Luftfahrt

Bei Airbus arbeiten 14.000 Menschen aus 80 Nationen

Fünf Airbus-Mitarbeiter aus fünf Nationen (von links): Ahmet Kiryaman, Stefan Myung-Won Lee, Nadine Harrison, Asad Kagozi und Berenice Erendira Ortiz Alfaro

Fünf Airbus-Mitarbeiter aus fünf Nationen (von links): Ahmet Kiryaman, Stefan Myung-Won Lee, Nadine Harrison, Asad Kagozi und Berenice Erendira Ortiz Alfaro

Foto: Roland Magunia

Der Flugzeugbauer in Hamburg setzt auf Multi-Kulti. Das Abendblatt sprach mit vier Mitarbeitern über ihren Weg nach Deutschland.

Hamburg.  Es ist eine Ehre, die nur wenige Menschen erlangen. Der erste Kanzler der Bundesrepublik gehört dazu. Getauft auf den Namen „Konrad Adenauer“ fliegt ein A340 für die Flugbereitschaft der Bundeswehr Regierungsmitglieder durch die Welt. Die in Altona lebende Berenice Eréndira Ortiz Alfaro ist wohl vielen Hamburgern unbekannt. In ihrer Heimat hat es die Airbus-Mitarbeiterin aber zu einer Ehre à la Adenauer gebracht.

Die mexikanische Fluglinie Volaris benannte ihren ersten A320neo nach der 41-Jährigen. Weil der Volaris-Chef so begeistert von ihr und der Arbeit des Teams in Hamburg gewesen sein soll, das das Flugzeug gebaut hat. Die „Berenice“ fliegt von Mexiko-Stadt vor allem das Ferienparadies Cancun und die US-Grenzstadt Tijuana an. „Das macht mich schon stolz“, sagt Ortiz Alfaro.

Vor 16 Jahren kam die Mexikanerin nach Hamburg und vertritt heute eine von mehr als 80 Nationen im 14.000 Mitarbeiter zählenden Werk. Wahrscheinlich dürften gut 20 verschiedene Sprachen auf Finkenwerder gesprochen werden. „Airbus ist ein Multikulti-Unternehmen“, sagt Nadine Harrison, die nationale Leiterin für Inklusion und Vielfalt des Konzerns ist: „Schließlich sind wir als internationales Team geboren.“

Wegen des Fachkräftemangels muss Airbus internationaler werden

Der Flugzeugbauer wurde vor 50 Jahren unter Federführung der deutschen und französischen Regierung geschmiedet, die Keimzellen waren mehrere nationale Firmen. Heute gehören auch England und Spanien zu den Kernländern des Unternehmens. „Aufgrund des Fachkräftemangels wissen wir, dass wir künftig internationaler werden müssen“, sagt Harrison und will Personal in Zukunft auch in fernen Ländern rekrutieren. Aber wie ist das, wenn man zum Arbeiten nach Deutschland kommt? Das Abendblatt sprach mit vier Beschäftigten mit ausländischen Wurzeln über ihren Weg in die Bundesrepublik, ihre Erlebnisse und die Zusammenarbeit unterschiedlicher Nationalitäten.

Ortiz Alfaro studierte Maschinenbau. Ins Ausland habe es sie schon immer gezogen, um neue Kulturen kennenzulernen. „Mein Vater ist ein großer Airbus-Fan. Er hat gesagt: ,Bewirb dich dort‘“, sagt die Ingenieurin. Sie kümmerte sich um ein Stipendium und setzte sich wie 27 andere unter 500 Bewerbern durch. Nach einem Deutsch-Crashkurs in der Heimat ging es über den Atlantik. Drei Monate Sprachkurs in Marburg. Ortiz Alfaro: „Dann fängst du an, deutsch zu träumen, zu essen und zu leben.“

Einen Umweg musste Asad Kagozi in Kauf nehmen. „Als Kind war ich schon immer fasziniert von der Luftfahrt – aber in meiner Heimat Bangladesch gibt es diese Industrie nicht“, sagt der 46-Jährige. Ein Studium in Westeuropa konnte er sich nicht leisten, aber in der Ukraine ging es. Er kam ohne Sprachkenntnisse, lernte Russisch und schloss sein Studium als Luft- und Raumfahrtingenieur ab. 1998 erhielt er ein Stipendium und ging mit seiner Frau – einer Ukrainerin – in die Bundesrepublik. „Deutsch ist ganz anders als Russisch und meine Heimatsprache Bengalisch.

Die Sprache ist für viele Einwanderer eine große Hürde

Aber ich war sehr motiviert und sprach nach 1,5 bis zwei Jahren die Sprache ganz gut“, sagt Kagozi. Die Sprache ist für viele Einwanderer eine große Hürde. Teilweise sprechen sie auch nach Jahren oder Jahrzehnten nur wenige Wörter. Bei dem Airbus-Quartett ist das anders. Alle sprechen fließend Deutsch – obwohl sie es beruflich nicht unbedingt müssten. Bei dem europäischen Konzern ist Englisch die Hauptsprache, die jeweilige Landessprache am Standort die Zweitsprache. „Die Sprache ist bei Airbus kein Problem“, sagt Kagozi und erhält zustimmende Blicke.

