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So sieht es hinter den Kulissen von Amazon Fresh aus

| Lesedauer: 6 Minuten
Hannes Koch
Amazon Fresh im Test: So funktioniert die Lebensmittel-Bestellung

Amazon Fresh im Test: So funktioniert die Lebensmittel-Bestellung

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Mit dem Lieferdienst Fresh konkurriert Amazon mit den Supermärkten. In einer Berliner Lagerhalle werden die Bestellungen  bearbeitet.

Berlin.  Kalt ist es, minus 21 Grad. Die Mitarbeiterin in der Lagerhalle von Amazon Fresh hat eine rote Nase. Sie trägt eine dicke Winterjacke und Handschuhe. Warm eingepackt macht sie sich auf die Suche nach Tiefkühlpizzen, Frühlingsrollen und Fischstäbchen, die in verschiedenen Regalen lagern. Die Lieferung, die ein Kunde auf der Online-Seite bestellt hat, muss zusammengestellt werden. Nur maximal eine halbe Stunde pro Tag sollen die Beschäftigten in diesem Teil der Halle arbeiten – wegen der Temperaturen. An den Ritzen der Außentür bildet sich Eis.

Nicht nur die Mitarbeiter, auch die Supermarktketten müssen sich warm anziehen. Mit seinem Lieferdienst Fresh, der dieses Jahr gestartet ist, will der Milliarden-Konzern Amazon den angestammten Supermärkten Marktanteile im Verkauf frischer Lebensmittel abjagen. Seit einigen Monaten werden Kunden aus der Hauptstadt, einigen Orten in Brandenburg und in Hamburg von dem Amazon-Logistikzentrum im Berliner Stadtteil Tegel aus beliefert. Tomaten, knackige Möhren, Obst, Eier, Milch, Joghurt – um zwölf Uhr mittags bestellt, um 16.00 Uhr nach Hause geliefert – so geht das Versprechen von Amazon.

Auch die Supermärkte testen das Online-Geschäft

Mehrere Fußballfelder ist die Lagerhalle im Norden Berlins groß. Vor über 100 Jahren fertigte die Firma Borsig auf dem Gelände Dampflokomotiven. Neben den historischen Fabrikgebäuden aus roten Ziegeln und rostigen Stahlträgern stehen heute moderne Hallen wie die von Amazon. An der einen Seite fahren die Container-Lkw der Lebensmittel-Produzenten ran, an der anderem Seite werden die grünen Kühlboxen mit den Bestellungen in kleine Transporter verladen.

Drinnen durchlaufen die Mitarbeiter während eines einzigen Arbeitstages mehrere Temperaturzonen. Da gibt es beispielsweise den tropischen Raum, in dem 15 Grad Celsius herrschen. Bananen, Melonen sowie andere Südfrüchte und Gemüse lagern hier.

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100.000 verschiedene Produkte für Amazon Fresh

In einer weiteren Abteilung für weniger verderbliche Produkte ist es 20 Grad warm. Es regiert die chaotische Lagerhaltung. Ein Prinzip, das Amazon auch in den übrigen Lagerhallen verfolgt. Die Mitarbeiter verstauen die Lebensmittel dort, wo in den langen Regalreihen gerade Platz ist. Scanner, die der Form einer Pistole ähneln, führen die Beschäftigten an den richtigen Ort. Sie wissen alles: Bestellnummern der Kunden, georderte Artikel, Platz in den Regalen. Auspacken, ablegen, zusammenpacken – das Meiste ist Handarbeit, damit Birnen, Joghurtbecher und Oregano-Pflänzchen keinen Schaden nehmen.

„Rund 100.000 verschiedene Produkte für Amazon Fresh lagern hier im Depot“, sagt Stephan Eichenseher, Sprecher von Amazon Deutschland. Die Vielfalt und Auswahl, die die Kunden haben, sei größer als bei manchem Wettbewerber, heißt es vom Konzern. Firmen wie Butter Lindner oder Basic Bio verkaufen ihre Produkte auch über Amazon. Hinzu kommen die übrigen Produkte, denn wer den neuen Service abonniert, kann gleichzeitig im Amazon-Kosmos shoppen: 200.000 unterschiedliche Artikel stehen zur Auswahl.

