Nahrungsergänzungsmittel

Wundermittel CBD? Cannabis wird für Händler zum grünen Gold

Mit einer eigens entwickelten Erntemaschine erntet ein Landwirt Cannabis im sächsischen Naundorf.

Mit einer eigens entwickelten Erntemaschine erntet ein Landwirt Cannabis im sächsischen Naundorf.

Foto: dpa Picture-Alliance / Jan Woitas / picture alliance/dpa

Der Cannabis-Stoff CBD soll bei Ängsten, Schmerzen und Schlafproblemen helfen. Der Markt wächst rasant. Was steckt hinter dem Hype?

Berlin.  Ein neues Produkt lässt sich am besten mit einer guten Story verkaufen. Die Geschichte, mit der Mario ­Eimuth erklärt, warum er jetzt Hanföl verkauft, hat das Zeug, einen Kassenschlager hervorzubringen. Sie handelt von Krankheit, Schmerz, schließlich von Erlösung.

Und sie geht so: Nach einer misslungenen Operation an den Bandscheiben war ein guter Freund des Unternehmers auf Schmerzmittel angewiesen. „Die hat er ganz schlecht vertragen.“ Dann hat ihm sein Arzt eine Cannabis-Therapie verschrieben. Und siehe da – alles besser.

„Kaum mehr Schmerzen hat der jetzt.“ Und: „Sogar Sport kann der wieder machen.“ Da wurde Eimuth klar: Cannabis – das ist doch eine gute Sache, daraus muss man was machen.

Hanföl wird als Heilmittel gehypt

Eimuths Start-up Adrexpharma zehrt von dem Heilsversprechen der Cannabis-Pflanze. Adrexpharma verkauft kein Medizin-Cannabis, sondern einen Stoff aus der Cannabis-Pflanze: Cannabidiol, kurz CBD.

Das Hanföl wird derzeit als Heilmittel gehypt, das nahezu jedes Gesundheitsleiden unserer gestressten westlichen Gesellschaft lindern kann: Schlafprobleme, Schmerzen, Entzündungen, Depressionen, Pickel. CBD ist genau wie THC (der Wirkstoff im Medizin-Cannabis) Bestandteil der Cannabis-Pflanze.

Aber anders als das THC löst das Hanfextrakt CBD keinen Rausch aus – und ist deshalb auch frei verkäuflich. Meist wird CBD in Öl- oder in Kapselform verkauft – übers Internet, in Drogerien oder in Apotheken. Drei Tropfen von dem Öl unter der Zunge sollen schon etwas bewirken.

Jennifer Aniston oder Gwyneth ­Paltrow schwören auf CBD

In den USA schwören Stars wie die Schauspielerinnen Jennifer Aniston oder Gwyneth ­Paltrow auf CBD. „Das hilft mir bei Stress und Angst“, sagte Aniston neulich dem Magazin „Us Weekly“. Auch in Deutschland steigt die Nachfrage und die Zahl der Unternehmen, die das Hanföl herstellen, rasant – und das, obwohl die Wirkung wissenschaftlich noch kaum bewiesen ist.

Der Münchner Unternehmer Eimuth war eigentlich mal Modehändler. 2004 hat er den Online-Shop Stylebop gegründet und war damals der erste Online-Händler Deutschlands mit Designermode im Sortiment.

Jetzt verkauft Eimuth CBD-Öle. Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun, außer dass Eimuth wieder mal Gespür für ein boomendes Geschäft bewiesen hat. Adrexpharma klingt nach Arznei und Arztpraxis. Verschreibungspflichtig ist aber nichts von dem, was das Unternehmen mit Sitz in Koblenz verkauft.

CBD-Öle gelten als Nahrungsergänzungsmittel

CBD-Öle werden unter dem Stichwort Nahrungsergänzungsmittel vermarktet. Deshalb darf Adrexpharma auch nicht mit einem Heilversprechen werben.

