Pandemie

Mit Maske? Wie Hamburger Callcenter während Corona arbeiten

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Hanna-Lotte Mikuteit
Sale2com-Geschäftsführer Mehdi Ghahreman mit
Mund-Nasen-Schutz im
Callcenter in Altona.

Sale2com-Geschäftsführer Mehdi Ghahreman mit Mund-Nasen-Schutz im Callcenter in Altona.

Foto: Marcelo Hernandez

Verwirrung um die Pflicht zum Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes im Büro. Unternehmen melden Umsatzrückgänge.

Hamburg.  Mehdi Ghahreman hat schon einiges getan, um sein Unternehmen durch die Corona-Krise zu bringen. Als Erstes hat der Betreiber des Callcenters Sale2com in Altona an den Tischen, wo früher vier Mitarbeiter telefoniert haben, nur noch zwei platziert – schräg gegenüber mit Abstand. Dazwischen hat er Plexiglasscheiben einziehen lassen.

Die andere Hälfte der Belegschaft hat er ins Homeoffice geschickt. Das war im Frühjahr, als die Corona-Pandemie losging. Dazu regelmäßig Hände waschen, desinfizieren, lüften. Jeden Tag kommt ein Reinigungsteam. Damals dachte man, das reicht.

Strikte Corona-Regeln für die Mitarbeiter

Im Herbst, als die zweite Welle kam, hat der Unternehmer in dem Großraumbüro mit 350 Quadratmetern eine Wand einziehen lassen, um das Ansteckungsrisiko zu reduzieren, und die ersten Masken gekauft. Anfangs durften die Beschäftigen noch in kleinen Gruppen zusammen Pause machen. Inzwischen ist auch das nicht mehr erlaubt.

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Seit Hamburg Anfang April die Maskenpflicht am Arbeitsplatz nochmals verschärft hat, gelten noch striktere Regeln für die Mitarbeiter. Festgeschrieben sind diese in Paragraf 10a der aktuellen Verordnung zur Eindämmung des Coronavirus. Danach muss die Maske jetzt durchgehend getragen werden. Für ein Callcenter der Worst Case.

„Den ganzen Tag mit Maske zu telefonieren ist nicht möglich“

„Den ganzen Tag mit Maske zu telefonieren ist nicht möglich. Man versteht nichts“, sagt Marco Pohl, der den Betrieb in dem Altonaer Callcenter managt. In der Verordnung werden Ausnahmen genannt. Unter anderem, heißt es dort, darf „die Maske vorübergehend abgelegt werden, wenn dies zur Ausübung der beruflichen Tätigkeit zwingend erforderlich ist“.

Die wichtigsten Corona-Themen im Überblick

Darüber, was das konkret bedeutet, herrscht nun Verunsicherung. Auf Abendblatt-Anfrage antwortete eine Sprecherin der Sozialbehörde: „Das Ablegen der Mund-Nasen-Bedeckung ist beispielsweise zur Ausübung einer beruflichen Tätigkeit zwingend erforderlich, bei der eine Sichtbarkeit des Gesichts für die Ausübung der beruflichen Tätigkeit notwendig ist.

Dies ist bei Mitarbeitenden im Callcenter ja nicht der Fall.“ Laut Sale2com habe die Corona-Hotline ihnen hingegen die Auskunft gegeben, dass es erlaubt sei, die Maske während des Telefonats runterzuziehen.

Mehr als 75.000 Euro in den Arbeitsschutz investiert

Für Ghahreman ist das alles nicht mehr nachvollziehbar. Mehr als 75.000 Euro habe er inzwischen in den Arbeitsschutz investiert. Seit Kurzem lässt er die Beschäftigen zudem zweimal pro Woche testen. „Sicherheit ist für uns das oberste Prinzip. Wenn es nur einen Corona-Fall bei uns gibt, müssen alle in Quarantäne.“

Das würde erhebliche Verdienstausfälle bedeuten. Der Unternehmer ist inzwischen ziemlich sauer: „Die Politik fordert immer mehr Arbeitsschutzmaßnahmen von uns, aber es gibt keine finanzielle Unterstützung. Das passt nicht zusammen.“

Mehr als eine halbe Millionen Menschen arbeiten in Deutschland in Callcentern

Callcenter stehen normalerweise nicht im Zentrum des öffentlichen Interesses. Wenn über die Branche geredet wird, geht es meist um Ärger über endlose Warteschleifen, um Betrugsmaschen am Telefon oder um miese Ausbeutungsmethoden von Mitarbeitern. „Aber man muss sich doch gerade jetzt in der Pandemie fragen, was wäre, wenn wir keine Callcenter hätten“, sagt der Präsident des Callcenter-Verbands Deutschland, Dirk Egelseer.

