Gesetzentwurf

Neue Regeln für Passbilder: Fotografen in Sorge

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Heiner Schmidt
Christian Anhalt (r.) und sein Mitarbeiter Alexander Weber im Fotostudio Anhalt am Rödingsmarkt. Passbilder sind für die Firma eine wichtige Einnahmequelle.

Christian Anhalt (r.) und sein Mitarbeiter Alexander Weber im Fotostudio Anhalt am Rödingsmarkt. Passbilder sind für die Firma eine wichtige Einnahmequelle.

Foto: Michael Rauhe / HA

Innenministerium plant neues Gesetz für Passbilder. Warum das zu großer Zukunftsangst bei Fotografen auch in Hamburg führt.

Hamburg. Christian Anhalt hat derzeit gute Gründe, sich mindestens Gedanken, eher aber Sorgen, um seine berufliche Zukunft zu machen. Der Inhaber des Fotostudios Anhalt am Rödingsmarkt ist ein klassischer Porträtfotograf mit eigenem Studio. Er bietet auch Beauty- und Aktfotografie an oder fotografiert bei Hochzeiten. Eine seiner Haupteinnahmequellen ist weniger glamourös: Es sind die Bilder für Pässe und Ausweise. „Sie machen einen großen Teil des Umsatzes aus“, sagt Anhalt.

Doch dieser Teil seines Geschäfts ist jetzt zumindest ernstlich in Gefahr. Wenn es nach dem Willen des Bundesinnenministeriums geht, sollen Passbilder künftig nur noch „unter Aufsicht der Behörden“ aufgenommen werden. So jedenfalls steht es in einem Referentenentwurf aus dem Ministerium. Dass Kunden ihre Passfotos mit aufs Amt bringen, wäre dann nicht mehr möglich. „Wenn das so zum Gesetz wird, sähe es für uns sehr düster aus. Wir wären unserer Zukunft beraubt“, sagt der Fotograf, der sein Fachgeschäft in der Altstadt mit einem Angestellten betreibt.

Handelsverbände schlagen Alarm

Auch der Handelsverband Deutschland (HDE) und der Handelsverband Technik (BVT) sind alarmiert von dem Vorschlag aus dem Haus von Innenminister Horst Seehofer (CSU). „Die Herstellung von biometrisch korrekten Fotos – zum Beispiel im Fotofachhandel – zur Aufnahme in den Ausweis wäre dann de facto nicht mehr möglich“, warnen die beiden Verbände in einem gemeinsamen Brief an den Minister. Die Umsetzung des Plans „würde Millionenumsätze im Handel vernichten“, fürchten die Verbandspräsidenten Josef Sanktjohanser und Frank Schipper. Viele mittelständische Unternehmen seien deshalb nun in ihrer Existenz bedroht.

Das Ministerium will mit dem geplanten „Gesetz zur Stärkung der Sicherheit im Pass- und Ausweiswesen“ eine Sicherheitslücke schließen und Manipulationen verhindern. Denn durch das sogenannte Morphing, das elektronische Verschmelzen mehrere Gesichtsbildern, kann ein neues Gesamtbild künstlich geschaffen werden. Solche gemorphten Passbilder sind laut Medienberichten von deutschen Passämtern bereits akzeptiert worden. Daher solle das Lichtbild künftig „vor Ort unter Aufsicht der Pass- beziehungsweise Ausweisbehörde aufgenommen werden“, so der Entwurf.

Fotograf Christian Anhalt fürchtet nun nicht allein um den Umsatz mit den Passbildern. „Sie sind für uns ein wichtiger Türöffner, der eine hohe Besucherfrequenz im Laden erzeugt“, sagt er. Viele Laufkunden, die zunächst nur wegen neuer Ausweisbilder ins Studio kämen, lernten dessen ganzes Angebot erst dadurch kennen. „Daraus entstehen viele weitere Aufträge für uns, etwa von Unternehmen, die Fotos ihrer Mitarbeiter anfertigen lassen.“ Auch aus Sicht der beiden Handelsverbände ist das ein wichtiger Aspekt. Der Passbildservice sei maßgeblich für eine hohe Kundenfrequenz in den Fotofachgeschäften, betonen sie in dem Brief an den Innenminister.

