Sabbatical

Christina Rahtgens nahm eine Auszeit und arbeitete weiter

Christina Rahtgens’ Blick aus ihrem Büro bei Roland Berger

Foto: Andreas Laible

Christina Rahtgens’ Blick aus ihrem Büro bei Roland Berger Foto: Andreas Laible

Auszeiten bei Unternehmensberatern sind nicht selten. Christina Rahtgens folgte ihrem Mann nach Singapur.

„Ich habe Hummeln im Hintern“, sagt Christina Rahtgens fröhlich. Will heißen, die Managerin bei der Unternehmensberatung Roland Berger in Hamburg liebt Veränderung. So passte vor sechs Jahren der Teilzeit-Job, bei dem sie vor allem Branchenstudien schrieb, zwar gut zu ihrer Lebensituation mit zwei kleinen Kindern, aber „ich wollte etwas Neues machen“.

Als ihr Mann, damals auch Unternehmensberater, dann 2009 für sechs Monate einen Projekteinsatz im Stadtstaat Singapur angeboten bekam, war für Rahtgens klar: „Wir gehen gemeinsam.“ Die blonde Hamburgerin hatte zuvor schon in England, den USA, Frankreich und Brasilien gelebt und gearbeitet. „Ich liebe diesen Blick über den Tellerrand.“ Da ihre Firma keinen Job in Asien für sie hatte, beantragte sie ein Sabbatical. „Das ist bei uns durchaus üblich, vor allem bei den Beratern, die haben ja eine sehr anstrengende Arbeit.“

Ihre Chefin bei Roland Berger stimmte der Auszeit zu. „Sie wusste, dass ich mal wieder etwas anderes machen wollte. Alles lief sehr flexibel und rasend schnell ab“, sagt Rahtgens. Sie nahm unbezahlten Urlaub, organisierte mit ihrem Mann in wenigen Wochen den Umzug und fand in Singapur für die zwei und fünf Jahre alten Töchter sofort einen Kita- und Schulplatz. „Das war anfangs echt der Megastress“, sagt die Managerin.

Doch am Pool rumliegen, shoppen gehen, die freie Zeit genießen, wie viele andere Ehefrauen, das war nicht ihre Sache. „Ich arbeite einfach zu gerne, beruflicher Erfolg macht einen großen Teil meines Lebensglücks aus“, sagt Christina Rahtgens. Als sie nach einem Monat bei einer örtlichen Firma die Chance bekam, eine Studie zu erstellen, griff sie sofort zu. „Für mich war die größte Befriedigung des Sabbaticals, einmal für ein anderes Unternehmen eine tolle Arbeit geleistet und dort so viel Anerkennung bekommen zu haben. Das hat mir richtig viel Power auch für meinen Job bei Roland Berger in Hamburg gegeben.“

Gleichzeitig eroberte die Familie die Stadt „in allen Facetten“, bereiste Malaysia, Thailand und Indonesien. Als Christin, die in der St.-Johannis-Kirche in Harvestehude engagiert ist, besuchte Christina Rahtgens die Gottesdienste der Kirche in Singapur. „Wir waren zu Weihnachten in der Kirche mit Badelatschen unterwegs“, sagt sie.

Umso größer der Schock, als die Familie im März 2010 mitten im Schneechaos in Hamburg landete. „Nach vier Wochen Stress, war wieder alles beim Alten für mich. Natürlich war ich voller Eindrücke und Geschichten, aber ich wusste vor allem, dass ich nicht in den alten Bereich bei Roland Berger zurückwollte.“

Ihre Chefin nutzte diesen neuen Elan und bot ihr kurz nach der Rückkehr einen neuen Job bei der Firma an: Aufbau des digitalen Marketings mit Personalverantwortung. „Von daher hat sich meine Auszeit auch beruflich sehr gelohnt“, sagt die 42-Jährige.

Von ihrem Büro aus schweift ihr Blick über die Schiffe im Hamburger Hafen. „Mhm“, murmelt sie, „und ich habe schon wieder Hummeln im Hintern ...“

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