Auskünfte über den Gewinn gibt der Konzern nicht

„Das insgesamt sehr große Angebot mag aus Sicht mancher Kunden für Amazon sprechen“, sagt Bianca Casertano vom Handelsanalyse-Unternehmen PlanetRetail. Der Service hat
jedoch auch seinen Preis. Wer den Lieferservice nutzen will, muss zunächst Mitglied werden bei Amazon Prime, was 7,99 Euro monatlich kostet. Außerdem ist eine fixe Monatsgebühr von 9,99 Euro fällig. Das Modell unterscheidet sich von den Konkurrenten, die den Lieferdienst meist ohne Abo anbieten.

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Auch die hiesigen Supermarktketten investieren in den Online-Handel mit Lebensmitteln. Bei Marktführer Rewe kann man sich mittlerweile in 75 deutschen Städten Weintrauben, Mozzarella oder frische Gurken nach Hause liefern lassen. Edeka hat unlängst den Bringmeister-Service von Kaiser’s Tengelmann übernommen. Aktiv sind auch die Deutsche Post mit ihrem Online-Markt AllyouneedFresh, sowie Kaufland und Lidl. Wie viele Kunden sich schon von Amazon Gemüse und Obst liefern lassen, wie hoch der Umsatz mit den Bestellungen ist, wie hoch der Gewinn – das gibt der Konzern nicht bekannt.

Mitarbeiter verdienen 1400 brutto monatlich

Analystin Casertano geht allerdings von einem Verlustgeschäft aus: „Noch ist der Online-Handel mit Lebensmitteln in Deutschland nicht rentabel.“ Das gilt auch für die Supermarktketten, die im Online-Handel experimentieren. „Die Unternehmen wollen die Entwicklung des Marktes nicht verpassen“, sagt Casertano.

Wie zukunftsfähig die neu geschaffenen Arbeitsplätze in Berlin also sind, ist unklar. Dort, wo die Sendungen in der Amazon-Lagerhalle zusammengepackt werden, arbeitet ein junger Einwanderer aus Syrien. Vor zwei Jahren ist er aus Damaskus geflüchtet. Mitarbeiter wie er verdienen 10,55 Euro pro Stunde, was etwa auf 1400 brutto monatlich hinausläuft. Für ihn allein reiche das, sagt der Packer. Wenn seine Familie nachzieht, wird das Geld knapp.

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Die Fahrt zum Kunden erledigt die Post-Tochter DHL

Einerseits wird Amazon immer wieder für seine niedrige Bezahlung der Mitarbeiter kritisiert. Andererseits: Der Konzern aus Seattle schafft neue Jobs – in Tegel sind es immerhin rund 200 – für Menschen, die sonst unter anderem wegen mangelnder Qualifikation schlechte Chancen auf dem Arbeitsmarkt hätten.

Der Amazon-Sprecher betont, dass manche Beschäftigte beispielsweise in der Qualitätskontrolle auch mehr verdienen. Hinzu kämen soziale Leistungen wie kostenlose Lebens- und Berufsunfähigkeitsversicherung. Die Gewerkschaft Verdi verlangt jedoch ein Gehalt von mindestens zwölf Euro pro Stunde, außerdem einen Tarifvertrag. Beides lehnt der Konzern ab. „Amazon und die Gewerkschaft passen nicht zusammen“, sagt Eichenseher. „Tarifverträge spiegeln nicht unsere Firmenkultur der Flexibilität.“

Auf dem Weg zu den Kunden werden die Amazon-Kühltaschen jedenfalls von Mitarbeitern transportiert, deren Arbeitsvertrag an einen Tarifvertrag gebunden ist. Diesen Teil des Geschäfts erledigt die DHL.

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