Hamburg

Per Videoschaltung in der Halbzeitpause ein Konto eröffnen

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Steffen Preißler
Frank Stefan Jorga ist Geschäftsführer der Firma WebID Solutions, die Identifizierungssysteme entwickelt

Frank Stefan Jorga ist Geschäftsführer der Firma WebID Solutions, die Identifizierungssysteme entwickelt

Foto: Michael Rauhe

Erste Filialbanken in Hamburg nutzen das neue Verfahren zur Anmeldung bereits. Haspa und Volksbank sind dagegen noch zögerlich.

Hamburg.  Eine neue Bankverbindung kann bei immer mehr Geldinstituten komplett vom heimischen Sofa aus eröffnet werden. Ein Blick des neuen Kunden in die Kamera seines Notebooks oder PC und den Personalausweis in der Hand – viel mehr ist nicht nötig dafür. Geschulte Mitarbeiter in Callcentern übernehmen im Auftrag der Banken die sichere Identifizierung. Innerhalb weniger Minuten ist alles erledigt, wenn es keine technischen Probleme gibt. Der Gang in eine Post- oder Bankfiliale, um seine Identität zu belegen, entfällt.

Kunden erwarten verschiedene Kanäle

Doch es geht nicht nur um mehr Bequemlichkeit für die Kunden. 58 Prozent der Deutschen würden ihr Konto für ein besseres Angebot wechseln, geht aus einer Umfrage der Comdirect hervor. Das Internet erleichtert es Verbrauchern, Angebote zu vergleichen. Banken stellen sich darauf ein, dass Kunden nur einzelne Angebote nachfragen und nicht mehr alle Finanzprodukte von einem Anbieter nutzen. Da liegt es nahe, die Zugangswege zu erleichtern. „Kunden von Filialbanken erwarten heute den Komfort verschiedener Kanäle“, sagt Oliver Mihm, Vorstand der auf den Finanzmarkt spezialisierten Managementberatung Investors Marketing. Außerdem wollen sich Geldinstitute von der Post als alleiniger Fremdanbieter für das traditionelle Postident-Verfahren unabhängig machen. In der Region Hamburg setzen immer mehr Banken auf die neue Technik.

Sparkasse Holstein nutzt neue Technik

Die Sparkasse Holstein, die allein in Hamburg sieben Filialen unterhält, hat jetzt als eine der ersten Sparkassen im Norden diesen zusätzlichen Service eingeführt. „Wir wollen dadurch für Neukunden attraktiver werden“, sagt Hans-Ingo Gerwanski, Sprecher der Sparkasse Holstein. Das neue Verfahren werde sehr gut angenommen, weil der Service den potenziellen Kunden rund um die Uhr zur Verfügung steht. „Auch in der Halbzeitpause kann ein Konto schnell eröffnet werden“, sagt Gerwanski.

Die PSD Bank Nord nutzt das Video-Identverfahren für die Eröffnung von Girokonten. „Wir werden es noch für weitere Produkte ausbauen“, sagt Banksprecher Frank Neitzel. Die Hanseatic Bank wird die Videoidentifizierung im zweiten Quartal 2017 einführen, sagte eine Sprecherin des Instituts. Auch bei der Sparda-Bank Hamburg ist Videoident geplant. Nur die Hamburger Sparkasse und die Hamburger Volksbank prüfen noch im Rahmen ihrer Digitalisierungsstrategie, ob die Kontoeröffnung per Videokonferenz Vorrang hat. „Wegen unseres dichten Filialnetzes sehen wir uns nicht so in Zugzwang“, sagt eine Sprecherin der Haspa.

