Klimawandel

Luftfahrtmesse ILA: Jetzt geht es um klimaneutrales Fliegen

| Lesedauer: 6 Minuten
Alexander Klay
Scholz drängt Luftfahrt-Branche bei ILA-Start zur Klimaneutralität

Scholz drängt Luftfahrt-Branche bei ILA-Start zur Klimaneutralität

Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) hat die Industrie auf der Luftfahrtmesse ILA in Schönefeld zur Entwicklung energiesparender Technologien aufgerufen. Der Ukraine-Krieg erhöhe dabei noch einmal den Handlungsdruck, sagte Scholz.

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Nachhaltigkeit ist das Leitthema der Luftfahrtmesse ILA 2022 in Berlin. Gelingt der Branche jetzt der Umstieg auf den Klimaschutz?

Berlin-Schönefeld.  Wäre Fliegen doch nur für alle so einfach wie für Bundeskanzler Olaf Scholz. Zur Eröffnung der Internationalen Luftfahrtausstellung (ILA) in Berlin kommt der SPD-Politiker im VIP-Hubschrauber der Luftwaffe eingeschwebt, die Crew setzt ihn direkt am Ausstellungsgelände auf dem Hauptstadtflughafen BER ab. Dagegen drängen sich die Reisenden am anderen Ende des Airports in den Passagierterminals so sehr, dass die Warteschlangen vor den Sicherheitskon­trollen bis weit vor die Einlassschleusen reichen.

Das ist kein seltenes Bild auf den Flughäfen in diesem Sommer. Während die Luft- und Raumfahrtindustrie in Berlin zum ersten Branchentreff in Europa seit Corona zusammenkommt, hadert die Branche mit der unerwartet starken Rückkehr der Reiselust. Flughäfen und Airlines sind überfordert, weil sie zu viel Personal abgebaut haben. Und die Hersteller spüren noch immer die unterbrochenen Lieferketten.

Die Passagierzahlen steigen in diesem Sommer so stark, dass Fluggesellschaften auch ihre größten Jets wieder voll besetzen können. Die arabische Airline Emirates zeigt auf der ILA einmal mehr ihr Flaggschiff, den Airbus-Superjumbo A380. Diesmal mit rundum erneuerter Kabine und neu eingeführten Premium-Economy-Sitzen.

Emirates-Chef Tim Clark hat eine wichtige Nachricht für die Branche im Gepäck: Die Airline will alle ihre 118 Exemplare des weltgrößten Passagierfliegers wieder fliegen lassen. Etwa 65 bis 70 davon sind bereits wieder in der Luft. „Wir bringen sie so schnell zurück wie wir können“, sagte Clark unserer Redaktion am Rande der ILA.

Auch der Chef des deutschen Rivalen Lufthansa, Carsten Spohr, denkt inzwischen wieder laut über die Rückkehr der größten Passagierflieger nach. In der Pandemie hatte Spohr alle 14 Superjumbos abstellen lassen. Eigentlich für immer. Wegen des großen Andrangs könnten einige Jets aber bald wieder mit Passagieren unterwegs sein.

Emirates hatte im Dezember das letzte Exemplar des A380 bei Airbus in Hamburg übernommen. Heute bedauert der Airline-Chef Clark das Ende des A380-Programms. Er wünscht sich eine spritsparende Neuauflage des Superjumbos. Zumindest bei diesem Modell ist er mit dieser Forderung so ziemlich allein, der Trend in der Branche geht zu kleineren, flexibleren Langstreckenjets.

Noch ist unklar, welche alternative Antriebstechnik sich durchsetzt

Spritsparen und Nachhaltigkeit allgemein sind das große Thema auf der diesjährigen ILA. Die Luftfahrtindustrie steht unter enormem Druck aus Gesellschaft und Politik. Bis 2050 wollen die Airlines in Europa klimaneutral unterwegs sein – für Klimaschützer ist das viel zu spät, doch bei den langen Planungs- und Investitionszyklen der Branche ist der Termin nur ein Flugzeugleben entfernt. Mehr zum Thema: Klimaschutz: Kann das Fliegen wirklich grüner werden?

