Finanzen

Wie Roboter für Hamburger das Geld anlegen

Bei den sogenannten Robo-Advisors handelt es sich nicht um Roboter im engeren Sinn, sondern um Computerprogramme (Symbolfoto).

Bei den sogenannten Robo-Advisors handelt es sich nicht um Roboter im engeren Sinn, sondern um Computerprogramme (Symbolfoto).

Foto: picture alliance

Banken versprechen sich von den digitalen Experten zusätzliche Kunden. Auch die Haspa mischt hier mit.

Hamburg.  Roboter mähen inzwischen den Rasen oder saugen Staub. Die nützlichen Helfer im Haushalt gibt es jetzt auch noch in einer anderen Variante: Roboter für die Geldanlage. Sie ähneln aber im Aussehen keinem Bankberater, sondern sind lediglich Computerprogramme, die Geld nach bestimmten Algorithmen verwalten. Ob Hamburger Sparkasse, Genossenschaftsbank, Großbank oder Privatbanken wie M.M. Warburg & CO: Kaum ein Geldinstitut will auf die digitalen Helfer verzichten.

Da die Anlageroboter bequem vom Sofa aus per Tablet oder Notebook bedient werden können, hoffen die Geldinstitute neue Zielgruppen zu erreichen. „Die digitale Vermögensverwaltung wird in allen Kundensegmenten in Zukunft immer mehr an Bedeutung gewinnen“, sagt Christiane Wichmann, Expertin für Kapitalanlagen bei der Haspa. Bisher war diese Form der Geldanlage vermögenden Kunden vorbehalten.

Der Markt wächst rasant

Der Markt wächst rasant. Rund 40 Anlageroboter oder Robo-Advisors, wie sie auf Englisch heißen, gibt es inzwischen in Deutschland. Selbst vermögende Familien wie die BMW-Erben Quandt steigen in dieses Segment ein. So gehört der Robo-Advisor Liqid unter anderem zum Vermögensverwalter HQ Trust, den die Familie Quandt besitzt und der über 15 Milliarden Euro verwaltet. „HQ-Trust verfügt über eine Expertise und über Ressourcen, die wir als Start-up nicht alleine bereitstellen können“, sagt Liqid-Chef Christian Schneider-Sickert. Die Partnerschaft sorge auch für viel Vertrauen bei den Kunden.

Allerdings müssen seine Kunden mindestens 100.000 Euro anlegen. Das ist ungewöhnlich viel Geld für einen Robo-Advisor. Bei den Genossenschaftsbanken kann man schon ab 500 Euro oder bei der Haspa ab 1000 Euro in den Anlageroboter einsteigen (siehe Grafik). Ende 2018 verwalteten die Anlageroboter in Deutschland Kundengelder im Volumen von rund 2,8 Milliarden Euro, geht aus einer Studie der Beratungsgesellschaft Oliver Wyman hervor. Für 2019 gehen Experten von einem Anstieg auf fünf bis sechs Milliarden Euro aus. An Kapital fehlt es nicht. Allein knapp zweieinhalb Billionen Euro liegen in Deutschland fast unverzinst auf Konten.

Hohe Zinsen locken

Die Zinspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) spielt den neuen Anbietern in die Karten. Auch wenn nach der jüngsten Sitzung der EZB weitere Zinssenkungen, die auf eine Erhöhung des Strafzinses für die Banken hinauslaufen, in den September verschoben wurden, wird sich die Lage für Sparer noch verschärfen. „Mit traditionellen Anlageformen wie einem Sparbuch ist im derzeitigen Zinsumfeld kein Werterhalt und schon gar kein Vermögensaufbau möglich“, sagt Christian Jasperneite, Chefanlagestratege der Warburg Bank. Allein im ersten Halbjahr 2019 haben die deutschen Sparer 15,9 Milliarden Euro an Wertverlust erlitten, weil die Zinsen für die Anlage deutlich niedriger als die Inflationsrate sind, rechnet die Comdirect Bank vor. „Die EZB zementiert ihre extrem lockere Geldpolitik“, sagt Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank.

Diese Entwicklung dürfte immer mehr Sparer veranlassen, sich an anderen Anlagen zu versuchen. Bevor der Anlageroboter ein Depot zusammenstellt, muss der Kunde eine Reihe von Fragen beantworten, um Anlageziele und Risikobereitschaft herauszufinden. Erst nach rund zehn bis 15 Minuten machen die Anlageroboter einen Depotvorschlag, den der Anleger dann prüfen kann. Eine gründliche Finanzanalyse mit Angaben zu Einkommen und den ständigen Ausgaben wird allerdings meist durch die Abfrage eines frei verfügbaren Geldbetrages ersetzt.