Die aktuellen Corona-Fallzahlen aus ganz Norddeutschland:

  • Hamburg: 2311 neue Corona-Fälle (gesamt seit Pandemie-Beginn: 430.228), 465 Covid-19-Patienten in Krankenhäusern (davon auf Intensivstationen: 44), 2373 Todesfälle (+2). Sieben-Tage-Wert: 1435,3 (Stand: Sonntag).
  • Schleswig-Holstein: 1362 Corona-Fälle (477.682), 623 Covid-19-Patienten in Krankenhäusern (Intensiv: 39). 2263 Todesfälle (+5). Sieben-Tage-Wert: 1453,0; Hospitalisierungsinzidenz: 7,32 (Stand: Sonntag).
  • Niedersachsen: 12.208 neue Corona-Fälle (1.594.135), 168 Covid-19-Patienten auf Intensivstationen, 7952 Todesfälle (+2). Sieben-Tage-Wert: 1977,6; Hospitalisierungsinzidenz: 16,3 (Stand: Sonntag).
  • Mecklenburg-Vorpommern: 700 neue Corona-Fälle (381.843), 768 Covid-19-Patienten in Krankenhäusern (Intensiv: 76), 1957 Todesfälle (+2), Sieben-Tage-Wert: 2366,5; Hospitalisierungsinzidenz: 11,9 (Stand: Sonntag).
  • Bremen: 1107 neue Corona-Fälle (145.481), 172 Covid-19-Patienten in Krankenhäusern (Intensiv: 14), 704 Todesfälle (+0). Sieben-Tage-Wert Stadt Bremen: 1422,6; Bremerhaven: 2146,1; Hospitalisierungsinzidenz (wegen Corona) Bremen: 3,88; Bremerhaven: 7,04 (Stand: Sonntag; Bremen gibt die Inzidenzen getrennt nach beiden Städten an).

Vom Bestellservice bei einem Onlineversand über den Kundendienst bei Krankenkassen, Banken und Versicherungen bis zur Corona-Hotline – überall sitzen die Mitarbeiter am anderen Ende der Leitung. Insgesamt arbeiten nach Schätzungen mehr als eine halbe Millionen Menschen in Deutschland in dem Bereich.

Arbeitsplätze ins Homeoffice zu verlagern, sei in vielen Fällen nicht möglich

„Es ist Zeit anzuerkennen, dass Call- und Servicecenter, die jeden Tag harte Arbeit im Großraumbüro verrichten, systemrelevant sind.“ Stattdessen würden der Branche mit mehr als zwölf Milliarden Euro Jahresumsatz durch immer wieder neue Regularien Steine in den Weg gelegt.

Bei einer Umfrage, die der Branchenverband vor Kurzem startete, hatten nahezu alle Teilnehmer angegeben, dass es seit Beginn der Corona-Pandemie extrem viel schwieriger geworden sei, die Dienstleistung zu erbringen. Die Vorstellung, die Arbeitsplätze einfach ins Homeoffice zu verlagern, sei in vielen Fällen nicht möglich, so Verbandschef Egelseer. Weil die technischen Gegebenheiten nicht vorhanden seien.

Sale2com kämpft seit Beginn der Krise mit Umsatzeinbrüchen

Oder die Einhaltung von Datenschutzregeln und der Schutz vor Geheimnisverrat nicht gewährleistet werden könne. „Niemand kann die Qualität der Arbeit von zu Hause überprüfen“, sagt der Jurist aus Nürnberg, der selbst ein Callcenter betreibt. Er fordert weniger pauschale Regelungen und eine finanzielle Unterstützung für den erhöhten Aufwand. Dazu kommt, dass auch Callcenter unter der Krise leiden. Laut Branchenumfrage beklagt ein Viertel Umsatzeinbrüche. Öffentliche Hilfen hätten dagegen laut der Umfrage nur elf Prozent erhalten.

Auch das Hamburger Unternehmen Sale2com kämpft seit Beginn der Krise mit Umsatzeinbrüchen. Die Hamburger sind unter anderem für den Rechtsdienstleister MyRight, die Stadtwerke Krefeld, die Kinderschutzorganisation Save the Children oder den spirituellen Privatsender Astro-TV tätig.

Bei fast allen Kunden Rückgänge

„Wir haben fast bei allen Kunden Rückgänge“, sagt Ghahreman. Inzwischen hat er die Hälfte der Mitarbeiter in Hamburg entlassen. Auch die Zahl der Beschäftigten, die in der Türkei, Griechenland oder Bosnien für Sale2com telefonieren, ist um etwa 40 Prozent gesunken, weil Aufträge weggebrochen sind.

„Und es ist schwierig, neue zu bekommen.“ Unter anderem hatte sich die Firma bei Ausschreibungen für die Impfhotlines in Hamburg und Schleswig-Holstein beworben – ohne Erfolg. Ghahreman: „Wenn sich in diesem Jahr nichts ändern sollte, sieht es schlecht aus.“

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