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Kampf ums Klötzchen: Wie ein YouTuber Lego in die Enge trieb

Lesedauer: 7 Minuten
Jan Scharpenberg
Lego (links) sieht seine Markenrechte durch die Figur von Qman (rechts) verletzt. Darüber ist mit dem Youtuber Thorsten Klahold auch bekannt als Johnny's World ein Streit entbrannt. Für Lego droht er zum PR-Desaster zu werden.

Lego (links) sieht seine Markenrechte durch die Figur von Qman (rechts) verletzt. Darüber ist mit dem Youtuber Thorsten Klahold auch bekannt als Johnny's World ein Streit entbrannt. Für Lego droht er zum PR-Desaster zu werden.

Foto: Privat

Lego verteidigt knallhart seine Marktmacht. Ein Händler von Lego-Alternativen wehrt sich auf ungewöhnliche Weise – und hat Erfolg.

Paderborn/Billund. Aus dem Regal hinter Thorsten Klahold schauen R2D2, Pikachu und Idefix in die Kamera. Quietschbunt türmt sich das Spielzeug auf. Klahold trägt einen schwarzen Anzug kombiniert mit einem ernsten Gesichtsausdruck. Gleich wird er ein milliardenschweres Unternehmen herausfordern. Der 47-Jährige hat Streit mit Lego – Ein Spielzeughersteller, der schon so lange Marktführer ist, dass sich der Firmenname längst als Synonym für alle Klemmbausteine durchgesetzt hat. Wie bei Tempo und Taschentuch. Und diese Marktmacht will das Unternehmen unbedingt verteidigen.

"Lego möchte allein bleiben im Kopf der Kinder", sagt Thorsten Klahold. Er ist das aktuell prominenteste Beispiel, wieso Legos Kampf um den Klemmbaustein immer wieder in einem PR-Desaster mündet. Das Unternehmen steht plötzlich vor der Wahl eine riesige Spielzeugspende für Kinderheime zu verhindern oder der chinesischen Konkurrenz die Tür zum europäischen Markt zu öffnen.

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YouTuber macht eigenes Geschäft mit Lego-Alternativen auf

Klahold betreibt einen kleinen Laden namens "Steingemachtes" in Paderporn inklusive Online-Shop. In seinem Geschäft steht Spielzeug aus Klemmbausteinen. Sie sind mit Lego kompatibel aber eben kein Lego. Dass es kompatible Lego-Alternativen gibt, ist kaum bekannt. Dass es sich dabei nicht um illegale Fälschungen handelt, noch viel weniger.

Auch Klahold liebte als Kind Lego. "Dann waren Mädels erstmal interessanter und als ich dann Papa geworden bin, kam Lego einfach zurück." Fasziniert entdeckte er die Alternativen und startete vor gut drei Jahren seinen Kanal "Johnny's World" bei YouTube. Dort postet Klahold Videos über Lego, die Alternativen und manchmal vergleicht er sie auch. Steigende Zuschauerzahlen zeigen ihm: Es gibt ein wachsendes Interesse an Lego-Alternativen.

Generalimporteur für Lego-Kokurrenzt Qman

Weil sie in Deutschland aber nur schwer erhältlich sind, gründete er vor zwei Jahren sein Unternehmen. "Es läuft gut", sagt er. In seinem ersten Jahr machte er rund 300.000 Euro Umsatz. Ein Jahr später sei es bereits das Dreifache gewesen. Lego strich im gleichen Jahr einen Nettogewinn von 1,3 Milliarden Euro ein.

Ein chinesischer Konkurrent von Lego ist Qman. Klahold ist für das Unternehmen Generalimporteur in Deutschland, verkauft Lego-Alternativen auch an andere Händler. Anfang Dezember erhält Klahold Post vom Anwalt. Die Spielzeug-Figürchen von Qman würden Urheber- und Markenrechte verletzen, weil sie denen von Lego zu ähnlich seien. Lego fordert Klahold auf, den Verkauf sofort zu unterlassen.

"Wenn man weiß, dass es andere Anbieter gibt, steht für mich außer Zweifel, dass man das verwechselt", widerspricht Klahold. Der Schutz der eigenen Marke sei das gute Recht von Lego. "Mir drängt sich aber der Verdacht auf, dass das nur dem Schutz der Monopolstellung dient."

Lego hat den Klemmbaustein nicht erfunden

Legos Quasi-Monopolstellung auf dem Markt begann mit der Patentanmeldung des Legosteins 1958: ein rechteckiges Klötzchen mit acht Noppen auf der Ober- und drei Tunneln auf der Unterseite. Schon vor Lego hat es Klemmbausteine mit Noppen gegeben. Sie sind jedoch hohl und halten nicht so gut aufeinander wie Lego. Kaum bekannt ist: Das Patent lief bereits 1978 aus.

