Tourismus

Wie Kreuzfahrtreedereien trotz Corona in See stechen wollen

Geparkte Kreuzfahrtschiffe im Hamburger Hafen: Die "AidaBlu und "AidaPerla" in Steinwerder.

Geparkte Kreuzfahrtschiffe im Hamburger Hafen: Die "AidaBlu und "AidaPerla" in Steinwerder.

Foto: Marcelo Hernandez / HA

Ob Tui, Aida oder Hapag Lloyd Cruises: Der boomende Kreuzfahrttourismus kommt durch die Corona-Krise in schwerste See.

Hamburg.  Eigentlich stand alles fest. An diesem Mittwoch wollte der Hamburger Anbieter von Kreuzfahrten mit dem Segelschiff Sea Cloud nach einem Jahr Corona-Zwangspause sein Programm für das folgende Frühjahr vorstellen. Doch der Termin wurde kurzfristig wieder abgesagt. Zu unsicher ist die Lage.

„Mit unserer Planung für den Neustart möchten wir unseren Gästen Sicherheit und Verlässlichkeit für ihre Urlaubsplanung geben. Diesen Anspruch stellen wir auch an unsere Informationen für die Medien. Angesichts der aktuellen Entwicklung in der Corona-Pandemie können wir diesem Anspruch derzeit aber nicht gerecht werden. Deswegen möchte ich das geplante Gespräch verschieben, bis wir mehr Sicherheit in der Einschätzung der weiteren Entwicklung gewonnen haben“, teilte der Geschäftsführer der Reederei, Daniel Schäfer, mit. „Entscheidend ist, dass wir verlässlich sagen können, ob unser Neustart im Frühling an unser aktuelles Katalog-Programm anknüpft oder ob wir nach einem ,Plan B‘ verfahren, den wir für alle Fälle vorbereitet haben.“

Kreuzfahrten: Hapag Lloyd und Tui Cruises planen kurzfristig

So wie Sea Cloud geht es derzeit allen Kreuzfahrtanbietern. Angesichts wieder steigender Infektionszahlen driften sie in schwerer See. Langfristig planen können sie nicht. So heißt es etwa bei dem Hamburger Luxus-Anbieter Hapag-Lloyd Cruises: „Welche Ziele im kommenden Jahr angesteuert werden können, hängt von der weltweiten Entwicklung ab. Diese verfolgen wir intensiv.“ Und die Reederei Tui Cruises („Mein Schiff“) erklärt: „Wir fahren auf Sicht. Das heißt, während wir sonst unsere Routen sehr lange im Voraus planen und festlegen, geschieht dies aktuell deutlich kurzfristiger.“

TUI Cruises hatte als erste deutsche Reederei den Betrieb Ende Juli wieder aufgenommen. Zunächst mit Kurzreisen mit der „Mein Schiff 2“ ab Hamburg, Anfang August dann auch mit Fahrten der „Mein Schiff 1“ ab Kiel. Diese „Blauen Reisen“ bestanden ausschließlich aus Seetagen.

Mitte September bot die Reederei erstmals wieder Reisen mit Landgang an. Mit der „Mein Schiff 6“ gibt es auch wieder Fahrten durch die griechische Inselwelt – mit Landausflügen. Damit hat die Reederei derzeit wieder drei ihrer sieben Schiffe in Betrieb, allerdings mit deutlich angezogener Handbremse: „Wir wollen für dieses Jahr im letzten Quartal etwa 25 Prozent unserer Kapazitäten auslasten“, sagte eine Sprecherin.

Aida Cruises fährt im Dezember ab Dubai – mit halber Kapazität

Der Konkurrenz geht es nicht besser. Deutschlands größter Kreuzfahrtanbieter Aida Cruises betreibt 14 Schiffe. Mehrere Versuche, in Fahrtengeschäft zurückzukehren, scheiterten an behördlichen Vorgaben. So blieben auch Aida nur Kurzreiseangebote. Mit einer derzeit laufenden siebentägigen Italienrundreise auf der „AIDAblu“ ist die Reederei mit Sitz in Rostock und Hamburg wieder in den Markt zurückkehrt.

Ab Anfang November stechen dann nacheinander die „AIDAmar“ und die „AIDAperla“ in See, die rund um die Kanaren fahren werden. Ab 11. Dezember traut sich die Reederei mit der „AIDAprima“ weiter hinaus und bietet Reisen ab Dubai an – für etwa 50 Prozent der möglichen Passagierkapazität wie bei allen anderen Fahrten.

Hapag Lloyd Cruises lässt nur zwei seiner vier Schiffe fahren

Auch Hapag-Lloyd Cruises lässt bis Ende des Jahres nur zwei seiner vier Schiffe fahren. Die „Europa 2“ und die „Hanseatic Inspiration“ bieten Kreuzfahrten entlang der Nord- und Ostseeküste an. Ab November sind auch wieder Fahrten zu den Kanaren oder zum Nordkap im Programm.

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Vorsichtiger agiert MSC Cruises mit Sitz in der Schweiz. Die Reederei hatte nach TUI im August als zweiter großer Anbieter wieder Schiffe auf See geschickt, allerdings nur zwei ihrer 17 Schiffe umfassenden Flotte.

