Geldanlage

Warum Mittelstandsanleihen für Anleger riskant sein können

Mit Mittelstandsanleihen finanzieren sich mittelständische Unternehmen über den Kapitalmarkt.

Mit Mittelstandsanleihen finanzieren sich mittelständische Unternehmen über den Kapitalmarkt.

Foto: Matthias Balk / dpa

Nach zahlreichen Pleiten wollen Firmen mit Mittelstandsanleihen bei Anlegern Vertrauen zurückgewinnen. Doch es bleiben hohe Risiken.

Hamburg. Ein bekannter Markenname, ein Zins von mehr als vier Prozent und ein bisschen Werbung in den einschlägigen Fachmedien – mehr brauchte es nicht, um die Anleger zu elektrisieren. Die Anleger waren bereit, dem Süßwarenhersteller Katjes fast doppelt so viel Geld anzuvertrauen, wie das Unternehmen sich auf dem Anleihemarkt beschaffen wollte.

Denn das Unternehmen verzinst die Papiere mit 4,25 Prozent bei einer fünfjährigen Laufzeit. Siebenmal mehr als ein fünfjähriger Sparbrief , der im Schnitt 0,60 Prozent verzinst wird. Aufgrund der großen Nachfrage stockte Katjes die geplante Anleihe über 100 Millionen Euro noch um zehn Millionen Euro auf.

Anleger, die trotzdem nicht zum Zuge kamen, haben weitere Chancen auf überdurchschnittliche Renditen. Denn rund ein Dutzend Neuemissionen sogenannter Mittelstandsanleihen sind gegenwärtig angekündigt. Allerdings: Viele Insolvenzen in der Vergangenheit zeigen, dass Anleger mit solchen Anleihen auch erhebliche Risiken eingehen. Wie sicher sind die Papiere?; Wie entwickelt sich der Markt?; Was müssen Privatanleger beachten? Unsere Redaktion sprach mit Experten und beantwortet die wichtigsten Fragen.

Was sind Mittelstandsanleihen?

Mit solchen Papieren finanzieren sich mittelständische Unternehmen über den Kapitalmarkt. Das Emissionsvolumen liegt üblicherweise zwischen 15 und 200 Millionen Euro. Die Laufzeit der Wertpapiere beträgt in der Regel fünf Jahre und sie sind mit einen festen Zinssatz ausgestattet. Die Stückelung der Papiere liegt bei 1000 Euro, um sie auch Privatanlegern zugängig zu machen.

Mit dem Geld der Anleger werden meist ältere Anleihen abgelöst oder Projekte und Akquisitionen finanziert. Angesichts ihres geringen Volumens kann der Handel mit Mittelstandsanleihen über die Börse eingeschränkt und die Spanne zwischen Kauf- und Verkaufskurs sehr groß sein.

Manche Papiere werden gar nicht an der Börse gehandelt. Eine Unternehmensanleihe bietet den Firmen viel mehr Freiheit als ein Bankkredit. „Für die Kredite müssen Sicherheiten gestellt werden und die Bank will laufend Kennzahlen aus dem Unternehmen haben“, sagt Jürgen Kurz von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). „Für eine Anleihe müssen dagegen keine Sicherheiten gestellt werden.“


Wie groß ist der Markt, wie hoch sind die Zinsen?
Im vergangenen Jahr gab es 35 Neuemissionen mit einem Volumen von 1,1 Milliarden Euro. In Boomzeiten wie 2013 waren es mehr als drei Milliarden. 43 Prozent der Unternehmen, die Anleihen ausgeben, sind in der Immobilienbranche tätig. Auf der Internetplattform www.bondguide.de werden mehr als 130 Anleihen mit Laufzeit, Kurs und Rendite notiert.

Allerdings sind darunter auch Papiere von Firmen, die wie Air Berlin schon Insolvenz angemeldet haben. Zumeist bewegen sich die Renditen zwischen knapp drei und acht Prozent. Die durchschnittliche Verzinsung betrug 2018 rund fünf Prozent. Tendenz sinkend. Insgesamt lag das Emissionsvolumina der Anleihen vorwiegend bei bis zu 30 Millionen Euro 54 Prozent der 2018 ausgegebenen Anleihen fielen in dieses Segment. Nur elf Prozent der Emissionen beliefen sich auf mehr als 100 Millionen Euro, ergab eine Studie der Beratungsgesellschaft IR.on AG.


Wie hat sich der Markt entwickelt?

Bisher war der Markt von Pleiten und Skandalen gekennzeichnet. Der anfänglichen Euphorie der Anleger folgte schnell die Ernüchterung. Die Investoren verloren zwischen 2012 und 2017 mehr als 2,7 Milliarden Euro, weil sie Anleihen von Unternehmen gekauft hatten, die später Insolvenz anmelden mussten.

Mehr als 50 Anleiheausfälle wurden in diesem Zeitraum registriert. Die Anleger setzten vor allem auf große Namen wie die Hamburger Reederei Rickmers oder den Agrarkonzern KTG mit seiner Tochtergesellschaft KTG Energie. Alle drei Unternehmen zusammen hatten sich bei den Anlegern knapp 670 Millionen Euro geliehen. Von dem Geld werden die Investoren kaum etwas zurückbekommen.

