Pandemie

Luftfahrtbranche: Tausende Jobs in Hamburg gefährdet

Ein Arbeiter bei der Rumpfmontage eines A320 am Dienstag (01.10.2019) in der Halle Hangar 245 von Airbus.

Ein Arbeiter bei der Rumpfmontage eines A320 am Dienstag (01.10.2019) in der Halle Hangar 245 von Airbus.

Foto: Roland Magunia / Roland Magunia / Funke Foto Services

Airbus, Lufthansa Technik und Flughafen in der Corona-Krise: Antworten auf die wichtigsten Frage zur Lage der Unternehmen.

Hamburg.  Die Chefs der beiden größten Luftfahrtfirmen in Hamburg stimmten in diesen Tagen die Beschäftigten wegen der Corona-Krise auf weitere Einschnitte ein. Guillaume Faury schrieb in einer Airbus-internen Rundmail, dass beim geplanten Jobabbau wohl Entlassungen notwendig seien.

Carsten Spohr kündigte in einer Online-Fragestunde den Lufthansa-Mitarbeitern einen verschärften Stellenabbau an. Am Montag beschloss der Konzern das dritte Paket des Restrukturierungsprogramms „ReNew“. Vor dem Hintergrund schaute das Abendblatt, wie die wirtschaftliche Lage bei Airbus, Lufthansa und Flughafen derzeit konkret aussieht.

Was plant Lufthansa?

Statt bisher 100 sollen nun 150 Flugzeuge ausgemustert werden – darunter alle A380. Künftig soll die Flotte 600 Jets umfassen. Daher will der Vorstand auch mehr als die bisher genannten 22.000 Vollzeitstellen streichen. Beziffert wurde der „Personalüberhang“ nicht. Man müsse sich Marktentwicklungen anpassen. Der Konzern erwartet da eine deutliche Eintrübung. Statt im vierten Quartal die Hälfte der Kapazitäten des Vorjahreszeitraums anzubieten, sollen es nun nur noch 20 bis 30 Prozent der damals bereitgestellten Sitzkilometer sein.

Wie geht es Lufthansa Technik?

Die Lufthansa beschäftigte am Jahresende in Hamburg gut 10.000 Menschen. Nach vielen Neueinstellungen in den vergangenen Jahren arbeiten 8800 davon bei der Technik-Tochter, dem Weltmarktführer für die Wartung, Reparatur und Überholung von Flugzeugen. „Die Krise ist nach wie vor existenziell und wird uns noch viele Jahre beschäftigen“, sagte Lufthansa-Technik-Sprecher Jens Krüger. Fast alle Beschäftigten seien in Kurzarbeit. Etwa 300 Mitarbeitern in der Probezeit wurde bereits gekündigt. Die Auslastung liege bei weniger als 50 Prozent.

Zwar gebe es Bereiche, wo mehr zu tun sei, aber die Mitarbeiter beschäftigten sich dann zum Beispiel „mit der
Betreuung von geparkten Flugzeugen. Das ist schon deprimierend – und hat mit Normalbetrieb nichts zu tun“, sagte Krüger. Vorgeschriebene Wartungs- und Überholungsleistungen würden nachgefragt, aber wenn möglich versuchen die Fluglinien innerhalb ihrer Flotten zu tauschen, zum Beispiel Triebwerke. Und die Betreuung von Langstreckenjets falle praktisch weg, weil solche Flüge selten stattfinden. Ob der bei Lufthansa Technik errechnete Personalüberhang von weltweit 4500 Stellen angepasst werde, ließ Krüger offen: „Die notwendigen Maßnahmen orientieren sich allein daran, wie schnell sich unsere Kunden auf der ganzen Welt erholen.“

Was sagt Ver.di zur Lufthansa-Lage?

Die Gewerkschaft ringt mit dem Konzern um einen Kompromiss, aber die Fronten sind verhärtet. In erster Linie geht es um die 35.000 Boden-Beschäftigten, aber auch bei Lufthansa Technik ist Ver.di die einflussreichste Gewerkschaft. Ver.di hält betriebsbedingte Kündigungen für den falschen Weg. Die Beschäftigten seien zu Zugeständnissen bereit, brauchen im Gegenzug aber Sicherheiten, sagte Mira Neumaier, Ver.di-Bundesfachgruppenleiterin Luftverkehr.

Sie sprach von Ängsten bei den Lufthansa-Technik-Beschäftigten, denn die Zukunft der Firma im Konzern ist fraglich. Sie könnte zum Teil verkauft oder an die Börse gebracht werden. So käme Geld in die Kasse des Konzerns, der auch die milliardenschweren Staatshilfen zurückzahlen muss. „Die Lufthansa als Airline braucht eine starke Lufthansa Technik mit ihren gut ausgebildeten Fachkräften und Tarifstrukturen“, sagte Neumaier.

Wie viele Flugzeuge liefert Airbus aus?