Wer sich auf der Internetseite über die Produkte informieren will, der sieht zunächst eine Warnung: „Wir möchten deutlich darauf hinweisen, dass zum heutigen Zeitpunkt das therapeutische Potenzial von Cannabidiol noch weitgehend unerforscht ist.“ Dann der Hinweis auf eine US-Studie, die positive Effekte bei der Behandlung von Kinder-Epilepsie durch CBD festgestellt hat.

Es ist verrückt. Die Forschung steht erst am Anfang – und dennoch scheint der CBD-Hype grenzenlos. Der Arzt Franjo Grotenhermen hat es trotz dünner Beweislage geschafft, zahlreiche Bücher zum Thema zu füllen. In seiner Praxis verschreibt er schon seit Jahren Medizin-Cannabis – etwa an Krebs­patienten. Aber auch von CBD ist Grotenhermen überzeugt.

Gewinnmargen von über 100 Prozent

„Vor allem als Stimmungsaufheller wirkt es gut.“ Doch auch bei Epilepsie, Schizophrenie und Angstzuständen beobachtet er bei seinen Patienten gute Ergebnisse. Den Hype sieht Grotenhermen aber auch kritisch: Dass Hanföl auch Schmerzmittel ersetzen könnte, hält er für übertrieben. Generell werde CBD „häufig überschätzt“.

Buntbarsche düngen Marihuana-Plantage

Den Herstellern kann das nur recht sein: Adrexpharma verzeichnet eine „zweistellig prozentual steigende monatliche Nachfrage“, sagt Eimuth. Was das nun für Umsatz und Gewinn bedeutet, muss man sich selbst zusammenreimen.

Es dürfte eine schöne Summe sein, denn billig sind die Hanföle nicht. Ein kleines Fläschchen mit einem zehnprozentigen CBD-Anteil kostet über 60 Euro. Der Arzt Grotenhermen schätzt die Gewinnmargen vieler Verkäufer auf weit über 100 Prozent. Kein Wunder, dass die Anzahl der Anbieter von CBD-Ölen in den vergangenen Monaten rasant gestiegen ist.

CBD-Markt ist rasch gewachsen

Auch Murad Salameh mischt mit. Er hat vor zwei Jahren das Unternehmen Limucan gegründet. Seit Herbst vergangenen Jahres stehen seine CBD-Öle bei der Drogeriekette dm in den Regalen. „Als wir anfingen, war CBD noch ein Nischenprodukt“, sagt Salameh. Im vergangenen Jahr sei die Nachfrage extrem gestiegen. „Wir haben mittlerweile unzählige Wettbewerber auf dem Markt – und täglich werden es mehr.“

Noch ist der Markt kaum erfasst. Anhaltspunkte liefern Daten der European Industrial Hemp Association, der Interessenvertretung der Hanfbauern in Europa. 2013 wurden europaweit rund 15.700 Hektar mit Indus­triehanf angebaut (wobei nicht alles davon für die Herstellung von CBD-Präparaten verwendet wird), 2016 waren es schon 33.000 Hektar.

Anders als der streng kontrollierte Medizinhanf, der bislang für den deutschen Markt nur aus den Niederlanden und Kanada bezogen werden darf, wird der Industriehanf mit minimalem THC-Gehalt, aus dem die CBD-Öle hergestellt werden, in ganz Europa angebaut – auch in Deutschland.

Viele CDB-Öle aus den USA minderwertig

Experten gehen davon aus, dass CBD-Präparate, die mit Ölen aus Europa hergestellt werden (wie die Produkte von Adrexpharma und Limucan), auch meist gute Qualität haben und halten, was sie versprechen.

Kritischer sind Öle aus den USA. US-Forscher haben die Qualität von 84 Ölen untersucht. Nur 26 enthielten den auf der Verpackung versprochenen CBD-Wert. Beim Handel mit CBD-Produkten will es Eimuth langfristig nicht belassen. In den kommenden Wochen will er in den Markt mit Medizin-Cannabis einsteigen. Mit der Lockerung des Marktes in Deutschland vor wenigen Jahren dürfte hier der nächste Milliardenmarkt warten.