Kompass

Nein, hier surfen Sie nicht!

Ein Kommentar von Mark Hübner-Weinhold

Wir schreiben das Jahr sechs. Das Jahr sechs nach Geburt des iPhone. Ganz Deutschland ist online. Ganz Deutschland? Nein, nicht der typisch durchschnittliche Betrieb im Mittelstand. Dessen Mitarbeiter müssen noch vielerorts Vereinbarungen unterzeichnen, die ihnen im Kern untersagen, private E-Mails über das elektronische Firmenpostfach zu senden. Privates Surfen im Internet wird gleich ebenfalls untersagt.

Rechtlich ist dieser Vorgang völlig in Ordnung, ja sogar angebracht. Denn Unternehmen sind gesetzlich verpflichtet, E-Mails zehn Jahre lang revisionssicher elektronisch zu archivieren. Private E-Mails haben in diesem Archiv nichts verloren.

Doch machen wir uns nichts vor: Die private Nutzung von E-Mails und Internet am Arbeitsplatz zu verbieten mag zwar rechtssicher sein, ist aber vor allem realitätsfremd. Im Kampf um gute Nachwuchskräfte steht ein Personalentscheider wie der letzte Trottel da, wenn er einem talentierten Bewerber der Generation Smartphone erklären muss, dass soziales Netzwerken und Surfen im Internet doch bitte nur in der Freizeit stattfinden dürften.

Firmen erwarten, dass Mitarbeiter via Handy rund um die Uhr erreichbar sind, und verlagern ihr Recruiting zu Stepstone, Facebook und Xing, verbieten aber gleichzeitig ihren Angestellten den Zugang zu diesen Kanälen. Wie absurd ist das denn? Der digitale Wandel der Gesellschaft hat die gesetzlichen Rahmenbedingungen inzwischen längst überholt.

Es geht nicht darum, dass Menschen am Arbeitsplatz nach Lust und Laune bei Ebay bieten, bei Facebook posten oder YouTube-Videos ansehen. Was zählt, ist, dass Unternehmen ihre Produkte und Dienstleistungen in die sozialen Netzwerke hineintragen müssen. Und das geht künftig nicht mehr mit einer Fachabteilung oder externen Experten, die sich darum kümmern. Die Mitarbeiter selbst sind die besten Markenbotschafter eines Unternehmens.

Dazu gehört natürlich, dass die Führung ihren Mitarbeitern zutraut, verantwortungsvoll mit dieser Freiheit umzugehen. Doch wer möchte schon bei einer Firma arbeiten, die dies nicht tut.