Airbus ist mit rund 15.000 Beschäftigten an der Elbe Hamburgs größter Arbeitgeber. Allein in den vergangenen zwei Jahren wurden rund 2000 Jobs aufgebaut. Nun soll die Rolle rückwärts erfolgen. 2260 Stellen auf Finkenwerder droht das Aus. Zwar sind die Auftragsbücher mit 7500 bestellten Maschinen weiter randvoll. Stornierungen wegen der Corona-Krise gab es laut Konzern bisher nicht. Aber bei den Auslieferungen stockt es.

Nach Abendblatt-Informationen sollen knapp 180 Maschinen auf den Werksgeländen in Hamburg und Toulouse sowie Regionalflughäfen geparkt sein. Bis Ende August wurden nur 284 Flugzeuge an Airlines übergeben – im Vorjahreszeitraum waren es 500. Bei der Auslieferung müssen die Airlines einen Großteil der Kaufsumme zahlen.

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Angesichts der einbrechenden Passagierzahlen und der dadurch fehlenden Ticketeinnahmen sind sie nicht liquide. Und ob sie ihre bestellten Maschinen abnehmen können, hängt vom Wiederanspringen der Buchungen ab. „Leider hat sich der Flugverkehr im Sommer nicht in dem Maße erholt, wie sich die Branche dies erhofft hatte“, schrieb Faury in der Mail an seine Mitarbeiter.

Im April hatte der Konzern die Produktionsrate für die A320-Familie von 60 auf 40 Maschinen pro Monat gesenkt. Reicht das? Das derzeitige Marktumfeld bestätige diese Entscheidung, sagte Airbus-Sprecher Heiko Stolzke: „Es mag minimale Anpassungen geben, aber wir haben wachsende Klarheit für die nähere Zukunft und gehen davon aus, den richtigen Level für dieses neue Umfeld zu haben.“ Weiterhin sei ein Großteil der Beschäftigten in Kurzarbeit. Die Frage, ob weitere Maßnahmen notwendig sind, beantwortete Stolzke mit Verweis auf die Gespräche mit Arbeitnehmervertretern nicht.

Was sagt die IG Metall zur Airbus-Lage?

Die Gewerkschaft drängt auf den Ausschluss betriebsbedingter Kündigungen. Noch bis Jahresende sind diese im Zukunftstarifvertrag ausgeschlossen. Die IG Metall möchte eine Verlängerung erreichen. „Mit Kurzarbeit, Vier-Tage-Woche und anderen Arbeitszeitverkürzungen gibt es Instrumente, mit denen Kündigungen verhindert werden können“, sagte Bezirksleiter Daniel Friedrich.

Wie viele Flüge gibt es ab Hamburg?

Bis Ende August zählte der Airport 3,6 Millionen Menschen, die starteten oder landeten. Das war ein Minus von 68,9 Prozent. An den fünf größten deutschen Flughäfen ist das Bild nahezu einheitlich. Frankfurt zählte 15 Millionen Passagiere (minus 68,4 Prozent), München 9,3 Millionen (minus 70,9 Prozent), Berlin-Tegel und -Schönefeld zusammen 7,34 Millionen (minus 69,4 Prozent) und Düsseldorf 5,3 Millionen (minus 70 Prozent).Derzeit nutzen den Helmut-Schmidt-Flughafen pro Tag 10.000 bis 15.000 Passagiere.

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Zum Vergleich: Im Schnitt des vergangenen Jahres waren es 47.400 pro Tag. Wie es – auch mit Blick auf die Herbstferien – weitergeht, sei offen, so Airport-Sprecherin Katja Bromm. „Bei dieser dynamischen Entwicklung und einzigartigen globalen Krise sind Prognosen kaum möglich.“ Man kenne nicht mal den genauen Flugplan für die nächsten zwei Wochen. Die Fluglinien würden stark abhängig von Reisebeschränkungen und Quarantäneregelungen reagieren.

Nach wie vor seien etwa 80 Prozent der 2000 Mitarbeiter in Kurzarbeit. „Wir werden auch 2021 die Kurzarbeit nutzen müssen“, so Bromm. Beim geplanten Jobabbau bleibe es bei den Ende Juni genannten etwa 200 Stellen. Betriebsbedingte Kündigungen seien nicht geplant.

Wie reagiert Eurowings in Hamburg?

Die Lufthansa-Tochter ist mit 30 Prozent Marktanteil die größte Airline in Fuhlsbüttel. Derzeit fliegt sie rund 40 Prozent des ursprünglichen Programms. Im September stehen 838 Flüge zu 34 Zielen im Flugplan. Wegen der kürzlich ausgesprochenen Reisewarnungen für Budapest, Amsterdam und Wien würden die Kapazitäten auf diesen Strecken nun angepasst, sagte eine Eurowings-Sprecherin.

Für die Herbstferien gebe es eine anziehende Nachfrage für die touristischen Warmwasserziele, Griechenland, Zypern und Italien seien „gut gebucht“. Je nach Entwicklung seien eine Ausweitung oder Ausdünnung der Kapazitäten möglich. „Mit einer signifikanten Ausweitung des Angebots ist frühestens zum Sommer 2021 zu rechnen.“