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Warum Xing eine Kiez-Kneipe in der HafenCity baut

| Lesedauer: 12 Minuten
Melanie Wassink
Petra von Strombeck steht vor der künftigen Firmenzentrale in der HafenCity. Sie ist Chefin der Xing-Mutter New Work SE.

Petra von Strombeck steht vor der künftigen Firmenzentrale in der HafenCity. Sie ist Chefin der Xing-Mutter New Work SE.

Foto: Roland Magunia

Vorstandschefin spricht über den geplanten Umzug von 1000 Beschäftigten ins ehemalige Unilever-Gebäude – und ihr Hobby Boxen.

Hamburg.  Petra von Strombeck ist seit vergangenem Jahr Chefin der Hamburger New Work SE. Die 51-Jährige führt ihre 1900 Mitarbeiter aus dem Home­office, verfolgt aber das Ziel, die Beschäftigten so bald wie möglich wieder ins Büro zu locken. Dafür gibt es einen Anlass: Die Muttergesellschaft des Business-Portals Xing zieht bald in das ehemalige Unilever-Gebäude in der HafenCity.

Dem Konsumgüterkonzern wurde der Standort zu groß, der wachsende neue Mieter suchte dagegen eine attraktive Bleibe. Warum es dort auch eine Kiez-Kneipe in der Firma geben wird, berichtet die Managerin im Interview mit dem Abendblatt.

Hamburger Abendblatt: Sie ziehen mit der Firma in wenigen Monaten in das ehemalige Unilever-Gebäude in der HafenCity – wie locken Sie Ihre 1000 Mitarbeiter in Hamburg aus dem Homeoffice zurück ins Büro?

Petra von Strombeck: Wir freuen uns sehr darauf, mit der gesamten Belegschaft unsere neue Heimat, den New Work Harbour, an der Elbe zu beziehen. Wir sind in den vergangenen Jahren stark gewachsen und sind derzeit noch an mehreren Standorten in der Innenstadt verteilt. Durch Corona bedingt arbeitet ein Großteil der Kolleginnen und Kollegen zudem im Homeoffice. In unserer neuen Unternehmenszentrale werden wir viele Anreize schaffen, damit die Teams nach der langen Zeit der Lockdowns auch wieder Lust haben, zurück ins Büro zu kommen. Wir gestalten Räume für gemeinsame Erlebnisse und bieten gleichzeitig Bereiche, um ganz in Ruhe zu arbeiten.

Zum Beispiel?

Strombeck: Wir haben ein Fitness-Studio, richten auch einen Raum der Stille ein, etwa um zu meditieren. Für gemeinsame Partys bauen wir gerade eine Kiez-Kneipe in unseren Räumlichkeiten. Hier, in einem der oberen Stockwerke mit Blick auf die Elbbrücken, wird Zeit für ein Feierabendbier sein, im Flair einer Bar wie auf dem Hamburger Berg, mit Holz und verwinkelten Ecken. All diese Räume werden gemeinsame Erlebnisse schaffen und unsere Firmenkultur weiter stärken.

Was ist Ihr Ziel beim Verhältnis zwischen der Arbeit im Büro und von zu Hause aus?

Strombeck: Wir peilen eine 50/50-Lösung an, was bedeutet, dass alle die Möglichkeit haben werden, selbstbestimmt die Hälfte ihrer Arbeitszeit beispielsweise von zu Hause aus anzugehen. Die Mitarbeitenden wünschen sich, ihre zuletzt gewonnene Flexibilität zu erhalten. Gleichzeitig setzen wir auf Präsenz im neuen Gebäude, um direkten Austausch in den Teams weiter zu erhöhen, spontan und abteilungsübergreifend zusammenarbeiten und einen gemeinsamen Blick auf die Ziele zu haben. Ich bin überzeugt, dass verschiedene Perspektiven unserer Mitarbeiter aus mehr als 50 Nationen unsere Produkte und Ergebnisse weiter verbessern.

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Wie ist denn Ihr eigenes Verhältnis zum Home­office?

Strombeck: Ich bin bekennende Bürogängerin, weil ich den direkten menschlichen Austausch liebe. Derzeit bin ich praktisch ausschließlich daheim. Nach Corona möchte ich mindestens an vier Tagen im Büro arbeiten.

Wie sieht Ihr Homeoffice aus?

Strombeck: Ich wohne und arbeite in den Vierlanden und führe meine Videokonferenzen in einem Reetdachhaus in Altengamme. Unsere Kinder leben noch zu Hause, mein Sohn wird bald 14, und meine Tochter bereitet sich gerade auf das Abitur vor.

Und Ihr Leben in Zeiten von Corona?

Strombeck: Ich vermisse den direkten Kontakt zu Menschen sehr und versuche, mich mit Sport über Wasser zu halten. Ich liebe Inlineskaten, das geht hier in Altengamme hervorragend.

