der Deutsche Schwerhörigenbund schätzt den bundesweiten Bedarf auf rund 1200 weitere Fachkräfte.

Um diesen zu decken, gibt es den neuen Berufsabschluss zum Staatlich geprüften Untertitler für die deutsche Sprache. Im April beginnen in Hamburg und Berlin zweijährige Umschulungen. "Bei uns haben sich bereits 35 Interessenten gemeldet", sagt Christina Kleist, Leiterin des Hamburger Trainingscenters der GFN. Das Institut führt die Weiterbildung bundesweit durch.

Unter den Hamburger Interessenten sind Bürokaufleute, Studienabbrecher, Berufstätige aus der medizinischen Dokumentation und Arbeitsuchende. Die Weiterbildung, die rund 1200 Euro pro Monat kostet, kann durch die Bundesagenturen oder Argen mit einem Bildungsgutschein gefördert werden. Auch Rentenversicherungen oder andere Kostenträger können die Finanzierung übernehmen.

Zukünftige Untertitler lernen in ihrer Ausbildung das gesprochene Wort in Echtzeit in eine lesbare Schriftform umzusetzen. Geübte Live-Stenografen können im Vergleich zum Zehnfingerschreiber 1300 Anschläge pro Minute erreichen. Bei dieser Geschwindigkeit kann das gesprochene Wort praktisch zeitgleich auf Monitoren, Leinwänden, im Fernsehen und Internet ausgegeben werden. In den USA, England, Frankreich und Italien bereits verbreitet, ist dieses Berufsbild hierzulande noch weitestgehend unbekannt. Und somit auch die zahlreichen Möglichkeiten, die dieser Job bietet. Sandy Köchy ist seit einigen Jahren als Gerichtsprotokollantin und Simultanuntertitlerin in Deutschland, Österreich und der Schweiz tätig. Außerdem arbeitet sie als Parlamentsstenografin im Landtag von Brandenburg. "Die Auftragslage ist sehr gut und wird sich noch weiter positiv entwickeln", sagt Köchy. Während in den USA bereits mehrere Tausend Untertitler als Court Reporter tätig sind, gewinnt dieses Einsatzgebiet im deutschsprachigen Raum vor allem bei Schiedsgerichtsverfahren an Bedeutung. Weitere interessante Einsatzgebiete für Live-Untertitler gibt es für Wirtschaftsunternehmen in Verhandlungen und bei Konferenzen sowie bei Film und Fernsehen.

Die Arbeit von Susanne Döhler ist anspruchsvoll und kennt keine festen Arbeitszeiten. So muss die 42-jährige Betriebswirtin, die früher bei einer Fernsehproduktionsfirma gearbeitet hat, ihre Einsätze vorrecherchieren und nachbereiten. "Ich lege mir auch Jobwörterbücher an, damit ich nicht über Fachbegriffe stolpere", sagt Döhler. Wissenshunger sei in ihrem spannenden Beruf wichtig, aber auch Taktgefühl. Weil man nah dran, entstehe zu den hörgeschädigten Studenten eine vertraute und persönliche Atmosphäre. Döhler: "Man muss verschwiegen sein und sich zurücknehmen können."