Doch Lego schafft es durch Gerichtsurteile, von denen manche Rechtsgeschichte schreiben, die Konkurrenz vom Markt fernzuhalten. Erst 2008 legt der Europäische Gerichtshof (EuGH) fest: Auch andere Hersteller dürfen Legosteine herstellen und in Europa verkaufen. Das Lego-Figürchen ist laut EuGH-Urteil von 2015 jedoch weiterhin eine eingetragene Marke des Unternehmens. Eine wichtige Frage bleibt durch das Urteil aber ungeklärt: Wie muss ein Spielfigürchen aussehen, damit keine Markenrechtsverletzung gegenüber Lego vorliegt?

Was macht ein Lego-Figürchen zum Lego-Figürchen?

Das will auch Klahold von Lego wissen. Schließlich habe sein Geschäftspartner Qman mittels Anwälten seine Figürchen überprüft und keine Verstöße festgestellt, sagt er. "Ich habe nach der Abmahnung mit einer Rechtsanwältin von Lego telefoniert und gesagt, dass ich an einer friedlichen Lösung interessiert bin." Daraufhin sei ihm Gesprächsbereitschaft signalisiert worden. Doch erstmal hört der 47-Jährige wochenlang nichts mehr von Lego.

Bis sich der Zoll am 26. Februar bei ihm meldet. Die Beamten haben in Bremerhaven einen Container mit rund 13.800 Qman-Spielsets für Klahold zur Überprüfung aufgehalten. Ein zunächst unbekannter Antragsteller sieht seine Rechte verletzt. Der Spielzeughändler hat zehn Tage Zeit zu widersprechen, sonst wird die Lieferung mit einem Wert von rund 60.000 Euro vernichtet. Beanstandet werden rund 2300 der Qman-Sets. Darin sind die Figürchen enthalten, die Klahold nicht verkaufen soll. Es stellt sich heraus: Der Antragsteller ist Lego.

Klahold sieht sich ungerechtfertigt von seinem Nachschub abgeschnitten. „Wir haben ja Kunden mit Regalmetern, die wir uns mühsam erkämpft haben und beliefern müssen.“ Auf Anfrage teilt Lego nur mit, dass man nun einmal weltweit mit dem Zoll zusammenarbeiten würde, "um gegen den Handel mit Plagiaten und mögliche rechtliche Verstöße vorzugehen".

Spendenaktion gegen Lego übertrifft alle Erwartungen

Klahold schmeißt sich in seinen schwarzen Anzug und macht den Streit am 4. März auf seinem YouTube-Kanal öffentlich. Für Lego ein PR-Desaster. Denn Klaholds Video wird über eine halbe Millionen mal angeklickt. Auf den Social-Media-Kanälen von Lego häufen sich negative Kommentare. Klahold geht in seinem Video aber noch einen Schritt weiter. Wer nicht einverstanden mit der Behandlung von Kunden und Händlern durch Lego oder der Preisgestaltung des Unternehmens ist, soll spenden. "Von diese, Geld werden wir in China alternative Klemmbausteine von verschiedenen Herstellern kaufen und an Kinder in Kinderheimen spenden", verkündet Klahold. 30.000 Euro würden für einen kleinen Container voller Spielzeug bereits ausreichen. Innerhalb von nur zwei Wochen kommen knapp eine halbe Millionen Euro zusammen.

Klahold setzt Lego damit unter Zugzwang. Will das Unternehmen die Einfuhr von gespendetem Spielzeug für Kinderheime verhindern? Wenn nicht, hat Klahold ein Argument in der Hand, dass auch seine Importe keine Rechtsverletzung darstellen. Ihm selbst sei dieser Gedanke erst im Nachhinein gekommen, beteuert Klahold. "Aber um das zu umgehen, sollen die uns einfach mitteilen, was wir genau an unseren Figürchen ändern sollen, damit die Spenden durchkommen." Das hat er Lego bereits schriftlich mitgeteilt. Zumindest den unbeanstandeten Teil von Klaholds Lieferung hat das dänische Unternehmen mittlerweile freigegeben. Für den Rest hat sich Lego beim Zoll per Fristverlängerung eine zehntägige Bedenkzeit erbeten.

Er persönlich wolle ja gar nicht, dass Lego dumm dasteht, sondern Rechtssicherheit, sagt Klahold. "Ich bin kein Legorebell". Qman hat ihm finanzielle Unterstützung für mögliche Anwaltskosten zugesagt. Klahold scheut sich nicht vor der endgültigen Klärung vor Gericht: "Ich habe kein Problem mit einer Anklage, das hätte Lego auch gleich machen können."