Ukraine-Krieg

Diese Rohstoffe aus Russland fehlen der deutschen Industrie

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Wolfgang Mulke
Ukraine-Krieg trifft energieintensive Betriebe in Deutschland

Ukraine-Krieg trifft energieintensive Betriebe in Deutschland

Wegen des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine werden die Rufe in Deutschland nach einem Lieferstopp für russisches Erdgas immer lauter. Doch für energieintensive Unternehmen wäre ein Embargo verheerend - so wie für die Glasmanufaktur Brandenburg.

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Die deutsche Wirtschaft hat bislang viele Rohstoffe wie Kupfer aus Russland bezogen. Was jetzt fehlt – und was die Alternativen sind.

Berlin. Manche Autofahrer dürften sich schmutzigere Zeiten zurückwünschen, als noch dicke Rußschichten in den Schornsteinen klebten. Denn sie warten derzeit lange oder vergebens auf neue Reifen für ihr Fahrzeug. Ohne Ruß keine Reifen – und der Lieferant Russland fällt seit dem Überfall des Landes auf die Ukraine weitgehend aus oder liefert über große Umwege.

„Da keine Züge für den Transport von Ruß fahren, wird ein Teil per Schiff über Katar zu den Reifenherstellern transportiert“, berichtet ein Berliner Reifenhändler. Und ihm schwant Böses. Der Mangel werde sich im kommenden Jahr spürbar auswirken.

Bei Vorprodukten wie Ruß und Rohstoffen ist Deutschland massiv von Importen abhängig. Der Bedarf ist riesig. Ein schönes Beispiel dafür hat die Deutsche Rohstoffagentur (Dera) des Bundes gerade veröffentlicht. Für die bis 2030 geplante Installation neuer Photovoltaikanlagen werden 10,7 Millionen Tonnen Stahl, 9,6 Millionen Tonnen Beton und 7,3 Millionen Tonnen Glas benötigt.

Dazu kommen eine Reihe weiterer Rohstoffe wie Kupfer, Silizium, Aluminium, Selen, Tellur oder Gallium. Die Abhängigkeit von Importen lässt sich anhand dieser Dimensionen leicht erahnen.

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Diese Rohstoffe hat Deutschland in großen Mengen

Mengenmäßig ist Deutschland gar nicht arm an Rohstoffen. Doch sind es vor allem Sand und Kies, die hierzulande gefördert werden. So weist der Rohstoffbericht der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) für das Jahr 2020 eine Fördermenge von 602 Millionen Tonnen der mineralischen Bodenschätze aus.

Das sind 80 Prozent der gesamten Rohstoffförderung. Dazu zählen auch 107 Millionen Tonnen Braunkohle als zweiter großer Posten. Öl, Gas, Kalisalze sowie weitere Rohstoffe ergänzen den Reichtum der heimischen Böden. Doch viele wichtige Stoffe fehlen hierzulande.

Die Sanktionen gegen Russland zeigen, wie abhängig Deutschland von manchen Importen ist. Der Anteil der Einfuhren von dort beträgt zwar nur 2,7 Prozent der gesamten Importe. Doch auf der Einkaufsliste finden sich vor allem Rohstoffe, die am Anfang der Wertschöpfungskette stehen. „Lieferausfälle können somit mehrere Produktionsstufen hintereinander stilllegen“, sagt Galina Kolev, Rohstoffexpertin des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW Köln).

Das bekam die Autoindustrie schon schmerzlich zu spüren. Sie leidet nicht nur unter einem Mangel an Chips, sondern auch an seltenen Rohstoffen wie Palladium für den Bau von Katalysatoren oder Nickel für Elektromobile. Auch die chemische Industrie sei stark auf russische Lieferungen angewiesen.

„Die schlechte Nachricht ist: Bei einigen Rohstoffen wie Nickel und Titanmetall liegt der Importanteil Deutschlands bei über 40 Prozent“, sagt Dera-Chef Peter Buchholz. Hier sei eine schnelle Lösung aus der Abhängigkeit von Russland nicht möglich.

Recycling deckt einen Teil des Bedarfs

Bei anderen Bodenschätzen sieht es besser aus. „Auf längere Sicht gibt es für alle mineralischen Rohstoffe aus Russland Ausweichmöglichkeiten“, erläutert Buchholz. „Aber es kann Monate bis Jahre dauern, bis in anderen Ländern zusätzliche Produktionskapazitäten aufgebaut sind.“ Nickel gibt es auch in Indonesien oder Australien, Titanmetall in China und anderen Ländern.

Immerhin einen Teil des Bedarfs kann Deutschland aus bereits vorhandenen Materialien decken. Laut BGR stammten 2020 etwas mehr als die Hälfte der Aluminiumproduktion, 45 Prozent des Rohstahls und 44 Prozent des Kupfers aus dem Recycling. Derzeit erarbeitet das Amt für die Bundesregierung eine Strategie, die den Wiederverwertungsanteil deutlich erhöhen soll.

Dummerweise fehlen vor allem jene Bodenschätze, die dringend für zukunftsträchtige Technologien benötigt werden. Lithium für die Elektromobilität zum Beispiel. Das Metall wird für die Produktion von Batterien gebraucht und kommt bisher vor allem aus Tagebauen in Südamerika.

Lithium gibt es auch in Deutschland

Immerhin gibt es auch in Deutschland Vorkommen. Eine Pilotanlage erprobt am Oberrhein die Förderung des Gesteins. Kommerziell bereitet das Unternehmen Deutsche Lithium in Sachsen die Förderung im großen Stil vor. 125.000 Tonnen sollen im sächsischen Gebirge zu holen sein. 2025 könnte die Förderung in nennenswertem Umfang starten.

Auch für die Produktion von Smartphones, Elektromotoren oder LED-Leuchten werden ungleich in der Welt verteilte Rohstoffe benötigt: seltene Erden, silberfarbene und recht weiche Metalle. 17 davon gibt es. Die Vorkommen an sich sind gar nicht selten. Rar sind allerdings große Lagerstätten. Sie finden sich vor allem in China. Weiterlesen:Containerstau in Shanghai: Wird jetzt alles noch teurer?

Auch hier kann die Abhängigkeit von Importen durch ein verstärktes Recycling auf längere Sicht verringert werden. Aber noch ist die Recyclingquote mit gut 40 Prozent ausbaufähig. Ein wichtiger Grund: Seltene Erden aus den Geräten zurückzugewinnen, ist bisher nicht wirtschaftlich. An effizienten Recyclingmethoden wird noch geforscht.

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Dieser Artikel erschien zuerst auf abendblatt.de.

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