Hamburg

Volkswirte: Deutschland ist WM-Favorit

Die meisten Bank-Ökonomen glauben an die Titelverteidigung. Die Berechnung der Chancen erfolgt nach komplexen Methoden

Hamburg.  In ihrem Tagesgeschäft, der Prognose von ökonomischen Wachstumsdaten, Börsentendenzen und Zinssätzen, sind sich Bankvolkswirte selten einig. Doch mittlerweile ist es schon Tradition. dass viele der Ökonomen ihre Vorhersagemodelle im Vorfeld einer Fußballweltmeisterschaft auch auf den voraussichtlichen sportlichen Verlauf des Turniers anwenden – und in einem Punkt sind sich die Resultate bemerkenswert ähnlich: Deutschlands Nationalelf erreicht demnach praktisch mit Sicherheit das Finale. Mehrheitlich sehen die fachfremden Experten die Mannschaft des DFB sogar als Topfavoriten für den Titel. Einer Umfrage der Nachrichtenagentur Reuters zufolge erwarten 43 von 145 Analysten eine Titelverteidigung der Deutschen, während die Berechnungen von 37 Volkswirten auf einen Sieg Brasiliens im Endspiel am 15. Juli hindeuten.

Vor vier Jahren war Henning Vöpel, Direktor des Hamburgischen WeltWirtschaftsInstituts (HWWI), mit einer eigenen Prognose dabei. Zwar hat er damals auf Brasilien als den künftigen Weltmeister getippt, aber immerhin drei der vier Halbfinalteilnehmer richtig vorhergesehen. Nach Einschätzung von Vöpel sind es nicht zuletzt Marketing-Erwägungen, die derzeit so viele Bankvolkswirte dazu bringen, WM-Prognosen abzugeben: „Jeder weiß, wie groß das öffentliche Interesse an einer Fußballweltmeisterschaft ist.“ Zudem gehe es ja auch um eine „interessante Fragestellung“, findet Vöpel: „Was sind eigentlich die relevanten Faktoren für sportlichen Erfolg?“

Es fällt auf, dass die Prognostiker in der Regel dreistufige Rechenmodelle verwenden. Dabei geht es zunächst darum, jeder der 32 teilnehmenden Mannschaften ein Maß für ihre individuelle Spielstärke zuzuschreiben. Meist greift man dafür auf mehrere verschiedene Elemente zurück, darunter die Spielergebnisse aus vergangenen Turnieren. Diese Resultate werden in Zahlenwerte umgerechnet. Ebenso häufig werden die Transfermarktbewertungen der Spieler berücksichtigt. Eine beliebte „Zutat“ sind darüber hinaus die Wettquoten. „Ähnlich wie in Aktienkursen ist in diesen Quoten alles enthalten, was an Infos und Erwartungen in Bezug auf eine Mannschaft verfügbar ist“, so Vöpel.

In der zweiten Stufe „füttern“ die Volkswirte ihr Modell nun mit Erfahrungswissen. Dazu gehört beispielsweise ein gewisser Heimvorteil des Gastgebers: In den bisher 20 Weltmeisterschaftsturnieren schafften es 13 der Ausrichter-Mannschaften zumindest bis ins Halbfinale – auch wenn diesmal kaum jemand den Russen zutraut, so weit zu kommen. Eine Titelverteidigung dagegen ist statistisch gesehen eher unwahrscheinlich; sie gelang zuletzt im Jahr 1962 den Brasilianern.

Gewissermaßen mit einem Augenzwinkern führt Joachim Klement, der deutsche Chefanalyst der Londoner Investmentgesellschaft Fidante Capital, ein weiteres Beispiel für die Korrektur des Rechenmodells aufgrund menschlicher Einschätzungen an: Als seine Berechnungen vor der WM 2014 einen Halbfinalsieg Brasiliens über Deutschland ergaben, griff Klement ein und drehte das Ergebnis kurz vor dem Spiel um – tatsächlich schlug die DFB-Elf die Brasilianer dann in einem denkwürdigen Spiel mit 7:1 Toren. „Es ist jenes genetisch erworbene Wissen über Fußball, das diese Kombination aus Modell und Volkswirt jedem anderen Modell, das von einem Engländer oder Amerikaner entwickelt wurde, überlegen macht“, schreibt Klement.

Die dritte Stufe der Prognoseprogramme versucht, das zu berücksichtigen, was Vöpel den „unerklärten Rest“ nennt: „In einem Turnierverlauf ist der Einfluss des Zufalls sehr groß, dennoch wird er fast immer unterschätzt.“ Bei der etwa im Vergleich zum Handball geringen Zahl von Toren kann alles davon abhängen, ob ein Schuss an den Innenpfosten in der 92. Minute zum Treffer wird oder eben gerade nicht. Der HWWI-Direktor glaubt daher: „Würde man die WM unter sonst gleichen Bedingungen ein zweites und drittes Mal spielen, stünde am Ende vermutlich jeweils ein anderer Weltmeister.“ Dieses Zufallselement bildet man durch eine Vielzahl von Simulationsdurchläufen des kompletten Spielplans ab.

10.000 virtuelle Weltmeisterschaften 2018 spielte das Programm des Commerzbank-Volkswirts Peter Dixon durch. „In irgendeiner dieser Simulationen könnte durchaus im Finale Saudi-Arabien gegen Panama gewonnen haben“, so Dixon. „Gerade die Tatsache, dass es ein Zufallselement gibt, macht einen Sport wie Fußball so faszinierend.“ Dixons Prognose fällt jedoch am Ende doch wenig überraschend aus: Deutschland hat nach seiner Einschätzung die größte Chance auf den Titel.

Nicht nur 10.000 Simulationsdurchläufe, sondern Millionen davon absolvierte ein Modell von Statistikern der Universitäten Innsbruck und Wien. Als aussichtsreichsten Titelaspiranten sehen die Österreicher allerdings Brasilien – mit hauchdünnem Vorsprung vor Deutschland. Auch die Volkswirte der US-Investmentbank Goldman Sachs, die selbstlernende Programme einsetzten, tippen auf die brasilianische Elf als nächsten Weltmeister. Interessantes Detail dabei: Die Bankexperten sehen für Frankreich zwar etwas höhere Siegchancen als für Deutschland, doch die „Blauen“ träfen im Halbfinale auf Brasilien, womit das Turnier für sie dann zu Ende sei. Joachim Klement von Fidante Capital geht nicht nur mit Humor an die Sache heran, er kommt auch zu überraschenden Prognosen: In der Gruppe A etwa werde sich – neben Russland – entgegen aller Wettquoten nicht etwa Uruguay durchsetzen, sondern der Außenseiter Ägypten. Klements Vorhersage für das Finale: „2:1 für Frankreich gegen Deutschland.“ Und für Henning Vöpel spricht schon die Psychologie dagegen, dass Deutschland den Titel in Russland verteidigen kann: „Jeder weiß, wie schwer es ist, einen solchen Erfolg zu wiederholen.“ Auch Vöpel tippt – ganz ohne Rechenmodell – auf Frankreich als neuen Weltmeister.

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