Hamburg

Warum Handelskammer-Chefin Christi Degen aufgibt

Christi Degen, Hauptgeschäftsführerin der Hamdelskammer Hamburg

Christi Degen, Hauptgeschäftsführerin der Hamdelskammer Hamburg

Foto: Klaus Bodig / Klaus Bodig / HA

Die Hauptgeschäftsführerin legt ihr Amt deutlich vor Vertragsende nieder. Beginnt jetzt eine neue Abfindungsdebatte?

Hamburg. Wochenlang hat die Hauptgeschäftsführerin der Handelskammer, Christi Degen, mit dem Präsidium über eine vorzeitige Auflösung ihres Vertrags verhandelt. Am Donnerstag stand dann eine Vereinbarung, die am Freitag offiziell verkündet wurde: Präsidium und Hauptgeschäftsführerin seien zu dem Entschluss gekommen, ihre Zusammenarbeit mit Wirkung zum 31. Juli 2019 zu beenden, stand in einer Mitteilung der Kammer. Dazu ein kurzer Dank: „Christi Degen konnte in den eineinhalb Jahren ihrer Amtszeit wichtige Impulse setzen.“ Damit endet eine monatelange Auseinandersetzung über Degens Amtsführung, in welcher der Rückhalt für die Rheinländerin zunehmend schwand. Sie selbst war den Anfeindungen immer nüchtern begegnet. Schließlich läuft ihr Vertrag eigentlich bis Ende November 2020.

Noch im Abendblatt-Interview Anfang dieses Monats hatte Degen ihren Rücktritt ausgeschlossen. Stattdessen sprach sie über ihre Zukunftspläne mit der Handelskammer. Zu dem Zeitpunkt stand bereits ein gegen sie gerichteter Misstrauensantrag im Plenum im Raum. Dass das Ende nun so schnell kam, ist damit erklärt, dass sich das notorisch zerstrittene Präsidium zumindest in dieser Frage einig war. Die Entscheidung über die Trennung von Degen sei einstimmig gefallen, erfuhr das Abendblatt.

Ein Teil der ehemaligen Kammerrebellen hatte lange gegen eine Ablösung der Hauptgeschäftsführerin plädiert. So warnte Präsidiumsmitglied Kai Elmendorf noch im Mai im Gespräch mit dem Abendblatt, dass bei einer Entlassung Degens die Kammer handlungsunfähig würde. Auch Elmendorf stimmte nun für die Vertragsbeendigung: „Die Gefahr der Handlungsunfähigkeit ist dadurch gebannt, dass eine interimistische Führungslösung gefunden wurde“, sagte er am Freitag. Denn auch das stand in der Mitteilung: Der Bereichsleiter der Berufsbildung in der Handelskammer, Armin Grams, soll als Stellvertreter vorübergehend die Geschäfte führen. Diese Personalie will das Präsidium dem Plenum in seiner Juli-Sitzung vorschlagen. Wenn sich dann im Frühjahr 2020 nach den Kammerwahlen ein neues Plenum bildet, könne dieses einen festen Hauptgeschäftsführer berufen.

Degen bekommt Projekte nicht durchgesetzt

Degen selbst machte aus ihrer Enttäuschung keinen Hehl: „Ich bin mit der Absicht zur Modernisierung der Handelskammer und Reform der Organisationsstrukturen angetreten. Mit der derzeitigen Konstellation in der Handelskammer ist dies nicht umsetzbar.“

Tatsächlich hatte das Plenum eine Reihe von Degens Projekten vom Tisch gewischt. Zunächst änderte das ehrenamtliche Gremium seinen Sparkurs, den Degen umzusetzen hatte, dann das Projekt zur Reorganisation der Handelskammer, die deutlich verschlankt und abgespeckt werden sollte. Degen trieb beides voran – und wurde im vollen Lauf gestoppt. Dabei traf sie sogar auf heftige Kritik aus dem Personalrat der Kammer, also von Kollegen aus ihrem eigenen Mitarbeiterstamm.

Der Personalrat hatte zuvor den Mitarbeiterabbau heftig kritisiert und in einem Schreiben an Bürgermeister Peter Tschentscher und die zuständige Kammeraufsicht, die Wirtschaftsbehörde, davor gewarnt, dass die Kammer ihre hoheitlichen Aufgaben aufgrund der Personalausdünnung nicht mehr voll wahrnehmen könne. Die Wirtschaftsbehörde hielt sich am Freitag mit einer Stellungnahme zurück: „Als Aufsichtsbehörde beobachten wir die Vorgänge aufmerksam. Im Augenblick handelt es sich um eine interne Angelegenheit der Handelskammer“, sagte eine Behördensprecherin dem Abendblatt.

Kammer will erneute Abfindungsdebatte vermeiden

Der ehemalige Wirtschaftssenator Frank Horch (parteilos), der früher selbst Präses der Handelskammer gewesen war, wies die Schuld für die jüngste Entwicklung den Kammerrebellen zu: Er sei erschüttert über die aktuellen Entwicklungen. „Wenn ich mir anschaue, was die sogenannten Rebellen in nur gut zwei Jahren aus der Hamburger Handelskammer mit ihrer mehr als 350-jährigen Tradition gemacht haben – das macht mich traurig, nachdenklich und wütend.“ Man müsse sich fragen, was von dem einst angekündigten Modernisierungsprozess übrig geblieben sei. Horch appellierte an alle haupt- und ehrenamtlichen Beschäftigten der Handelskammer, sich weiterhin dafür einzusetzen, dass die Institution am Adolphsplatz wieder – wie früher – zur wichtigsten Stimme der Wirtschaft wird.

Was die Beendigung des Arbeitsverhältnisses mit Degen im Einzelnen vorsieht und ob ihr eine Abfindung für den vorzeitigen Amtsverzicht gezahlt wird, wollte die Kammer – entgegen ihrem eigenen Transparenzversprechen – am Freitag nicht bekannt geben. „Zu einzelnen Bestandteilen der Einigung äußern wir uns zu diesem Zeitpunkt nicht“, sagte eine Sprecherin.

Eine neue Abfindungsdebatte wollen die ehemaligen Kammerrebellen nämlich vermeiden. Die letzte haben sie im Oktober 2018 geführt. Damals ging es um die Vertragsauflösung der Kammergeschäftsführerin Corinna Nienstedt, die für ihr Ausscheiden eine zusätzliche Abfindung in Höhe von 33.000 Euro erhalten hatte. Ausgehandelt hatte die Einigung übrigens Christi Degen. Das Präsidium fühlte sich dabei übergangen. Die Auseinandersetzung führte zu den ersten Rissen im gegenseitigen Verhältnis. Zum offenen Bruch kam es vor wenigen Wochen, als Degen dem Präsidium in einem Brief vorwarf, dass es sie als Zugezogene nicht in die Hamburger Netzwerke eingeführt habe. Zuletzt hatte sie sich allerdings mit vielen Unternehmern außerhalb der Kammer besser verstanden als mit denen innerhalb.