Hamburg

„Gutes Börsenjahr 2017? Da bin ich skeptisch“

Der Chef der Hamburger Börse, Thomas Ledermann, im Abendblatt-Gespräch über die Chancen und Risiken beim Kauf von Aktien

Hamburg.  Aktionäre brauchten in diesem Jahr wieder einmal starke Nerven: Nach einem Absturz von 2000 Punkten im Januar und Februar, dem schlechtesten Start in seiner Geschichte, kämpfte sich der Deutsche Aktienindex (DAX) unter kräftigen Schwankungen wieder nach oben. Erst im Oktober notierte er erstmals höher als zu Jahresbeginn. Privatanleger jedoch sind verunsichert. Am morgigen Sonnabend können sie sich auf dem 21. Börsentag in Hamburg über Investitionsmöglichkeiten in Zeiten des Niedrigzinses informieren. Das Abendblatt sprach darüber mit Thomas Ledermann, dem Geschäftsführer der Hanseatischen Wertpapierbörse Hamburg.

Seit 2012 hat der deutsche Aktienmarkt in jedem Jahr zugelegt, und es sieht derzeit danach aus, als setze sich die Aufwärtstendenz bis in das nächste Jahr hinein fort. Aber sind auch die Privatanleger mit dabei?

Thomas Ledermann: Sie halten sich stärker zurück, als wir uns das wünschen. Privatanleger scheinen es trotz der Nullzinspolitik der Notenbanken vorzuziehen, ihr Geld auf Tagesgeld- oder Sparkonten zu halten, anstatt es in Märkte mit Chancen auf eine positive Rendite zu investieren. Die Angst vor potenziellen Verlusten ist offenbar zu groß. Und die Kursrückgänge bei den Aktien von Volkswagen und der Deutschen Bank tragen nicht dazu bei, die Menschen zu ermutigen.

Gelingt das auch den Anlageberatern der Banken nicht?

Auch sie sind durch die immer stärkere Regulierung zurückhaltender geworden, was Anlageempfehlungen angeht.

Es gibt Untersuchungen, wonach Privat­anleger am Aktienmarkt im Großen und Ganzen nicht gut abschneiden. Welche Fehler machen sie?

Vielen Menschen fällt es schwer, sich von einmal gefassten Ideen zu lösen. Das führt dazu, dass man Verluste zu groß werden lässt, ehe man sie durch Verkäufe begrenzt. Außerdem werden manche wirklich guten Aktien nicht gekauft, weil sie vermeintlich schon zu teuer sind. Dabei hat es ja vielleicht seinen Grund, dass sie so teuer sind. Allerdings findet man solche Verhaltensmuster durchaus auch bei dem einen oder anderen Profi-Anleger!

Was würden Sie Privatanlegern, die sich am Aktienmarkt engagieren wollen, raten?

Ich bin ein Anhänger der breiten Streuung. Daher halte ich es für sinnvoll, in einen Fonds zu investieren, der beispielsweise europaweit in Aktien anlegt, um auch eine internationale Streuung zu erreichen. Wer dagegen nach Einzeltiteln sucht, muss viel Zeit aufwenden, um Informationen über die Unternehmen und Märkte zu sammeln. Nicht alle Menschen sind bereit, sich so viel Mühe zu machen. Ratsam ist es außerdem, das Geld nicht auf einen Schlag zu investieren, sondern über längere Zeit verteilt. Auf diese Weise erhält man einen im Schnitt passablen Einstandskurs.

Wie groß ist das Risiko, dass die Kurse am Aktienmarkt durch die lange Niedrigzinsphase stark aufgebläht sind?

Das ist schwer zu sagen. Man kommt aber nicht an der Tatsache vorbei, dass es derzeit sehr schwierig ist, andere gute Anlagen zu finden, die das eingesetzte Kapital erhalten und noch eine angemessene Rendite bringen. Investoren, die Aktien mit einer Dividendenrendite von drei Prozent oder mehr ausgewählt haben, können auch eine Kursdelle aussitzen, wenn sie davon ausgehen, dass die Dividende stabil bleibt.

