Hamburg

Kampf ums Überleben: Werft Pella Sietas stellt Ultimatum

| Lesedauer: 7 Minuten
Martin Kopp
Sie sind in großer Sorge: Natallia Dean (l.) und Beate Debold, Geschäftsführerinnen der Pella-Sietas-Werft in Hamburg-Neuenfelde.

Sie sind in großer Sorge: Natallia Dean (l.) und Beate Debold, Geschäftsführerinnen der Pella-Sietas-Werft in Hamburg-Neuenfelde.

Foto: Michael Rauhe / Michael Rauhe / FUNKE Foto Services

Schlick behindert seit Monaten die Ablieferung von Schiffen bei Deutschlands ältester Werft. Der Staatsrat will jetzt vermitteln.

Hamburg.  Eigentlich hätte Natallia Dean, die Chefin der Hamburger Pella-Sietas-Werft, allen Grund zur Freude. Ihr Schiffbaubetrieb an der Este-Mündung in Neuenfelde erholt sich und hat Aufträge in den Büchern, die bis 2024 die Beschäftigung sichern. Zudem ist ein weiterer Auftrag in Aussicht gestellt, der Arbeit bis Ende 2025 geben würde. Stattdessen steht das Überleben der Werft auf der Kippe. Und wenn nicht sofort etwas geschieht, gehen dort die Lichter aus. So sieht es Dean.

Pella Sietas, Deutschlands älteste noch bestehende Werft, kann wegen der zunehmenden Verschlickung des Werfthafens derzeit Schiffe nicht abliefern. Seit neun Monaten steht ein für Bundesbehörden fertig gebautes Baggerschiff auf der Werft. Es kann aber nicht zu Wasser gelassen, komplett ausgerüstet und dann abgeliefert werden, weil der Hafen zu wenig Tiefgang hat.

Verschickung des Hafens: Werft Pella Sietas stellt Ultimatum

Pella Sietas gibt den Behörden die Schuld daran und befürchtet, zwischen ihnen zerrieben zu werden. Nun stellt das Unternehmen ein Ultimatum: „Wir benötigen sofort eine Lösung“, sagt Werftchefin Dean. „Wir haben den Behörden eine Frist bis Ende des Monats gesetzt. Wird diese nicht eingehalten, stehen wir beim Bürgermeister auf der Matte oder erwägen gleich rechtliche Schritte wegen Betriebsbehinderung.“ Der Staatsrat der Wirtschaftsbehörde, Andreas Rieckhof, sagt: „Die Sache ist vertrackt. Alle Seiten müssen sich bewegen. um eine Lösung hinzubekommen.“

Schlickablagerungen in der Este-Mündung hat es schon immer gegeben. In der Vergangenheit konnte die Werft mit diesem Nachteil umgehen. Immer dann, wenn ein neues Schiff zu Wasser gelassen werden musste, konnte sie den Schlick mittels Wasserinjektionsverfahren aus dem Becken entfernen, die Hafenbehörde HPA hatte nichts dagegen. Dabei werden die Sedimente per Hochdruckwasserstrahl aufgewirbelt und in den Strom geblasen.

„2018 mussten wir solche Maßnahmen auf Drängen der HPA erstmals unterbrechen, weil sie sich Sorgen um das Sperrwerk machte. Sie sagte, dass sich der Schlick dann dort absetzen würde. Es ist nämlich Aufgabe der HPA, das Este-Sperrwerk vom Schlick frei zu halten“, sagt Dean.

Umweltbehörde ließ HPA Wasserinjektionen verbieten

Im November 2019 sei es während des Schlickspülens zu einem Ausfall beider Sperrwerkslinien gekommen. „Erst teilte die HPA mit, dass wir für etwa acht Tage unterbrechen müssten. Zuletzt hieß es: Ihr dürft niemals wieder spülen. und wer in den Verhandlungen das Wort Wasserinjektion nur in den Mund nahm, konnte gleich gehen“, beklagt Dean.

Die von Senator Jens Kerstan (Grüne) geführte Umweltbehörde ist für den Hochwasserschutz zuständig. Sie steht auf dem Standpunkt, dass das Sperrwerk als wichtiges Flutschutztor immer funktionstüchtig bleiben muss, und hat die HPA veranlasst, Wasserinjektionen bei Pella Sietas zu verbieten.

Die Werft unterbreitete deshalb den Behörden unterschiedliche Ersatzvorschläge: So wurde diskutiert, ein Baggerschiff direkt am Sperrwerk zu postieren, um reagieren zu können, wenn sich der beim Spülen aufgewirbelte Schlick dort absetzen sollte. Die Behörden lehnten dieses ab, weil sich die Beeinträchtigung gar nicht sofort, sondern erst mit Zeitverzögerung bemerkbar mache.