Der Warburg Navigator, „Robin“ von der Deutschen Bank und Scalable Capital arbeiten dabei recht präzise mit detaillierten Fragen, was jedoch den Nutzer auch viel Zeit kostet. Schnell und präzise kommt der Nutzer bei Liqid zu einem Anlagevorschlag und sieht auch eine Prognose, wie sich sein Kapital entwickeln kann. Jeder Anlageroboter ermöglicht mehrere Anlagestrategien. Vier sind das Minimum, weil es aus Sicht der Finanzbranche mindestens vier verschiedene Anlegertypen gibt: Vom ganz konservativen bis hin zum spekulativ orientierten Kunden. Die zugeordneten Anlagestrategien unterscheiden sich vor allem durch die Höhe des Aktienanteils. Je größer die Risikobereitschaft des Kunden, desto höher fällt der Anteil an Dividendenpapieren aus. So kann man etwa beim Anlageroboter der Haspa bevestor Aktienquoten von 25, 50, 65 oder 90 Prozent wählen. Bevestor ist eine hundertprozentige Tochter der DekaBank.

Bis zu 1,45 Prozent Gebühren werden pro Jahr fällig

Bei allen Gemeinsamkeiten gibt es doch deutliche Unterschiede zwischen den Anlagerobotern. „Die Wege zur Vermögensanlage sind zwar digital gestaltet, aber einen Roboter, der Anlageentscheidungen trifft, gibt es bei uns nicht“, sagt Jasperneite. Darum fließen regelmäßig Einschätzungen des Vermögensverwaltungsteams von M.M. Warburg in das Rechenmodell des Anlageroboters ein. Der digitale Kunde wünsche in bestimmten Situationen den persönlichen Kontakt mit einem Kundenbetreuer, sagt Jasperneite. Auch bei der Sutor Bank entscheiden letztlich Menschen über die Anlageentscheidungen. Bei der Haspa können die Anleger zu den Basisanlagen in sechs Themeninvestments wie Nachhaltigkeit oder Infrastruktur investieren. „Mit modernsten mathematischen Methoden berechnen die Anlageexperten welche Zusammenstellung für die Kundendepots aktuell am besten geeignet ist“, sagt Anlageexpertin Wichmann.

Die Auswahl der Anlageprodukte übernehmen die Anbieter entsprechend der Risikobereitschaft des Kunden. Bei der Deutschen Bank und ihrem Anlageroboter Robin erhält jeder Kunde ein individuelles Portfolio mit Wertpapieren entsprechend seinem Anlageziel. Musterdepots werden nicht verwendet. Die meisten Anbieter favorisieren kostengünstige ETF-Fonds, die einen Börsen- oder Anleiheindex wie den DAX abbilden und sich genau wie dieser entwickeln. Der Warburg-Navigator und Liqid setzen auch aktiv von Managern verwaltete Investmentfonds ein, die aber höhere Kosten haben. Wichtig für eine solide Vermögensverwaltung ist, dass neben den klassischen Anlagen Aktien und Anleihen noch andere Anlageklassen wie Rohstoffe, Edelmetalle oder Immobilien eingesetzt werden können, so wie etwa beim Marktführer Scalable, der mit der Direktbank ING kooperiert. Zu den Vorteilen einer Vermögensverwaltung gehört, dass das einmal gewählte Depot überwacht und ausbalanciert wird, ohne dass sich der Kunde kümmern muss.

Die Kunden sollten genau hinschauen

Das hat seinen Preis: Für den Service einer digitalen Vermögensverwaltung zahlt man eine jährliche Gebühr auf das angelegte Kapital zwischen 0,60 Prozent (Visualvest) und 1,45 Prozent (Liqid). Das ist in der Regel günstiger als eine konventionelle Vermögensverwaltung, die mindestens 1,5 Prozent verlangt. Die Anlageroboter werden von der Finanzaufsicht BaFin überwacht. Mit dem Geld der Kunden, das wie die Anlagen bei einer Depotbank verwahrt wird, kommen die Anbieter nicht direkt in Kontakt, führen aber Käufe und Verkäufe für die Kundendepots aus. Selbst bei einer Insolvenz des Anbieters ist das Geld der Kunden nicht betroffen.

Nur einige Anbieter können bisher auf eine Wertentwicklung von drei Jahren vorweisen, weil sie schon so lange aktiv sind. Kürzere Zeiträume sind für eine Vermögensverwaltung kaum aussagekräftig. Danach können Liquid und die Sutor Bank mit rund 15 Prozent auf die höchste Wertentwicklung in diesem Zeitraum verweisen. Maßstab ist dabei ein Depot mit 50 Prozent Aktien.

Das größte Problem für die Kunden ist die Vielzahl der Anbieter. Denn nicht alle werden sich am Markt behaupten. „Die Margen sind zu gering, als dass 30 oder mehr Anbieter in Deutschland profitabel arbeiten können“, sagt Jasperneite. Kunden sollten bei bankenunabhängigen Robotern auf große Anbieter setzen. Doch selbst bei Banken sind Kunden nicht vor einem Anbieterwechsel sicher. Zunächst kooperierte die Haspa mit dem Anbieter Investify, an dem sie sich auch finanziell beteiligen wollte. Seit Ende 2018 setzt die Sparkasse auf den Deka-Ableger bevestor. „Mit Investify war nur ein Test“, sagt ein Haspa-Sprecher.