Prognose

Hamburger Banken: DAX soll nach Kursrallye auch 2020 zulegen

Der DAX soll 2020 weiter steigen

Der DAX soll 2020 weiter steigen

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Aktienhändler sehen Börsenindex in einem Jahr bei bis zu 14.666 Punkten. Experten über Gründe, Hindernisse und Empfehlungen.

Hamburg.  Zum zweiten Mal in Folge lagen die Experten mit ihren Prognosen deutlich daneben: Nachdem Bankenanalysten die Börsenentwicklung des Jahres 2018 vorab viel zu optimistisch eingeschätzt hatten, trauten sie vor zwölf Monaten dem Deutschen Aktienindex (DAX) zum Jahresende 2019 im Mittel nur einen Endstand von 12.431 Punkten zu. Dass ein Kursplus von 26 Prozent auf rund 13.400 Zähler herauskommen könnte, hatte kaum jemand erwartet. Aus Hamburger Sicht besonders erfreulich: Der HASPAX, der Index der norddeutschen Titel, legte um spekta­kuläre 47 Prozent zu. Eine herausragende Wertentwicklung zeigten Anteilsscheine der Reederei Hapag-Lloyd, die sich um rund 240 Prozent verteuerten. Gute Nachrichten über höhere Transportmengen und verbesserte Frachtraten lockten offenbar viele Anleger.

Der HASPAX dürfte aber nicht zuletzt davon profitiert haben, dass er keine Automobilwerte und als einzige Bankenaktie ausgerechnet die der Quickborner Onlinebank Comdirect enthält, deren Kurs von der angekündigten Übernahme durch den Mutterkonzern Commerzbank hochgetrieben wurde. Beide Sektoren – die Autoindustrie und die Banken – hatten 2019 mit heftigem Gegenwind zu kämpfen.

Prognose: Zinsen werden nicht spürbar steigen

Vor diesem Hintergrund sei das kräftige DAX-Plus um so erstaunlicher, denn gerade Aktien dieser beiden Wirtschaftszweige seien im DAX hoch gewichtet, sagt Carsten Mumm, Chefvolkswirt des Bankhauses Donner & Reuschel mit Sitz in Hamburg und München. „Die Aktienmärkte haben in diesem Jahr positiv überrascht“, meint auch Klaus Naeve, Leiter Wealth Management Hamburg bei Berenberg. Allerdings sei dies „teilweise auch eine Korrektur der negativen Übertreibung des Jahres 2018.“

Zudem sei angesichts der Nullzinspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) wieder mehr Geld in die Aktienmärkte geflossen – „und das dürfte so bleiben, denn die EZB hat klargemacht, dass die Zinsen innerhalb der nächsten Jahre nicht spürbar steigen werden“, so Naeve. Auch Bernd Schimmer, Chef-Investmentstratege der Haspa, sieht in den Entscheidungen der Währungshüter, die 2018 eigentlich eine allmähliche Normalisierung der Zinssituation angekündigt hatten und dann eine Kehrtwende vollführten, die wesentliche Ursache der DAX-Entwicklung: „Die Unternehmensgewinne sind gar nicht deutlich weiter gestiegen. Aber durch das Übermaß an Liquidität durch die wieder extrem lockere Geldpolitik wurden alle möglichen Belastungsfaktoren überkompensiert.“

Brexit gilt als Unsicherheitsfaktor

Für Naeve steht fest, „dass die Aktienkurse schon sehr viel vorweggenommen haben – zumal manche Unsicherheit geblieben ist.“ Das gilt unter anderem für die Folgen des bevorstehenden EU-Austritts der Briten sowie für den Fortgang des Handelskonflikts zwischen den USA und China. „Auf dem jetzt erreichten Niveau des deutschen Aktienmarkts sind positive Ausgänge diverser Unsicherheitsfaktoren schon eingepreist“, findet auch Mumm. So sei „noch in keiner Weise geklärt, wie die Handelsbeziehungen zwischen der EU und Großbritannien künftig aussehen werden.“

Etliche Wertpapierexperten setzen auf aktienkursstützende Effekte im Vorfeld der Präsidentschaftswahl in den USA im Herbst. „Donald Trump wird mit Blick auf die anstehende Wahl alles tun, den US-Aktienmarkt weiter nach oben zu jonglieren“, sagt Mumm. Björn Göppel, persönlich haftender Gesellschafter des Hamburger Bankhauses Goyer & Göppel, sieht das differenziert: „Der US-Präsident wird jede politische Maßnahme so treffen, dass sich die Chancen auf seine Wiederwahl verbessern. Es ist aber schwer abzuschätzen, was aus Sicht von Trump der richtige Kurs für seine Kernwählerschaft ist – und was für US-Unternehmen gut ist, muss nicht auch für deutsche Firmen gut sein.“

