Warenhauskette

Kaufhof an der Mö – eine kleine Chance gibt es noch

Betriebsratschefin Ines Reinhard will sich mit der Schließung des Kaufhof-Standorts nicht abfinden.

Betriebsratschefin Ines Reinhard will sich mit der Schließung des Kaufhof-Standorts nicht abfinden.

Foto: Marcelo Hernandez

Der Räumungsverkauf ist in vollem Gang, die Kündigungen sind bereits zugestellt. Doch Betriebsratschefin Reinhard gibt nicht auf.

Hamburg. Kunden begrüßt sie mit „Guten Tag“, dazu ein freundliches Lächeln. Auch wenn Ines Reinhard nicht mehr im Verkauf arbeitet und als Betriebsratschefin im Moment sowieso immer zu viel auf dem Zettel hat – gelernt ist gelernt. An diesem Nachmittag ist sie mal wieder im Kaufhof-Haus an der Mönckebergstraße unterwegs. Geschickt schlängelt sie sich durch die Gänge. Überall hängen große Rabattschilder. „Heute billiger“ steht darauf und „Zusatzrabatte“. „Es ist so voll, wie sonst nur an den Adventssonnabenden“, sagt sie und hebt einen leeren Bügel vom Boden auf. Ein bisschen Bitterkeit klingt mit.

Seit dem Beginn des Räumungsverkaufs Ende Juli brummt der Laden. So sehr, dass schon Flächen leer sind, in der Lebensmittelabteilung im Untergeschoss und oben im vierten Stock bei den Spielsachen. Da ist jetzt eine ganze Wand mit den gleichen Plüschteddys drapiert, gegenüber hängen Karnevalskostüme aus der letzten Saison. „Alles muss raus.“ Vor den Kassen stehen die Schnäppchenjäger jetzt jeden Tag bis Geschäftsschluss in langen Schlangen.

Mitarbeiter arbeiten an der Belastungsgrenze

„Die Mitarbeiter, die noch da sind, arbeiten an der Belastungsgrenze“, sagt Ines Reinhard. Seit vier Jahren ist sie Vorsitzende des Betriebsrats mit Teilzeitvertrag. „Meine Aufgabe ist, für die Kollegen das Beste zu erreichen.“ Und das Beste aus ihrer Sicht ist, dass das Kaufhaus am Eingang der Hamburger Innenstadt – anders als vom Warenhauskonzern Galeria Karstadt Kaufhof geplant – doch nicht schließt.

Man könnte das auf den ersten Blick als realitätsfremd bezeichnen. Ein großer Teil der Warenbestände ist schon verhökert, die Entlassungsschreiben sind verschickt, es laufen erste Bewerbungstrainings im Rahmen der Transfergesellschaft. Der Mietvertrag mit dem Eigentümer, der Württembergischen Versicherung, ist gekündigt – am 17. Oktober soll das Kaufhaus nach mehr als 50 Jahren endgültig schließen. Das sind noch sieben Wochen. Die meisten hätten spätestens jetzt aufgegeben. Ines Reinhard macht weiter. Ihr Ziel: Kaufhausgesellschaft und Eigentümer noch mal für Verhandlungen an einen Tisch zu bringen. „Ich kann einfach nicht glauben, dass wir nichts an unserer Lage ändern können“, sagt die Betriebsratschefin. Ein bisschen erinnert das an Don Quijotes Kampf gegen die Windmühlen.

Weitreichendes Sparprogramm bei Galeria Karstadt Kaufhof

Mitte Juni hatte Galeria Karstadt Kaufhof die Schließung des Kaufhauses im Rahmen eines weitreichenden Sparprogramms angekündigt. „Das war ein Schock. Ich habe nicht damit gerechnet, dass es uns trifft. Wir hatten gute Umsätze und eine hohe Kundenfrequenz“, sagt Ines Reinhard. Seit mehr als 20 Jahren arbeitet sie an dem Standort mit zuletzt 138 Mitarbeitern, hat dort schon ihre Ausbildung gemacht. Die 39-Jährige kennt jede Ecke in dem verwinkelten Gebäude, das offiziell Klöpperhaus heißt. Erst mal habe sie gar nicht aufhören können zu weinen, erinnert sie sich an die ersten Tage nach der Bekanntgabe der Schließungspläne. „So habe ich mich noch nie erlebt.“ Insgesamt hatten auf der Streichliste des angeschlagenen Handelskonzerns 62 Kaufhäuser gestanden, darunter in Hamburg auch Karstadt Wandsbek und Bergedorf sowie Kaufhof im Alsterdorf-Einkaufszentrum (AEZ).