„Wenn man drei Sprachen gleichzeitig umsetzen muss, ist das allerdings komplex“, sagt Ahmet Kiryaman. Der 43-Jährige kam 1998 aus der Türkei nach Hamburg. Nach seinem Maschinenbaustudium in Istanbul machte der Ingenieur an der TU Harburg ein Mechatronik-Aufbaustudium – auf Englisch. „Nach ein bis eineinhalb Jahren konnte ich auf Deutsch etwa 80 Prozent von dem, was ich heute kann“, sagt Kiryaman. Er schrieb seine Diplom-Arbeit bei Airbus und lernte seine Frau – eine Dithmarscherin – kennen. Wenn das Paar Besuch aus der Türkei bekommt, dann spricht er mit den Freunden Türkisch, seine Frau mit den Freunden Englisch und er mit seiner Frau Deutsch – für das Gehirn eine Herausforderung.

Das Ankommen in Deutschland hätten ihm die Kollegen leicht gemacht. „Ich bin sehr offen aufgenommen worden“, sagt Kiryaman. „Es dauert ein bisschen länger, bis das Eis gebrochen ist ...“, ergänzt Ortiz Alfaro. „… aber dann ist es nachhaltiger“, beendet Kiryaman den Satz. Viele seiner Freunde habe er bei der Arbeit kennengelernt. Kurz nach seinem Berufsstart bei Airbus stand die Weihnachtsfeier an, bei der meist Alkohol fließt – Konfliktpotenzial für den Muslim? Nein, sagt Kiryaman. Er sei gebürtiger Muslim, glaube auch an Gott und mache manchmal den Ramadan mit – die strenge Auslegung mit Alkoholverbot und mehrmals am Tag beten gen Mekka lebe er aber nicht.

Das gilt auch für Kagozi, der sich ebenfalls als gebürtiger Muslim bezeichnet, der den Ritualen nicht folgt: „Für mich ist das, was zählt, der Mensch. ,Sei ein guter Mensch, egal welchen Glauben du hast‘, ist das Motto, das mein Vater mir mitgab.“ Ortiz Alfaro springt ihm bei: „Der Mensch steht an erster Stelle.“ Auch Stefan Myung-Won Lee sieht es ähnlich: „Die Werte und der Mensch stehen im Vordergrund, nicht eine Religion. Die Deutschen zeigen grundsätzlich viel Respekt.“

Kagozi lobt die Sicherheit und die saubere Umwelt in Deutschland

Lee nimmt in dem Quartett eine Sonderrolle ein. Seine Eltern sind in den 70er-Jahren aus Südkorea nach Deutschland gekommen und lernten sich hier kennen. Er wurde in Hamburg geboren, sprach aber bis zu seinem fünften Lebensjahr nur Koreanisch. „Deutsch habe ich mir selber beigebracht“, sagt der 42-Jährige, dessen Vater bei der Lufthansa war. Die Familie sei vom Luftfahrtvirus infiziert, sein Bruder und seine Schwester arbeiten hierzulande in der Branche.

Der Flugzeugbau-Ingenieur ist mit einer Koreanerin verheiratet, studierte und arbeitete in dem Land und versucht die nationale Kultur seinen Kindern zu vermitteln. Jedes Jahr steht für den Niendorfer mit Familie ein Heimatbesuch an. „Meine Schwiegermutter erschreckte sich anfangs immer, wenn ich mehrere Wochen am Stück in Südkorea war, und fragte: ,Bist du entlassen worden?‘“ So lange Urlaub nehmen sei in Korea sehr unüblich. „Die Work-Life-Balance ist in Deutschland sehr gut“, sagt Lee und erntet Zustimmung aus der Runde.

Auch das Arbeitsklima stimme. Hier sei es okay, wenn ein Lehrling mal einen Fehler mache – das sei in Korea anders, sagt Lee, der als Key Account Manager für die strategische Planung von Produktion und Werken zuständig ist. Die Sicherheit im Land und die saubere Umwelt lobt Kagozi. Die Deutschen seien zurückhaltend und ehrlich, stünden für Qualität, Ordnung, Genauigkeit und Disziplin, sagt Ortiz Alfaro. Wenn in der Vorschrift steht, dass ein Deutscher einen Knopf drücken solle, dann mache er das. „Wir sind da ein bisschen anders, probieren Sachen erst einmal aus“, sagt sie.

In Puebla studierte sie vis-a-vis zum Volkswagen-Werk und sammelte schon vor vielen Jahren Erfahrungen mit Deutschen – ein Ereignis habe die Bundesrepublik nachhaltig verändert, sozialer und offener gemacht. „Die Deutschen haben sich durch die Fußball-WM 2006 transformiert“, sagt die Mexikanerin und erhält einhellig Unterstützung. Deutschland sei ein Super-Gastgeber gewesen, sagt Kagozi, der im Bereich Finanzen die Kostenschätzung für alle Flugzeug- und Entwicklungsprogramme macht. „Die Emotionen sind so richtig rausgekommen. Das war ein Ausnahmezustand“, sagt Kiryaman. Für Lee kam auf gesunde Art und Weise der Nationalstolz zurück.