„Die Zeiten sind besondere, und die Aufgaben, die vor uns liegen, könnten nicht größer sein“, sagt Michael Schöllhorn, Präsident des Bundesverbands der Deutschen Luft- und Raumfahrtindustrie (BDLI) und Chef der Airbus-Rüstungssparte.

Derzeit ist es noch genauso unklar, welche alternative Antriebstechnik sich durchsetzen wird, wie die Antwort auf die Frage, wann möglichst CO2-neutrale Kraftstoffe in größeren Mengen zur Verfügung stehen werden. Langstreckenflieger können aus heutiger Sicht nur mit alternativen Kraftstoffen abheben: Im Rennen ist Kerosinersatz aus Speiseabfällen (Sustainable Aviation Fuel/SAF) oder in der Zukunft auch Kerosin aus Wasser, CO2 und Ökostrom mit dem Power-to-Liquid-Verfahren (PtL) – während Wasserstoff- oder Elektroflieger wohl eher was für kurze Strecken sein werden.

Aber es tut sich was: Bislang wird PtL-Kraftstoff in geringen Mengen im Emsland produziert, zudem entsteht im Rahmen des Strukturwandels in der Braunkohleregion Lausitz ein Forschungs- und Produktionszentrum für grünes Kerosin, eine weitere Anlage ist in Hamburg geplant.

Abschied vom Kerosin – darum erfolgt er nicht nur wegen des Klimaschutzes

Der deutsche Triebwerksbauer MTU zeigt schon einmal den Entwurf für ein Wasserstoff-Triebwerk, der Flugzeugbauer Airbus das passende Propellerflugzeug. Kanzler Scholz zeichnet in seiner Eröffnungsrede das Bild von der klimaneutralen und geräuscharmen Luftfahrt der Zukunft. Zudem geschehe der Wandel inzwischen nicht mehr nur aus Klimaschutzgründen. Scholz verweist auf die Versorgungsengpässe durch den Ukraine-Krieg. Mehr zum Thema: EU-Parlament beschließt Aus für Benziner und Diesel bis 2035

Aus diesen beiden Gründen bekennt sich wohl auch die Luftwaffe als größter Aussteller auf der ILA zur Nachhaltigkeit. „Wir sind verpflichtet, uns diesem Thema zu stellen, gesamtstaatlich und auch in den Streitkräften, dass wir den CO2-Fußabdruck so weit reduzieren, wie es eben möglich ist“, sagt Luftwaffen-Inspekteur Ingo Gerharz. Weiterlesen: Bundeswehr: 40 Milliarden Euro allein für die Luftwaffe

Die Luftwaffe zeigt einen Airbus-Militärtransporter A400M mit der Aufschrift „Einsatzbereit. Weltweit. Nachhaltig. SAF ready.“ Auch einen Regierungsflieger ziert das Motto am Heck. Die Technik zum Fliegen mit stark reduzierter Klimawirkung ist da, Regierung und Militär könnten beim Klimaschutz als Vorbild voranschreiten – doch bislang fehlt es vielerorts an der entsprechenden Infrastruktur.

Für den Einsatz bei kommerziellen Airlines ist grünes Kerosin zudem noch viel zu teuer. Selbst bei dem aktuell sehr hohen Ölpreis kostet es drei Mal mehr als herkömmlicher Treibstoff. Emirates-Chef Clark glaubt auch nicht daran, dass sich daran so schnell etwas ändern dürfte. Zumindest bis Mitte der 2030er Jahre wäre „vorsichtig“ bei solchen Hoffnungen.

Ob es auch noch so lange dauert, bis die Airline aus Dubai den Hauptstadtflughafen BER ansteuern darf, an dem es bislang nur eine Handvoll Langstrecken-Verbindungen gibt? Tim Clark wirbt seit Jahren bei der Bundesregierung dafür, zusätzliche Landerechte in Deutschland zu erhalten. „Warum sollte man einen großartigen neuen Flughafen bauen und niemanden reinlassen?“, sagte er. Clark schließt jedoch aus, dass sich die Airline zugunsten des BER von anderen Flughäfen wie Hamburg oder Düsseldorf zurückzieht.

Dieser Artikel erschien zuerst auf abendblatt.de.

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