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Doch Experten sehen jetzt einen Wandel und Neuanfang. „Der Markt hat sich deutlich erholt“, sagt Florian Kirchmann von IR.on. Das zweite Jahr in Folge steigt die Zahl der Anleiheemissionen. „Auch das Volumen aller Anleihen nimmt deutlich zu. Gleichzeitig sind die Investoren kritischer geworden und auch die Banken gehen selektiver vor bei den Unternehmen, für die sie Anleihen emittieren“, sagt Kirchmann.

Im vergangenen Jahr gab es nur noch drei Ausfälle. „Anders als vor fünf bis sechs Jahren als noch die Privatanleger dominierten, sind es jetzt vor allem institutionelle Anleger wie Pensionskassen, Banken und Vermögensverwalter, die in diesen Markt investieren“, sagt Patrick Weiden, Bereichsleiter Kapitalmarkt beim Bankhaus Lampe. „Die Anleihe von Katjes war bereits nach einer Stunde überzeichnet. Das zeigt, wie groß die Nachfrage nach Qualitätsanleihen ist.“

Nach eigenen Angaben ist das Bankhaus Lampe die einzige im Markt aktive Bank, die keinerlei Ausfälle bei von ihr organisierten Unternehmensanleihen zu verzeichnen hat. „Ich erwarte, dass sich der Markt weiter professionalisiert. Davon kann auch der Privatanleger profitieren, denn die institutionellen Anleger prüfen die Anleihe-Emissionen sehr gründlich“, sagt Weiden.


Was müssen Privatanleger beachten?
„Das ist kein Markt für unbedarfte Anleger. Sie müssen sich schon sehr detailliert mit den Unternehmen beschäftigen“, sagt Anlegerschützer Kurz. „Allein auf einen bekannten Markennamen sollte die Kaufentscheidung nicht gestützt werden.“ Das ist in der Vergangenheit schon schiefgegangen. Die hohen Zinsen spiegeln auch das Risiko wider. Das zeigt ein Vergleich mit Anleihen von Unternehmen aus dem Deutschen Aktienindex (DAX).

Eine knapp sechs Jahre laufende Anleihe von Daimler hat gerade einmal einen Zinssatz von 0,875 Prozent. Experte Kirchmann sieht Unternehmen im Vorteil, die Anleihen bereits erfolgreich zurückgezahlt haben, die an der Börse notiert und mit Transparenzpflichten vertraut sind. Weitere Kriterien für eine Kaufentscheidung seien die Nachfrage und die Kursentwicklung der Anleihe.

Ein Kurs von mehr als 100 Prozent zeigt eine hohe Nachfrage, in deren Folge die Rendite unter den Zinssatz der Anleihe sinkt. Schlecht ist, wenn es den Unternehmen nicht gelingt, die Anleihe voll zu platzieren, also die Nachfrage der Anleger geringer ist als die Geldsumme, die die Firma einsammeln wollte. Entscheidend ist auch, für was das Kapital verwendet werden soll. „Denn die Zinsen müssen auch erwirtschaftet werden“, sagt Kurz.

Bei Katjes wurde das Kapital vorrangig zur Ablösung einer alten, höher verzinsten Anleihe genutzt. Auch das verschafft der Firma einen höheren finanziellen Spielraum, „aber überzeugender ist für die Anleger, wenn mit den Mitteln neues Wachstum generiert wird“, sagt Kurz.

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Wie risikoreich ist ein Investment für Privatanleger?
Eine Mittelstandsanleihen bleibt ein risikoreiches Investment. „Grundsätzlich besteht immer die Gefahr, dass das Unternehmen die versprochenen Zinsen nicht bedienen kann und in der Folge häufig auch das Kapital nicht zurückgezahlt werden kann“, sagt Kerstin Becker Eiselen von der Verbraucherzentrale Hamburg. So war es etwa bei der Hamburger KTG Agrar. „Wir raten zur Vorsicht. Unerfahrene Anleger sollten auf jeden Fall die Finger von Mittelstandsanleihen lassen“, rät die Verbraucherschützerin.

„Allenfalls können diese Anleihen als Beimischung in einem größeren Depot dienen, wenn sich der Anleger damit auskennt“, sagt auch Anlegerschützer Kurz. Dann sollte das Geld aber auf mehrere Anleihen von Unternehmen aus unterschiedlichen Branchen verteilt werden. Eine Alternative ist der deutsche Mittelstandsanleihen Fonds, der eine größere Streuung der Anleihen erreicht und ein eigenes Analyseverfahren zur Bewertung der Papiere entwickelt hat. Der Fonds, der über die Börse erworben werden kann, verspricht eine jährliche Rendite zwischen vier und fünf Prozent.

Es besteht immer Gefahr, dass das Unternehmendie Zinsen nicht bedienen und das Kapital nichtzurückgezahlt werden kann
Kerstin Becker-Eiselen, Verbraucherzentrale Hamburg