Hektik auf den Aktienmärkten wird bleiben

Auch wenn das für Außenstehende nicht unbedingt so ausgesehen habe, sei das Jahr 2019 für die Menschen, die sich um die Aktienanlage kümmern, „extrem schwierig“ gewesen, ergänzt Göppel: „Die Märkte haben äußerst heftig selbst auf kleine Nachrichten reagiert – auch auf solche, die per Twitter aus den USA kommen.“ Göppel ist sicher: „Die Hektik wird bleiben.“

Dabei ist gerade in den ersten Monaten des Jahres 2020 zunächst einmal eine leichte Korrektur drin: „Seit September gehen die Kurse wie an der Schnur gezogen nach oben, doch die anstehenden Unternehmenszahlen zum vierten Quartal 2019 könnten Enttäuschungen enthalten“, sagt Carsten Klude, Chefvolkswirt des Hamburger Privatbankhauses M.M. Warburg & CO. Carsten Mumm von Donner & Reuschel erwartet, dass sich der DAX im kommenden Jahr in einer Bandbreite zwischen 12.000 und 14.500 Punkten bewegt, „wobei Schwächephasen eher im ersten Halbjahr auftreten dürften“.

Zum Jahresende 2020 sehen vier der sechs Hamburger Banken den DAX bei 14.000 Zählern, nur knapp darunter liegt die Prognose von Berenberg. Besonders optimistisch ist man bei der Otto M. Schröder Bank, die den deutschen Standardwerteindex zum nächsten Jahres­ultimo auf 14.666 Punkte veranschlagt. Eine Dividendenrendite von im Schnitt knapp drei Prozent sei ein starkes Argument, meint Torsten Johannsen, Direktor bei der Schröder-Bank: „Bei etlichen großen Anlegern wie den Versorgungswerken laufen ältere, noch vergleichsweise gut verzinste Anleihen aus, das Geld muss aber wieder neu angelegt werden – und die Aktienquoten vieler dieser Investoren sind bisher noch niedrig.“ Auch nach Auffassung von Björn Göppel gibt es kaum Alternativen zur Aktie: „Auf risikoarme Anlagen gibt es kaum Zinsen, auf risikofreie Anlagen zahlt man sogar Negativzinsen.“

Die Auswahl aussichtsreicher Einzeltitel wird wichtiger

Haspa-Stratege Schimmer hält es für sinnvoll, etwas stärker als bisher auf Industriewerte zu setzen: „Diese Titel dürften profitieren, falls Regierungen ein Investitionsprogramm zur Konjunkturstärkung starten.“ Selbst bei unsicheren Wirtschaftsaussichten seien Internet-Unternehmen unverändert attraktiv: „Die Digitalisierung kennt keine Rezession.“ Allerdings lösten sich klassische Branchengrenzen mehr und mehr auf, merkt Carsten Mumm an: „So investieren Autohersteller heute sehr stark in die künstliche Intelligenz, um das autonome Fahren ermöglichen zu können.“ Auch nach Einschätzung von Naeve verliert eine Branchenbetrachtung derzeit an Bedeutung: „Nachdem der Aufschwung nun schon zehn Jahre anhält, kommt es immer stärker darauf an, aussichtsreiche Einzeltitel zu finden – das sogenannte Stockpicking wird wichtiger.“ Berenberg suche nach Unternehmen, die von Trends wie etwa der Automatisierung profitieren. „Auch einzelne Firmen aus der Medizintechnik versprechen längerfristiges Wachstum“, so Naeve. „Schwellenländeraktien halten wir ebenfalls für interessant, dabei setzen wir aber eher auf Fonds, um breiter aufgestellt zu sein.“ Warburg-Chefvolkswirt Klude rät dazu, Aktien aus Großbritannien stärker betonen, weil die Regierung in London nach dem Brexit ein „Fiskalpaket“ auflegen und zudem der Wert des Pfund steigen könnte.

Torsten Johannsen hält es für wahrscheinlich, dass Versorger wie E.on von der Energiewende profitieren. Die Aktie des Hamburger Telekommunikationsanbieters Freenet sei unter Dividendengesichtspunkten interessant, während der Kurs von ProSiebenSat.1 durch Übernahmefantasie beflügelt werden könne. Und schließlich hat Johannsen noch einen der Verlierer des Börsenjahres 2019 im Visier: „Jungheinrich ist auf dem jetzigen Kursniveau wieder attraktiv.“