Jeder dritte Kunde nutzt Videoident

Einer, der den Banken die neuen Zugangswege zu den Kunden ermöglicht, ist der Hamburger Frank Stefan Jorga, Geschäftsführer der Firma WebID­ Solutions, die auch in Hamburg einen Standort hat. Von hier werden die Geschäftskunden betreut. Die Mitarbeiter, die Bankkunden identifizieren, sitzen in Solingen. „Wir waren das weltweit erste Unternehmen, das Videoident für Finanzdienstleister entwickelt und dafür die Genehmigungen der Aufsichtsbehörden bekommen hat“, sagt Jorga. „70 Prozent aller relevanten Banken arbeiten mit uns zusammen.“ Dazu gehört in Hamburg auch Barclaycard. Ob Kreditkarte oder Ratenkredit: „Rund jeder dritte Neukunde nutzt bereits Videoident“, sagt Monika Bloch von Barclaycard. „Das liegt über unseren Erwartungen.“ Bei der DKB Bank, die ebnfalls mit WebID Solutions zusammenarbeitet, sind es bereits 40 Prozent.

Jorga spricht sogar von Nutzungsquoten von 60 bis 70 Prozent bei seinen 110 Kunden. 1,4 Millionen Videoidentifikationen hat die Firma bisher durchgeführt, davon 80 Prozent für Finanzinstitute. Damit ist WebID auch zu einem Konkurrenten für die Deutsche Post geworden, die mit dem Postident-Verfahren in ihren Filialen bisher eine Monopolstellung hatte. Das hat Jorga schon zu spüren bekommen. Am liebsten hätte die Post sein Unternehmen übernommen. „Wir haben auch Gespräche geführt, aber es passte von der Denke nicht“, sagt Jorga.

Streit mit der Post über Videochat-Verfahren

Inzwischen hat die Post ein eigenes Verfahren per Videochat aufgebaut und bietet es den Banken an. „Das Problem ist nur, dass sie unser Verfahren 1:1 übernommen haben, obwohl es patentiert ist“, wirft Jorga der Post vor. Er sei erstaunt, mit welcher Vehemenz die Deutsche Post versuche, die Unternehmen, die solche Verfahren anbieten, auszubremsen. „Stattdessen würden wir lieber gemeinsam neue Digitalmodelle entwickeln“, sagt Jorga.

Anwälte sind eingeschaltet, der Ausgang des Streits offen. „Es gibt klare Vorgaben von der Finanzaufsicht zu dem Verfahren, deshalb ist es aus unserer Sicht nicht patentierbar“, sagt ein Sprecher der Post, die die Vorwürfe von Jorga zurückweist. „Auch die Sparkassen haben eine eigene Videoident-Einheit aufgebaut“, sagt Mihm. „Die Genossenschaftsbanken kooperieren mit dem Anbieter IDnow wie auch die Commerzbank.“

Wenige Banken haben sich im vergangenen Jahr wieder von WebID abgewendet. Jorga vermutet, dass die Post hier ihr Monopol beim Postident-Verfahren ausnutzt und aus dieser Stellung heraus unzulässige Rabatte für Videoident anbietet. Die Post weist das zurück. So wickelt die ING-DiBa nur noch einen kleinen Teil ihrer Videoidentifizierungen mit WebID ab. „Wir haben festgestellt, dass es besser ist, das herkömmliche und neue Verfahren bei einem Unternehmen zu bündeln“, sagt Alexander Baumgart von der ING-DiBa. Gleichzeitig wächst der Markt.

Standort Hamburg soll ausgebaut werden

Der Standort Hamburg von WebID soll in diesem Jahr ausgebaut werden. Die Zahl der Mitarbeiter soll von 15 auf 40 steigen. Denn Jorga sieht noch viele andere Anwendungsbereiche außerhalb der Banken. „Ob Versicherungen, Prepaid-Handys oder Carsharing, das sind alles Produkte, die sich online ordern lassen aber auch eine sichere Identifizierung voraussetzen“, sagt Jorga.

Doch nicht alle Banken sind zufrieden. Innerhalb von drei Jahren gelang der ING-DiBa eine Verdoppelung bei der Nutzung des Videoident-Verfahrens auf 20 Prozent. „Die Deutschen sind doch sehr konservativ“, sagt Baumgart. In Polen oder der Türkei habe sich die neue Technik schneller verbreitet.

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