HPA: Pella Sietas soll Schlick selbst ausbaggern

Pella Sietas erwog, ein Rohr neben das Sperrwerk zu verlegen, den aufgewirbelten Schlick herauszufiltern und das Abwasser direkt in den Strom abzuleiten. Doch dazu bedürfte es einer wasserrechtlichen Genehmigung. Die Umweltverbände hätten Klagerecht. Eine Genehmigung würde absehbar sehr viel Zeit in Anspruch nehmen und die Aussicht auf Erfolg wäre ohnehin fraglich.

Die HPA schlug stattdessen vor, Pella Sietas solle den Schlick schlicht ausbaggern. Da der Schlick aber mit Schadstoffen belastet ist, müsste er an Land gelagert werden. Kosten: etwa sieben Millionen Euro. Aus Sicht der Werft ist das keine realistische Lösung: „Das Baggern würde vier bis sechs Monate dauern. Und die Wirkung würde etwa 20 Tage halten. Das kann sich keine Werft der Welt leisten. Eine Wasserinjektion kostet 80.000 bis 100.000 Euro und dauert eine Woche“, sagt Dean.

Das Management ist mittlerweile frustriert. „Alles, was wir in der Vergangenheit aus der Wirtschaftsbehörde dazu zu hören bekamen war: Wieso habt ihr die Aufträge überhaupt angenommen? Wir fühlten uns ungeliebt, und es entstand das Gefühl, dass man uns von hier vertreiben will“, sagt die operative Geschäftsführerin der Werft, Beate Debold.

Staatsrat Rieckhof will Konflikt lösen

Hinzu kommt, dass mit der Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes (WSV) eine dritte mächtige Behörde im Spiel ist. Sie ist für die Aufrechterhaltung der Wassertiefen in der Este verantwortlich und hat selbst ihr Baggerprogramm dort reduziert. Dadurch werden weitere Sedimente angeschwemmt, die das Sperrwerk und den Werfthafen beeinträchtigen. In den Hamburger Konflikt will sie aber nicht hineingezogen werden.

Der neue Wirtschaftsstaatsrat An­dreas Rieckhof will das nicht so stehen lassen und den Konflikt endlich lösen. Er besuchte am späten Montagnachmittag die Werft und will eine „für alle Beteiligten zufriedenstellende Lösung“ finden. „Es ist doch grotesk, dass ausgerechnet ein Baggerschiff des Bundes, das den Schlick bekämpfen soll, wegen solcher Behinderungen nicht zum Einsatz kommen kann.“

Pella Sietas droht mit Schließung

Er sei in Gesprächen mit der Umweltbehörde und der HPA und werde auch mit der WSV sprechen, sagte Rieckhof dem Abendblatt. „Wenn alle sich bewegen, bin ich zuversichtlich, eine Lösung zu finden.“ Dazu müssten alle Behörden und die Werft sich unterhaken. „Herr Rieckhof ist tatsächlich der Erste, der uns persönlich empfangen hat und seit Anfang Juli um eine kurzfristige Lösung bemüht. Wir spüren, dass er die Sache ernst nimmt“, sagt Debold.

„Es geht jetzt erst einmal darum, eine kurzfristige Lösung zu finden, damit wir das Schiff aus der Werft herausbekommen“, sagt Rieckhof. „Langfristig muss neu überlegt werden.“ Natallia Dean hat bereits eigene Vorstellungen. Vor wenigen Wochen gab sie bekannt, dass Pella Sietas Verhandlungen über eine Übernahme mit der insolventen Flensburger Schiffbaugesellschaft (FSG) führt. Nun fürchten Betriebsräte und Gewerkschaften um den Standort in Neuenfelde.

Lesen Sie auch:

„Es wäre unternehmerisch fahrlässig, würden wir uns nicht nach anderen Standorten umsehen. Flensburg hat keine Probleme mit Schlick. Wir sehen darin die Chance, unsere Schwierigkeiten langfristig zu lösen“, sagt Dean. „Wir haben ein Konzept, das die Auslastung beider Werftstandorte vorsieht. Pella Sietas würde weiter in Hamburg sitzen und FSG als Tochter betreiben. Wir würden hier kleinere Schiffe bauen, dort die großen. Wir könnten dann sogar unseren Mitarbeiterstamm von 360 Beschäftigten hier halten. Voraussetzung ist, dass wir hier genug Wasser haben. Wenn nicht, dann reden wir über ganz andere Konsequenzen. Dann wird der Werftbetrieb hier gänzlich eingestellt.“

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Wirtschaft