Industrie

Ein schwimmendes Kraftwerk aus Hamburg für den Weltmarkt

In Hamburg baut Siemens ein schwimmendes Kraftwerk zusammen.

In Hamburg baut Siemens ein schwimmendes Kraftwerk zusammen.

Foto: Michael Rauhe / Michael Rauhe / FUNKE Foto Services

Das Niedrigwasser der Elbe schadet dem Hafen, weil weniger Ladung per Fluss kommt. Jetzt profitiert die Stadt vom Wassermangel.

Hamburg. Die Maschinenkonstruktion ist fast fertig. Die Isolierverkleidung für die große Dampfturbine fehlt noch, dann geht es daran, den Stahlkoloss zu verpacken, der in den vergangenen Monaten in einer Montagehalle in Hamburgs äußerstem Südwesten gebaut wurde. Hier, auf dem Gelände der ehemaligen Neuenfelder Maschinenfabrik, geschieht ein spannendes Stück Industriegeschichte: Der Siemens-Konzern hat hier ein schwimmendes Gaskraftwerk bauen lassen. Der Technologiekonzern will mit einem neuen Produkt den Weltmarkt erobern, und Hamburg spielt dabei eine entscheidende Rolle.

Am Rand der Halle stehen zwei Männer, auf deren Schultern im Moment alles ruht. Mit gelben Warnwesten ausgestattet, schauen sie dem emsigen Treiben in der Halle zu, brummeln vor sich hin und wirken bei all der Verantwortung dennoch ruhig: Ralf Holtz und Habbo Stark. Holtz ist bei der Energiesparte von Siemens angestellt und der Verantwortliche für die Montage des Kraftwerks. Stark ist Geschäftsführer der Firma Este Project Service (EPS), die sich als Logistikdienstleister um die Bereitstellung der Komponenten und den Transport kümmert. Beide wissen, dass ihnen ein schwerer Teil ihrer Aufgabe noch bevorsteht, nämlich die 400 Tonnen schwere Kraftwerkskonstruktion auf Tiefladern aus der Halle zu bringen und im Hamburger Hafen auf ein großes Seeschiff zu verladen. Denn in der Hansestadt wird das schwimmende Kraftwerk nie in Betrieb gehen, sondern am anderen Ende der Welt, auf den Antillen.

Mit dem Binnenschiff können schwere Komponenten nicht nach Hamburg gebracht werden

Aber warum wird es dann hier gebaut? Grund ist die Elbe, die seit Jahren immer weniger Wasser aus Tschechien mit sich führt. Dadurch wird es Binnenschiffen erschwert, besonders schwere Industriegüter in den Seehafen zu transportieren. Die 100 Tonnen schwere Turbine, Herzstück des Kraftwerks, kommt aus Görlitz, dem zentralen Standort zum Bau von Industriedampfturbinen der Siemens AG. In der Vergangenheit wurden die Komponenten aus Görlitz im Siemens-Werk in Dresden zusammenmontiert und dann per Binnenschiff die Elbe hinab transportiert. „Doch seit der Fluss weniger Wasser mit sich führt, ist das nicht mehr möglich,“ sagt Holtz. Jetzt kommen die Einzelteile aus Görlitz per Lkw nach Hamburg und werden hier zusammengebaut.

Dass Hamburg jetzt Standort zum Kraftwerksbau wird, ist auch dem Dienstleister EPS zu verdanken. Der kleine Betrieb mit vier Mitarbeitern hat sich 2015 gegründet, auf dem Gelände der Pella Sietas Werft, zu der die benachbarte Neuenfelder Maschinenfabrik gehört hatte. 2012 war die Werft mit ihrer Maschinenbautochter in die Insolvenz gerutscht. „Damals hatte die Werft kaum Aufträge und konnte uns Stell- und Produktionsflächen untervermieten“, erinnert sich Stark. Er war Spezialist für die Logistik von Unterseekabeln. EPS macht inzwischen aber alles rund um den Hafen: Projektlogistik, Schwergutverladung, Kommissionierung und das Packen von Containern, aber auch Stahlbauarbeiten, wobei der kleine Betrieb von Pella Sietas unterstützt wird.

Kraftwerk soll Strom für Santo Domingo produzieren

Als auf der Werft die Aufträge wieder flossen, zog EPS in die benachbarte Neuenfelder Maschinenfabrik um. Dass dem kleinen Betrieb das Niedrigwasser der Elbe einmal einen Standortvorteil verschaffen wird, hat Geschäftsführer Stark kaum voraussehen können. „Vielleicht hatten wir das im Hinterkopf. Dass aber so ein großer Auftrag dabei herauskommt, hatten wir nicht gedacht.“ Anfangs habe es Bedenken gegeben, ob man EPS mit so einem großen Projekt beauftragen könne. Den Ausschlag, gab, dass das Unternehmen neben der Logistik auch im Stahlbau aktiv ist. So wurde der 25 Meter lange und 7 Meter breite Rahmen um die eigentlichen Kraftwerkskomponenten herum bei Pella Sietas zusammengeschweißt.

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„Logistisch ist das schon eine Herausforderung“, sagt Holtz. Er und Stark wissen, wovon sie sprechen. Beide haben ihr Berufsleben in der Seefahrt begonnen, Stark sogar mit Kapitänspatent. Jetzt geben sie ihr Wissen an Land weiter und erklären, was es mit dem Kraftwerk auf sich hat: Es wird nach Singapur verschifft und dort zusammen mit anderen Komponenten auf einem großen Ponton montiert. Das dann fertige Kraftwerk wird von seinem künftigen Betreiber, dem Stromerzeuger Transcontinental Capital Corporation mit Hauptsitz auf den Bermudas, abgenommen. Dann wird der Ponton übers Meer gezogen und zu seinem Bestimmungsort gebracht – einer Kaianlage in Santo Domingo. Dort wird es ans Gasnetz angeschlossen und mit einer Leistung von 145 Megawatt Strom für die Hauptstadt der Dominikanischen Republik produzieren.

Prototyp für neue Produktserie von Siemens

Dabei handelt es sich um ein kombiniertes Gas- und Dampfturbinen (GuD)-Kraftwerk, einer Spezialität des Siemens-Konzerns. GuD haben von allen herkömmlichen Kraftwerksarten den höchsten Wirkungsgrad, weil die Abwärme, die beim Betrieb der Gasturbinen entsteht, nicht verloren geht. Sie wird dazu genutzt, Dampf zu erzeugen, der dann eine weitere Turbine antreibt. Die Technik ist also bekannt. Siemens betritt dennoch Neuland, weil der Konzern mit der schwimmenden Alternative eine neue Produktserie startet. „Schwimmende Kraftwerke werden derzeit auf der Welt immer mehr nachgefragt. Sie sind schnell und kostengünstig installiert, flexibel einsetzbar und viel leichter zu warten als Kraftwerksbauten an Land“, erklärt Holtz.

So hoffen beide, er und Stark, dass die schwimmende Alternative nur der erste Bau in einer langen Serie ist. „Damit können sich für Hamburgs Wirtschaft völlig neue Perspektiven eröffnen“, sagt Stark.