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Inzwischen hat Galeria die Zahl der Schließungsfilialen auf unter 50 reduziert. In Hamburg ist das Kaufhof-Haus im AEZ nach Verhandlungen über Mietnachlässe gerettet. In Bergedorf wurde die Schließung auf Ende Januar 2021 verschoben. In Wandsbek läuft auch der Räumungsverkauf. Dort gibt es erste Überlegungen zur Zukunft des Gebäudes. Die Lage ist unübersichtlich. Der Konzern selbst kommuniziert nicht öffentlich. Immer wieder sickern Nachrichten durch, dass weitere Standorte – zuletzt Mitte August in Essen – doch weiter betrieben werden. Der Warenhauskonzern im Besitz der Signa Holding des österreichischen Immobilienmoguls René Benko hatte offenbar nicht mit so vehementem öffentlichen Druck wegen der Angst vor einer Verödung der Innenstädte gerechnet – oder, so könnte man es auch sehen, genau darauf gesetzt, um bessere Konditionen zu bekommen.

Gläubigerversammlung in Essen

Bei dem denkmalgeschützten Kaufhof-Gebäude war schnell klar, dass der Grund für das Aus vor allem im aufgestauten Sanierungsaufwand liegt. Die markante Rotklinkerfassade ist wegen drohenden Steinschlags mit einem Netz umhüllt. Drinnen müssten unter anderem Lüftungen und Sprinkleranlagen erneuert werden, sagt Betriebsrätin Reinhard. Die Kosten werden auf einen zweistelligen Millionenbetrag geschätzt, der laut des erst 2019 um zehn Jahre verlängerten Mietvertrages vom Mieter zu tragen sind. Investitionen, die der Konzern, der durch die Corona-Krise weiter unter Druck geraten war und seit Juli in einem Insolvenzverfahren ist, nicht tragen will.

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Das weiß auch Ines Reinhard. Zum Gespräch hat sie in das Betriebsratsbüro im fünften Stock gebeten. Auf dem Flur hängen an einer Pinnwand die letzten Nachrichten im Kampf gegen die Schließung. Auch ein Foto ist dabei, dass sie bei der Übergabe von 11.000 Unterschriften für den Erhalt des Hauses beim Eigentümer in Stuttgart zeigt. Das war vor gut einer Woche. In den Wochen davor hatte sie mit den Belegschaften der anderen betroffenen Hamburger Häuser und der Gewerkschaft Ver.di mehrere Protestaktionen organisiert, eine große Unterschriftenaktion gestartet und Finanzsenator Andreas Dressel (SPD) zu Gesprächen ins Haus geholt. „Aber es ist einfach nichts passiert“, sagt die Arbeitnehmervertreterin – und da klingt auch Enttäuschung durch, dass die Stadt anders als andere Kommunen wenig Engagement für den Erhalt der Kaufhäuser mit 500 Arbeitsplätzen gezeigt hat.

Ines Reinhard beschloss in die Offensive zu gehen

Schließlich beschloss Ines Reinhard in die Offensive zu gehen – und direkt mit dem Eigentümer Kontakt aufzunehmen. „Als Vermieter haben die doch auch ein Problem, eine geeignete Nachnutzung zu finden und möglicherweise einen langen Leerstand zu riskieren“, habe sie sich überlegt. Die Frau, die sich als Vollblut-Verkäuferin beschreibt, setzte sich abends um 11 Uhr, als ihr vierjähriger Sohn schon lange schlief und auch Ehemann Martin ins Bett gegangen war, in ihrer Wohnung in Alt-Osdorf an den Computer. Sie machte sich schlau über Mietpreise und Leerstände in der Hamburger City und schickte eine E-Mail an den zuständigen Immobilienexperten des Eigentümers, in der sie für eine Einigung über die Sanierungskosten und eine zukunftsfähige Lösung für den Kaufhaus-Standort warb. „Ich hatte ja nichts zu verlieren“, sagt sie. Schon am nächsten Morgen kam der Rückruf. Ein paar Tage später saß sie im Mietauto und fuhr auf eigene Faust 700 Kilometer zum Unternehmenssitz der Württembergischen Versicherung nach Stuttgart, um direkt mit dem Vermieter zu sprechen.

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Das brachte noch einmal Bewegung in die Sache: Ende vergangener Woche waren Galeria-Immobilienexperten in Hamburg und haben sich den Baubestand angesehen. Plötzlich gab es eine Telefonkonferenz mit Vertretern von Vermieter- und Mieterseite sowie dem stellvertretenden Gesamtbetriebsratsvorsitzenden und der Hamburger Betriebsrätin Reinhard. Ein Hoffnungsschimmer – vielleicht. Heute findet die Gläubigerversammlung in Essen statt. Die endgültige Entscheidung über die Zukunft des Hamburger Kaufhauses soll in den nächsten Tagen fallen.