Crew und Passagiere müssen Corona-Tests vorlegen

Möglich ist dies nur, weil die Reedereien ihre Sicherheits- und Hygienestandards nach mehreren Corona-Infektionen an Bord von Schiffen noch einmal verschärft haben. Neben Abstandsregeln und Maskenpflicht in Innenräumen gehört dazu für alle im Kreuzfahrtverband Clia organisierten Reedereien auf der Welt die 100-prozentige Testpflicht. Demnach müssen nicht nur die Crewmitglieder, sondern auch die Passagiere vor dem Einsteigen einen negativen Corona-Test vorweisen, der nicht älter als 48 Stunden ist.

„Mit den ausnahmslosen Tests für alle, die an Bord gehen wollen, gelingt es, einen fast abgeschlossenen Raum zu schaffen. Auch bei den Landgängen bleiben die Gäste unter sich“, sagt der Direktor von Clia Deutschland, Helge Grammerstorf. „Niemand kann für alle Zeit ausschließen, dass es auf einem Kreuzfahrtschiff noch einmal zu einem Corona-Fall kommt. Aber wir können sagen, dass wir die richtigen Prozesse eingeführt haben, um auf alle Fälle professionell und sachgerecht zu reagieren. Das System Schiff ist sicherer als fast alles andere, was man derzeit im Urlaub planen kann.“

Passagier entfernt sich von Reisegruppe: Kreuzfahrt für ihn beendet

Dennoch herrscht bei den Unternehmen die Sorge, dass es erneut zu Ausbrüchen an Bord kommen könnte, die fatale Rückschläge nach sich ziehen würden. Wie ernst die Reedereien deshalb ihre selbst aufgestellten Regeln nehmen, zeigt ein Vorfall der sich am Dienstag auf der derzeitigen Italienreise der „AidaBlu“ ereignete: Bei einem Landgang in Catania hatte sich ein Passagier unerlaubt von seiner Reisegruppe entfernt.

Damit war die Kreuzfahrt für ihn zu Ende. Er habe gegen die geltenden Verhaltensregeln zum Schutz vor Covid-19 verstoßen, erklärte der Konzern auf einem Kreuzfahrtblog. „Daher wurde dem Gast die weitere Mitreise an Bord von ,AidaBlu‘ verweigert.“

US-Kreuzfahrtriese Carnival: Erlöse um 99,5 Prozent eingebrochen

Die erneute Stilllegung ihrer Flotten wäre für die Reedereien ein finanzielles Desaster. Wirtschaftlich arbeitet derzeit kein Unternehmen. „Im Winter werden wir nur zehn von 27 Schiffen einsetzen können“, sagte Michael Thamm, Vorstandschef der Costa-Gruppe, zu der Costa Grociere und Aida gehören.

Wie schmerzhaft die finanziellen Einbußen sind, zeigen die jüngsten Zahlen des US-Kreuzfahrtkonzerns Carnival, zu dem auch die Costa-Gruppe mit Aida gehört. Im dritten Quartal brachen die Erlöse verglichen mit dem Vorjahreswert um 99,5 Prozent von 6,5 Milliarden auf 31 Millionen Dollar ein. Wie das Unternehmen in Miami mitteilte, verbuchte der Mutterkonzern unterm Strich einen Verlust von 2,9 Milliarden Dollar. Vor einem Jahr stand noch ein Gewinn von 1,8 Milliarden Dollar zu Buche.

Für etwas Hoffnung sorgt immerhin, dass sich die Buchungen für die zweite Jahreshälfte 2021 laut Carnival gut entwickeln. Doch vorerst wird die Leidenszeit anhalten: Im vierten Quartal rechnet der Konzern damit, pro Monat im Schnitt 530 Millionen Dollar zu verlieren. Liquiditätsengpässe gibt es indes nicht, Aufgrund des Kreuzfahrtbooms hat Carnival in der Vergangenheit glänzend verdient. Ende August verfügte der Konzern über Barmittel von 8,2 Milliarden Dollar.

Kreuzfahrtverband kritisiert "uneinheitliche Ausweisung von Risikogebieten"

Schon der laufende Betrieb der wenigen Schiffe bleibt schwierig. „Die Genehmigung der Häfen unterliegt immer der Entwicklung der aktuellen Lage und Fallzahlen. Daher sind wir immer auch darauf vorbereitet, flexibel auf kurzfristige Änderungen zu reagieren“, sagt Hapag-Lloyd Cruises.

Verbandschef Grammerstorf beklagt die sich ständig ändernden Regeln: „Die völlig uneinheitliche Ausweisung von Risikogebieten, die sich praktisch täglich ändert, und die unterschiedlichen Anforderungen, die damit verbunden werden, machen es den Kreuzfahrtunternehmen derzeit sehr schwer, ihre Reisen zu planen.“

Um das Geschäft wieder anzukurbeln, winken Rabatte. TUI Cruises verspricht, dass bei einer Doppelbuchung nur einer der Passagiere zahlen muss, allerdings lediglich auf ausgewählten Reisen. Aida bietet pauschal ein All-inclusive-Angebot an. Erste Erfolge bei den Buchungen stellen sich angeblich schon ein. Grammerstorf bleibt optimistisch: Die Begeisterung der Deutschen für Seereisen sei ungebrochen, sagt er.