Wie beschreiben Sie Ihren Führungsstil?

Strombeck: Sehr partizipativ und auf Augenhöhe mit meinem Gegenüber. Ich liebe die Meinungsvielfalt, bin gleichzeitig fordernd und mit einem hohen Energielevel unterwegs.

Sie leiten nach Stationen bei Tchibo und als Vorstandschefin bei der Lotto24 AG nun die New Work SE mit 1900 Beschäftigten. Haben Sie Ihre Karriere geplant?

Strombeck: Nein, überhaupt nicht. Karriere scheint mir auch eine Sache der Fügung, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Ich habe mich schon immer für Aufgaben entschieden, die mich begeistern, und habe fast automatisch immer größere Herausforderungen angenommen.

Sie wollten schon als Kind später Chefin werden?

Strombeck: Ich komme aus einem kleinen Dorf im Schwarzwald. Als ich damals Praktika gemacht habe, meist in noch stark hierarchisch geführten Unternehmen, habe ich früh gemerkt, wie wichtig mir Gestaltungsspielraum ist. Mein Freiheitsdrang ist groß. Ich wollte auch damals schon in die große weite Welt, und das ist mir mit Hamburg, einer Stadt, für die ich mich begeistere, gelungen.

Haben Sie mit diesen Zielen auch schon einmal an eine Selbstständigkeit gedacht?

Strombeck: Ja, bei meiner letzten Station bei Lotto24 hat sich das auch fast so angefühlt. Wir haben mit zehn Mitarbeitern begonnen, und ich habe alle neuen Beschäftigten selber mit eingestellt und individuell gefördert. Wir haben das Unternehmen gemeinsam entwickelt und den Wert der Firma vervielfacht.

Eine Ihrer liebsten Freizeitbeschäftigungen ist das Boxen – warum?

Strombeck: Boxen bietet mir eine exzellente Art des Ganzkörpertrainings. Es gilt, Arme und Beine zu koordinieren, Konzentrationsfähigkeit, Beweglichkeit und vorausschauendes Denken werden geschult – alles Eigenschaften, die auch im Job sehr hilfreich sind. Und das Training ist sehr effizient und für mich ein wunderbarer Ausgleich.

Boxen gilt nicht gerade als Frauensport. Wie erleben Sie Männer- und Frauenklischees?

Strombeck: In vielen Gesprächen geht es beispielsweise darum, wie ich Karriere mit zwei Kindern kombiniere. Ich habe noch nie gehört, dass ein Mann danach gefragt wird. Ich habe immer in einem durch Männer geprägten Umfeld gearbeitet und das weder als Nach- noch als Vorteil empfunden. Als Frau auf einer Investorenkonferenz aufzutreten, kann beispielsweise auch hilfreich sein, denn man ist als einzige Frau schnell bekannt wie ein bunter Hund (lacht). In der ganzen Debatte sehe ich echte Diversität als entscheidenden Faktor an.

Warum?

Strombeck: Wenn in einem Team Menschen unterschiedlichen Alters, Geschlechts, mit verschiedenen Nationalitäten und Bildungshintergrund zusammenkommen, können Sie die verschiedenen Bedürfnisse der Kunden viel besser einzuschätzen. Dieses Verständnis führt zu besseren Produkten und Angeboten, und die sind Basis für wirtschaftlichen Erfolg.

Wie ist die New Work SE bisher durch die Corona-Krise gekommen?

Strombeck: Wir sind insgesamt stabil durch die Krise gekommen. Bereiche wie unser Eventgeschäft hatten es naturgemäß schwerer. Zudem hatten unsere wichtigen Kunden, die Personalabteilungen, denen wir bei der Bewerbersuche und der Kommunikation ihrer Arbeitgebermarke helfen, nach Ausbruch der Pandemie andere Prioritäten. Sie mussten eher umstrukturieren und haben weniger neue Talente gesucht. Darunter hat unser Neugeschäft gelitten.

Sie haben sich auch von 100 Mitarbeitern getrennt.

Strombeck: Wir haben frühzeitig auf die Krise reagiert und als Gruppe Portfoliomanagement betrieben, um weiter in künftige Wachstumsfelder investieren zu können. Unter dem Strich hatten wir Ende 2020 allerdings mehr Beschäftigte als am Beginn des Jahres. Reduziert haben wir vor allem in unserem Eventbereich in München und bei Honeypot in Berlin. Unser junges Tochterunternehmen betreibt eine Job-Plattform für IT-Fachkräfte und das transaktionale Geschäftsmodell war leider nicht krisenresistent. Langfristig glauben wir an Honeypot und haben das Geschäftsmodell angepasst.

Bei den sozialen Netzwerken, die auf das Thema Beruf und Karriere setzen, konkurrieren Sie mit LinkedIn. Wie läuft der Wettbewerb?