Aktuell gehen viele Analysten davon aus, dass die Aktienkurse auch im kommenden Jahr weiter steigen werden. Wie sieht Ihre Prognose aus?

Da bin ich etwas skeptischer. Nach meiner Einschätzung werden die Kurse mit deutlichen Schwankungen etwa um das derzeitige Niveau pendeln. Ich kann im Moment nicht erkennen, wo die Fantasie für kräftige Kurssteigerungen herkommen sollte. Dafür gibt es eine Reihe von Risiken, zum Beispiel die Ungewissheit über die künftigen Wachstums­raten in den Schwellenländern oder die Auswirkungen der Verhandlungen über den Brexit.

Wie lange bleiben die Zinsen noch so niedrig wie heute?

Es herrscht längst Einigkeit darüber, dass die Nullzinspolitik der Europä­ischen Zentralbank erhebliche Probleme mit sich bringt. So werden Risiken nicht mehr angemessen verzinst. Den Bürgern wird es erschwert, für ihr Alter vorzusorgen, und die Unternehmen müssen immer höhere Rückstellungen bilden, um Firmenrentenzusagen einhalten zu können. Aber ich sehe keine Anzeichen für spürbar höhere Zinsen in Europa. Die wirtschaftlichen Schwierigkeiten in vielen europäischen Staaten lassen dafür derzeit wenig Spielraum.

Am Sonnabend findet in Hamburg der 21. Börsentag statt. Welches Thema steht diesmal im Vordergrund?

Eindeutig die Frage, wie man mit dem Niedrigzins umgeht. Etliche Vorträge beschäftigen sich damit. Mit knapp 70 Vorträgen und 80 Ausstellern sind die Kapazitäten wieder gut ausgelastet. Wir sind stolz, in diesem Jahr unter den börsennotierten Unternehmen auch Beiersdorf als Aussteller gewonnen zu haben, und erwarten etwa 6000 Besucher.

Wie ist es in diesem Jahr bisher für die Börse Hamburg gelaufen?

Während die Börsenumsätze in Deutschland in den ersten neun Monaten insgesamt um etwa 15 Prozent gesunken sind, hat die Böag, in der die Börsen Hamburg und Hannover zusammengeschlossen sind, ein Plus im deutlich zweistelligen Prozentbereich erreicht. Marktteilnehmer, die unsere Kunden sind, haben ihre Aktivitäten im Markt der festverzinslichen Wertpapiere hochgefahren. So ist es uns gelungen, Umsatzsteigerungen im Bereich der Unternehmsanleihen zu erzielen.

Im September wurde bekannt, dass die Böag, die Trägergesellschaft der Börsen Hamburg und Hannover, die Düsseldorfer Börse übernehmen will. Wie ist hier der Stand?

Da sind wir auf einem guten Weg, auch wenn noch verschiedene Einzelheiten zu klären sind. Das Umfeld für die Regionalbörsen ist in den zurückliegenden Jahren nicht einfacher geworden. Wir sind damit vergleichsweise ordentlich zurechtgekommen, aber wir halten es für geboten, durch Kooperationen effizienter zu werden. Darüber hinaus haben wir auch immer noch Ideen, wie wir uns neue Geschäftsfelder erschließen können.

Welche sind das denn?

Wir werden voraussichtlich noch vor dem Jahresende Näheres dazu sagen können. Es geht dabei auch um einen Markt, den bisher noch keine deutsche Börse bearbeitet. Abgesehen von solchen konkreten Plänen denken wir darüber nach, welche Geschäftschancen das Wachstumsfeld des „Social Tradings“, bei dem private Anleger die Strategien anderer, erfolgreicher Anleger über ein soziales Netzwerk verfolgen und nachbilden können, für eine Börse bietet.

Geht nicht den Börsen ein immer größerer Teil ihres bisherigen Geschäfts dadurch verloren, dass die Banken untereinander eigene Handelskanäle aufbauen?

Diese Tendenz hat es gegeben. In der jüngsten Zeit sehen wir aber, dass das Geschäft zu uns zurückkommt, weil die zunehmenden regulatorischen Anforderungen an solche außerbörslichen Plattformen es für die Banken immer unattraktiver machen, die Börsen zu umgehen.