Kein Job für "Weicheier"

Was ein Servicetechniker auf Offshore-Anlagen können muss

Henning Tillmanns, Service-Techniker, erklimmt im maritimen Trainingszentrum eine Leiter.

Henning Tillmanns, Service-Techniker, erklimmt im maritimen Trainingszentrum eine Leiter.

Foto: dpa

Man kann stürzen, sich verheben, muss vor Feuer flüchten oder sich aus einem sinkenden Hubschrauber befreien können. Auf hoher See dauert es, bis Hilfe eintrifft, oft Stunden - Offshore-Monteure müssen sich selbst zu helfen wissen.

Enge-Sande. Ein Offshore-Monteur hat doch eigentlich einen beneidenswerten Job - meint zumindest Henning Tillmanns: Hoch oben auf einer Windkraftanlage im Meer verrichtet er seine Arbeit, muss sich nicht täglich durch den gefährlichen Berufsverkehr quälen.

Statt dessen wird er bequem per Schiff oder Hubschrauber dorthin gebracht, wo er arbeiten muss. Alles ganz entspannt, sagt der 25-Jährige aus Husum. Er ist Service-Techniker und wartet Windkraftanlagen auf hoher See.

Wenn die Sonne scheint und der Wind wenig bläst, sei es ein Job wie jeder andere, sagt Tillmanns. Doch er weiß auch, dass das Wetter auf See schnell umschlagen kann. Dann sind nicht nur An- und Abreise gefährlich. Auch das Arbeiten oben auf der Windkraftanlage wird riskant. "Ich hab' noch keine gefährlichen Situationen erlebt", erzählt Tillmanns.

Überlebenstraining im Ausbildungszentrum OffTEC Base

Im Wissen um die potenziellen Gefahren auf See nimmt er aber heute schon zum zweiten Mal an einem Überlebenstraining im Ausbildungszentrum OffTEC Base im nordfriesischen Enge-Sande teil. "Das hier ist nur eine vorbeugende Schulung auf eine Havarie. Eine Vorbereitung, wie wir uns im Notfall verhalten müssen", sagt Tillmanns.

"Auf dem Meer ist niemand zu 100 Prozent sicher, ein Notfall kann offshore jederzeit passieren", bestätigt Sanitäter Jörn Brockmann vom Ausbildungszentrum OffTEC Base. "Das kann eine Havarie des Transportschiffs beim Übersetzen sein, ein Unglück mit dem Hubschrauber, vielleicht brennt auch die Anlage, und die Monteure müssen ins Wasser, oder man stürzt ab."

Was tun, wenn man in Seenot gerät?

Und bei einem Notfall fernab vom Land gelten andere Regeln. Es gibt keinen Arzt, keine Ambulanz, die binnen Minuten zur Stelle ist. "Im Meer braucht man mehr", sagt René Ploegert, der mit den Monteuren in einer großen Halle "Sea-Survival" trainiert - das Überleben in Nord- und Ostsee. "Wie kann ich mich im Wasser längere Zeit aufhalten, ohne Probleme zu bekommen. Denn Probleme hab ich schon genug: Eben weil ich im Wasser bin", erklärt Ploegert.

Das fängt mit dem Schwimmen an. Ein Freischwimmer-Abzeichen ist gut, hilft aber nicht, um bei Strömung und Wellen mit anderen in einer Gruppe zusammenzubleiben, erklärt Ploegert. "Es ist immer sinnvoller, auf See zusammenzubleiben. Dann ist die Chance größer, von Suchtrupps auf Schiffen oder im Hubschrauber entdeckt zu werden." Statt alleine zu schwimmen, macht man die "Raupe". Dazu schlingt jeder seine Beine um die Hüfte seines Vordermanns, um dann im Gleichtakt mit den Armen zu rudern. "So kann die Gruppe über kurze Distanzen gemeinsam ein Ziel erreichen. Zum Beispiel die Rettungsinsel."

Wind und Wellen trotzen

Klingt einfach, ist aber schon in einem Schwimmbad schwierig: "Man kann nur mit Handzeichen untereinander kommunizieren", erklärt Henning Tillmanns. "Hier ist es nur Training. Draußen beim Kampf ums Überleben spielen Panik und Ängste eine ganz andere Rolle." Hat man endlich die Rettungsinsel erreicht, darf man sich nicht hinsetzen und ausruhen. "Das erste ist, durchzählen, ob alle da sind. Dann: Was haben wir zur Verfügung, welche Möglichkeiten haben wir, um die nächste Zeit - ich weiß nicht, wann ich gerettet werde - zu überstehen?"

Dafür bietet das Trainingszentrum in Enge-Sande nicht nur Übungen in ruhiger Enten-Teich-Atmosphäre. "Wir können es so richtig ungemütlich machen", sagt Trainer Christoph Laß: Heulender Wind bis zur Sturmstärke von 9 Beaufort, Wellen aus unterschiedlichen Richtungen bis zu 2,5 Meter Höhe, Gewitterfronten mit Blitz und Donner, dicker Nebel oder rabenschwarze Dunkelheit, sowie das Ohren betäubende Knattern eines Hubschraubers - und all das in beliebigen Kombinationen und alles zusammen. "Nur Regen können wir nicht simulieren, das gibt die Technik nicht her."

Bei solch frei wählbaren Wind- und Wetterbedingungen können "so ziemlich alle Seenotszenarien dargestellt werden: zum Beispiel Mann über Bord, das Aufrichten einer kopfüber liegenden Rettungsinsel, das Kentern eines Bootes oder das Helicopter-Underwater-Escape-Training - wenn ein Hubschrauber notwassert und umkippt", sagt Laß. "Wir können für das Überlebenstraining reale Bedingungen in einem sicheren Umfeld schaffen."