Strombeck: Wir sind das führende berufliche Netzwerk, weil wir die regional geprägten Bedürfnisse der Menschen besser verstehen und bedienen. Bei Xing haben wir im deutschsprachigen Raum mehr als 19 Millionen Mitglieder und liegen damit vor der Konkurrenz. Unser Ziel ist es, Menschen bestmöglich durch ihr Berufsleben zu begleiten, etwa wenn sie die Stadt wechseln und einen neuen Arbeitgeber und die nötigen Kontakte suchen. Neben dem Netzwerk gehören das Arbeitgeber-Bewertungsportal Kununu und weitere starke Marken wie Prescreen zu unserem Portfolio.

Die wichtigsten Corona-Themen im Überblick

Und woran verdienen Sie Geld?

Strombeck: Wir bieten kostenpflichtige Mitgliedschaften an. Hier profitieren Mitglieder beispielsweise von erhöhter Sichtbarkeit im Netzwerk. Sie können auch in den Stellenausschreibungen sehen, wie viel sie im nächsten Job verdienen oder erhalten exklusive Jobangebote. Wichtige Kunden sind auch die Personalabteilungen, denen wir dabei helfen, ihre Suche nach Bewerbern und ihren Auftritt als Arbeitgeber zu verbessen. Insgesamt haben wir rund 13.000 solcher Unternehmenskunden im deutschsprachigen Raum.

Ihr Vertrag läuft bis Ende des Jahres 2023. Was wollen Sie bis dahin mit dem Unternehmen erreichen?

Strombeck: Wir wollen dabei helfen, die hiesige Arbeitswelt zu verbessern. Wenn Menschen sich und ihre Potenziale entfalten, machen sie einen besseren Job. Sie sind glücklich bei der Sache und davon profitieren die Unternehmen, denn glückliche Mitarbeiter leisten mehr. In diesem Sinne stärken wir unsere Angebote Kununu und Xing. Den Firmen helfen wir dabei, modernes, ganzheitliches Recruiting zu betreiben, und wir unterstützen sie dabei, sich als glaubwürdiger Arbeitgeber zu positionieren. Gutes Employer Branding wird in Zeiten eines sich weiter beschleunigenden Fachkräftemangels weiter an Bedeutung gewinnen.

Diese Felder sind Wachstumsbereiche?

Strombeck: Ja, nach der kurzen Corona-Flaute wird es für die Firmen immer wichtiger, gute Leute zu finden. Schließlich geht jetzt die Generation der Babyboomer in Rente. Und dabei ist es ganz wichtig, wie sich die Unternehmen in der Personalrekrutierung positionieren.

Xing zählt rund 19 Millionen Mitglieder

  • Seit Mai 2020 ist Petra von Strombeck Vorstandsvorsitzende der New Work SE (vormals XING SE). Zuletzt war die 51-Jährige für acht Jahre Chefin der Lotto24 AG, davor hatte sie leitende Aufgaben bei Tchibo. Die Diplom-Kauffrau studierte Betriebswirtschaftslehre an der École des Affaires (heute ESCP) in Paris, in Oxford und Berlin.
  • Die New Work SE, Mutter des 2003 von Lars Hinrichs gegründeten Internetportals Xing, kommt gut durch die Krise: Im vergangenen Jahr stieg die Zahl der Mitglieder in dem Karrierenetzwerk um 1,8 Millionen auf rund 19 Millionen Mitglieder.
  • Zum Vergleich: Der US-Konkurrent LinkedIn hat gut 16 Millionen Mitglieder im deutschsprachigen Raum. Im Jahr 2020 stiegen nach vorläufigen Zahlen die Erlöse um zwei Prozent auf 276 Millionen Euro, das Konzernergebnis wuchs um vier Prozent auf 37,4 Millionen Euro.

Wie ist die New Work SE selbst dabei aufgestellt?

Strombeck: Wir haben unsere Standorte in Barcelona, Valencia und Porto vor allem deshalb intensiv weiterentwickelt, weil wir an diesen attraktiven Standorten leichter gute Mitarbeiter für unsere Software- und Produktentwicklung finden. Zusätzlich bleibt Hamburg wichtiger Standort, und auch in Wien sind wir gerne Teil einer innovativen HR-Tech-Branche.

Aber Hamburg bleibt Ihr Firmensitz?

Strombeck: Ja, hier bleibt unser Heimathafen.

Und die HafenCity soll hier die Attraktivität Ihres Unternehmens erhöhen?

Strombeck: Das wird sie. Ich freue mich schon sehr auf das neue Büro. Sie fühlen sich wie auf einem Schiff, mit Blick auf die glitzernde Elbe.

Für wann ist der Umzug geplant?

Strombeck: Wir peilen einen Termin in der zweiten Jahreshälfte an.

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