Das Erstarken der AfD ist beunruhigend

Für problematisch hält er hingegen den seit der Flüchtlingswelle zunehmenden Rechtspopulismus – auch wenn er und seine Familie persönlich keine negativen Erfahrungen gemacht hätten. Besonders das Erstarken der AfD beunruhige, sagt Lee und befürchtet, „das alles, was ,anders/fremd‘ ist, als schlecht wahrgenommen werden könnte.“ Die Übergriffe auf Flüchtlinge und Flüchtlingsheime und aufkommender Fremdenhass habe ihn sehr nachdenklich gemacht.

Rechtspopulistischen Aktionen hätten „gute Reaktionen aus der Bevölkerung wie die Willkommensaktion für Flüchtlinge am Münchner Hauptbahnhof gegenübergestanden“, findet Kiryaman: „Gut zu sehen.“ Der Populismus müsse verhindert werden, sagt Ortiz Alfaro. Sie habe es aber noch nicht erlebt, dass einer „Geh nach Hause“ oder „Du bist hier nicht willkommen“ zu ihr sagt. „Ich erlebe Respekt, Toleranz und sehe viel Empathie und Liebe.“

Allerdings müssten sich die Deutschen generell mehr an Veränderungen gewöhnen, sagt Ortiz Alfaro – auch die eigene Mobilität betreffend. Die Teamleiterin im Bereich Quality kehrte selbst erst im Mai nach einem längeren Frankreich-Aufenthalt nach Finkenwerder zurück. Dort hatte sie zufällig Kagozi getroffen, der auch vier Jahre in Toulouse war, und man verabredete sich spontan zum Abendessen. „Unsere Mitarbeiter sollen sich bewegen, zwischen den Standorten wechseln.

Vielfalt fördert Kreativität und Innovationen“, sagt Harrison, die übrigens Französin mit deutschem Vater ist und somit einen eigenen Multikulti-Hintergrund hat. Das Unternehmen bietet Unterstützung bei der Wohnungssuche, Sprachkurse (auch für Partner) und interkulturelle Kommunikationskurse. Denn selbst zwischen europäischen Nachbarländern gebe es großen Aufklärungsbedarf über das Verhalten. Geholfen werde zudem bei der Beschaffung von Visa und Arbeitserlaubnissen sowie bei der Eröffnung von Bankkonten. Maklergebühren von Mietwohnungen werden übernommen.

Airbus – bald mit einem Werk in Bangladesch?

Die große Überraschung war für die Einwanderer, die mittlerweile alle die deutsche Staatsbürgerschaft haben und damit nicht mehr zu den neun Prozent Ausländern im Werk auf Finkenwerder zählen, übrigens der Straßenverkehr. „Autofahrer, Radfahrer und Fußgänger haben einen Tunnelblick, wenn sie an der Ampel grün haben. Sie fahren und gehen los, weil sie sich kollektiv auf die Regeln verlassen“, sagt Kiryaman, der in Iserbrook lebt. „In Bangladesch kannst du das vergessen“, wirft der Luruper Kagozi ein und lacht. Auch Ortiz Alfaro lobt die Disziplin im Straßenverkehr.

Kiryaman ergänzt, dass seine Kinder in der Kita schon einen Verkehrsführerschein gemacht hätten. „Verkehrserziehung ist Teil des Bildungssystems – das finde ich gut.“ Wenn bestimmte Regeln eingehalten werden, dann laufe es in einem Land rund. Für den heute in der Systementwicklung der A320-Familie arbeitenden Ingenieur war eine der größten Umstellungen übrigens die kurzen Wintertage. Er kam damals im September nach Deutschland. „Einige Wochen später war es nachmittags um halb vier dunkel“, sagt der im Süden des Landes aufgewachsene Türke. „Dafür war es im Sommer um halb elf immer noch hell – das genieße ich seitdem sehr.“ Wieder gibt es Zustimmung in der Runde.

Ihre Wurzeln haben die vier übrigens nie gekappt. Einmal im Jahr geht es möglichst für drei Wochen zurück in die Heimat. Familie und Freunde treffen, den Kindern die Heimat zeigen, Urlaub machen. Am Anfang sei er überrascht gewesen, dass die Kollegen schon ein Jahr im Voraus ihre Ferien planen, sagt Kiryaman: „Jetzt mache ich das selber so.“

Kagozi erfüllt bei seinen Reisen eine karitative Mission. Seit zwei Jahren sammelt er privat „mit Kumpels“ Geld, um Rollstühle für Behinderte in Bangladesch zu kaufen. Sein Wunsch für Weihnachten: den 20. Rollstuhl zu übergeben. Und dann gibt es noch einen längerfristigen Wunsch, den er mit einem Lachen intoniert: „Airbus hat noch kein Werk in Bangladesch – vielleicht ja bald mit mir.“