Fotobranche arbeitet an Alternative

Besonders problematisch sei, dass die Aufnahmen nurmehr unter Aufsicht der Behörden gemacht werden sollten. Nach Ansicht der Verbände könnten die Sicherheitsziele des Ministeriums auch durch eine fälschungssichere Übertragung der Bilderdaten in die Passämter erreicht werden. Die Hersteller von Passbildstationen arbeiteten bereits unter anderem mit dem Bundesamt für die Sicherheit in der Informationstechnik bereits an einem Konzept dafür.

„Das wäre eine gute Lösung“, findet Fotograf Anhalt. Er schätzt, dass es in Hamburg ein knappes Dutzend weiterer Portraitfotografen mit eigenem Studio gibt, die mit einem Geschäftsmodell arbeiten, das seinem ähnelt – und von den Gesetzesplänen ebenso betroffen sind. Große Fotostudioketten wie Studioline aus Kiel, die allein in Hamburg zwölf Filialen betreibt und in allen großen Einkaufszentren vertreten ist, oder PicturePeople (drei Filialen in Hamburg) sind es aber auch.

244.000 neue Ausweise und Pässe pro Jahr in Hamburg

In Hamburg wurden 2018 immerhin knapp 193.000 Personalausweise und mehr als 151.000 Reise- und Kinderreisepässe neu beantragt. Das ist in 19 Kundenzentren, einem Infomobil sowie in drei Filialen der Haspa möglich. Und schon heute wird ein Teil des Geschäfts mit den Passbildern dort gemacht. Denn bis auf das Kundenzentrum Alstertal stehen dort überall Passbildautomaten. Es sind ganz überwiegend sogenannte digitale Biometriestationen. Sie übermitteln die Passfotodaten und auch Fingerabdrücke direkt an die Sachbearbeiter – Manipulationen der Fotos sind so nicht möglich. Allerdings ist die Nutzung der Automaten freiwillig, Kunden dürfen weiterhin Bilder mit aufs Amt bringen.

Thomas Peters, der Obermeister der Hamburger Fotografen-Innung, sieht die Unternehmen vor ähnlich großen Herausforderungen wie beim Siegeszug der Digitalfotografie ab Anfang der 1990er-Jahre oder wie bei der Einführung biometrischer Passbilder vor einem Jahrzehnt. „Die Unternehmen werden so clever sein, sich frühzeitig mit Alternativlösungen zu beschäftigen“, ist er überzeugt. In der Herausforderung liege auch eine Chance für Fotografen, die sich auf neue Anforderungen einstellten.

Ministerium plant Gnadenfrist

Aus Sicht des Innenministeriums ist eine Übertragung von Bilddaten aus einem Fotostudio in die Passbehörde aber keine mögliche Alternative. Man setze eine Empfehlung der EU um und diese empfehle eine Fotoerstellung „im Aufsichtskreis von Behörden“, sagte ein Ministeriumssprecher dem Abendblatt auf Anfrage. Wenn das Passbild weiterhin ins Amt mitgebracht werden könne, sei mit einem Vertrauensverlust in das Lichtbild zu rechnen.

Derzeit können die Verbände der betroffenen Branchen Stellungnahmen zu dem Gesetzentwurf abgeben. Er wird später noch mit anderen Ministerien abgestimmt, bevor sich Bundesregierung und Bundestag mit dem Thema beschäftigen. Wann das Gesetz frühestens in Kraft treten könne, sei nicht abzusehen, sagte der Ministeriumssprecher. In ihm sei aber eine zweijährige Übergangszeit vorgesehen. Fotograf Christian Anhalt bleibt noch eine Gnadenfrist, bis er womöglich keine Passbilder mehr fotografieren darf.

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