Luftfahrt

Corona-Krise: Wie Airbus jetzt in Hamburg produziert

Helfen mit, dass der Betrieb in Hamburg läuft – auch damit Zulieferer keine wirtschaftlichen Probleme bekommen: die Airbus-Manager Michael Schöllhorn (l.) und André Walter (hier im Jahr 2019).

Helfen mit, dass der Betrieb in Hamburg läuft – auch damit Zulieferer keine wirtschaftlichen Probleme bekommen: die Airbus-Manager Michael Schöllhorn (l.) und André Walter (hier im Jahr 2019).

Foto: Roland Magunia

Beschäftigte werden in blaue und rote Schichten eingeteilt. Kantinenessen nur noch zum Mitnehmen.

Hamburg.  So mancher Airbus-Mitarbeiter dürfte etwas anderes erwartet haben: Trotz der erheblichen Einschränkungen des öffentlichen Lebens, die das Coronavirus derzeit erzwingt, hat der Flugzeugbauer am Montag die Arbeit in den französischen und spanischen Werken wieder aufgenommen. Damit ist auch klar, dass die Unternehmensleitung keine Unterbrechung der Produktion in Hamburg plant.

Neue Sicherheitsvorschriften bei Airbus in Hamburg

Während die Fertigung in Frankreich und Spanien von Dienstag bis Freitag voriger Woche pausierte, hat Airbus auf Finkenwerder die Umsetzung der neuen Gesundheits- und Sicherheitsvorschriften bei laufendem Betrieb vorgenommen.

„Wir haben alle Mitarbeiter, die weiter in die Werkshallen und in die Büros kommen, in eine rote und eine blaue Schicht eingeteilt“, sagte Michael Schöllhorn, Vizechef der Ziviljet-Sparte von Airbus, dem Abendblatt. Angehörige der beiden Schichten „begegnen sich nicht, weil sie beim Betreten und Verlassen der Gebäude unterschiedliche Wege benutzen.“

Teams bestehen aus maximal fünf Personen

Die Arbeit erfolge in Teams von nicht mehr als fünf Personen an einer Station. Sollte einer von ihnen infiziert werden oder Kontakt mit einem infizierten Menschen haben, würde das Team in Quarantäne geschickt.

„In den Hallen reinigen wir Oberflächen, mit denen die Beschäftigten in Berührung kommen, deutlich häufiger als bisher“, sagte Schöllhorn, der bei Airbus für den Produktionsbereich verantwortlich ist. Gemeinsam genutzte Werkzeuge würden regelmäßig desinfiziert.

Arbeitsprozesse mit Mindestabstand

„Außerdem haben wir die einzelnen Arbeitsprozesse in den vergangenen Tagen so organisiert, dass zwischen den Mitarbeitern der geforderte Abstand eingehalten werden kann“, so Schöllhorn. „Da, wo das wirklich nicht geht, haben wir die Beschäftigten mit Schutzmasken ausgestattet. Das gilt zum Beispiel für die Piloten der Beluga-Transportflugzeuge.“

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Wo sich die Arbeit in den Hallen nicht so einrichten lässt, dass der Abstand zwischen den Beschäftigten beim üblichen Verfahren gewahrt werden kann, habe man die Abläufe verändert, sagte André Walter, Leiter des Hamburger Werks: „So arbeiten nicht mehr so viele Personen wie bisher nebeneinander in einem Flugzeugrumpf, sondern nacheinander.“

Kantinenessen bei Airbus zum Mitnehmen

In der Kantine gibt es das Essen nur noch zum Mitnehmen, und Markierungen am Boden sorgen auch dort für den nötigen Abstand beim Warten. „In den Pausenräumen haben wir die Hälfte der Stühle weggeräumt und Abstandsmarkierungen auf den Tischen angebracht“, so Schöllhorn.

Am Freitag wurden bei Airbus in Hamburg „vereinzelt Produktionsstationen zeitweise angehalten“, um die Arbeit auf die neuen Bedingungen umstellen zu können. Bis jetzt habe es nur hier und da Personalengpässe gegeben: „Derzeit ist die Quote der Beschäftigten, die nicht zur Arbeit kommen können, nicht viel höher als zu Zeiten einer normalen Grippewelle.“

Hälfte der Mitarbeiter an Produktion beteiligt

Ungefähr die Hälfte der 14.700 fest angestellten Beschäftigten in Hamburg sei mehr oder weniger direkt an der Produktion beteiligt, sagte Walter. Von der anderen Hälfte komme nur etwa ein Drittel ins Büro, die anderen könnten vom heimischen Computer aus arbeiten, heißt es.

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Offenbar haben nicht alle Airbus-Beschäftigten, die weiter zum Werk fahren müssen, ein gutes Gefühl dabei. „Es gibt Kollegen, die in dieser Situation lieber zu Hause wären“, sagte Emanuel Glass, zweiter Bevollmächtigter der IG Metall Hamburg: „Das ist nachvollziehbar.“ Doch die Entscheidung darüber, ob jemand zur Arbeit kommen müsse oder nicht, liege beim Arbeitgeber.

Warum produziert Airbus weiter?

Schöllhorn ist sich solcher Bedenken in Teilen der Belegschaft bewusst. „Auch von manchen Mitarbeitern werden wir gefragt, warum wir weiterproduzieren“ sagte er. Schließlich stellen zum Beispiel Automobilkonzerne die Fertigung vorübergehend ein.

„Ein Flugzeug ist aber ein extrem komplexes Produkt, dessen Bestandteile auch von einer Vielzahl kleinerer und mittelständischer Zulieferer stammen“, so Schöllhorn. Etliche von ihnen litten ohnehin schon unter dem Produktionsstopp der Boeing 737 Max, bei ihnen seien bis zu 50 Prozent des Umsatzes weggebrochen.

Lieferkette müsse intakt gehalten werden

Für Airbus kommt es nach den Worten von Schöllhorn darauf an, die Lieferkette intakt zu halten. Für manche Teile gebe es „nur einen einzigen Zulieferer mit der erforderlichen Kompetenz“.

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Würden solche Lieferanten nun ausfallen, wären sie nur sehr schwer zu ersetzen, weil die Komponenten, die sie liefern, sehr aufwendig von Luftfahrtbehörden zugelassen werden müssen – auch das ist anders als in der Autoindustrie.

"Wir haben eine gesellschaftliche Verantwortung"

Abgesehen davon gelte es, die sich abzeichnende Wirtschaftskrise nicht noch dadurch zu verstärken, dass ein großes Unternehmen wie Airbus den Betrieb für längere Zeit einstelle. „Insofern sehen wir eine gesellschaftliche Verantwortung“, so Schöllhorn. „All dies verstehen unsere Mitarbeiter weit überwiegend sehr gut.“

Zwar sei die „Schlagzahl“ im Moment etwas geringer. „Aber an erster Stelle kommt die Gesundheit und Sicherheit unserer Mitarbeiter, dann kümmern wir uns um die Effizienz.“

Airbus hat Erfahrung mit Krisensituationen

Ohnehin gibt es wegen der weltweiten Reisebeschränkungen etliche Fluggesellschaften, die an einer Verschiebung der Auslieferung ihrer Jets interessiert sind. „Es gibt aber auch andere, die die Chance nutzen wollen, schneller an neue Flugzeuge zu kommen – bei den Maschinen der A320-Baureihe sind die Produktionskapazitäten ja bis mindestens 2024 ausgebucht“, erklärte Schöllhorn.

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Airbus habe in der Krise 2008/2009 unter Beweis gestellt, dass man mit solchen Situationen gut umgehen könne. Damals wurden mehr als 600 Lieferpositionen nach hinten geschoben oder vorgezogen.

Geschäftsprognose für 2020 zurückgenommen

Angesichts der Probleme vieler seiner Kunden hat Airbus-Konzernchef Guillaume Faury die Geschäftsprognose für 2020 zurückgenommen und den Ausfall der für 2019 vorgeschlagenen Dividendenzahlung von rund 1,4 Milliarden Euro verkündet.

Nach der Ausweitung von Kreditlinien belaufe sich die Liquidität des Unternehmens aktuell auf rund 30 Milliarden Euro. „Ich bin überzeugt, dass Airbus und die Luft- und Raumfahrtindustrie als Ganzes diese kritische Phase überwinden werden“, sagte Faury.